Moral und Ethik im Krieg

»Mo­ral und Ethik« im Krieg ….. und Clausewitz?

»Das Meer, das Meer …«

Xe­no­phon (*zwi­schen 430 und 425 v. Chr.; †ca. 354 v. Chr.), ein Schü­ler So­kra­tes´, grie­chi­scher Po­li­ti­ker, Schrift­stel­ler und Heer­füh­rer, schil­der­te in sei­nem Werk »Ana­ba­sis« den per­si­schen Feld­zug des jün­ge­ren Ky­ros (*580 v. Chr.; †530 v. Chr.) ge­gen Ar­ta­xer­xes II. (*et­wa 453 v. Chr.; †359/58 v. Chr.).

Der Pri­vat­mann Xe­no­phon über­nahm in ei­ner schwie­ri­gen und na­he­zu aus­sichts­lo­sen Si­tua­ti­on die Füh­rung der grie­chi­schen Sol­da­ten. Spä­ter ging die­ses Er­eig­nis als »Zug der Zehn­tau­send« in die Ge­schich­te ein. Sei­ne um­sich­ti­ge Füh­rung in Ge­fech­ten, sein Ver­ständ­nis für die Sor­gen und Nö­te der Sol­da­ten tru­gen zum Ge­lin­gen die­ses le­gen­dä­ren Rück­zu­ges bei, der sich un­ter Be­dräng­nis der per­si­schen Rei­te­rei vollzog.

Das Bei­spiel die­ses Zu­ges zeigt, wie wich­tig das Zu­sam­men­wir­ken von Füh­rung und Mo­ral der Trup­pen für das Ge­lin­gen ei­nes Un­ter­neh­mens in schein­bar aus­sichts­lo­ser La­ge sein kann. Den Sol­da­ten war das Ziel ih­rer An­stren­gun­gen be­kannt und sie lie­ßen – an­ge­sichts des Er­rei­chens ih­res Be­stim­mungs­or­tes – ih­ren Emo­tio­nen frei­en Lauf. Ähn­li­che Er­schei­nun­gen spie­geln sich in der Mi­li­tär­ge­schich­te von der An­ti­ke bis in die Neu­zeit nicht sel­ten wider.

Nach­fol­gen­der Text­teil aus »Ana­ba­sis« wird auch als »Ju­bel­ruf der Ret­tung: θάλαττα θάλαττα« in der Li­te­ra­tur geführt.

»(…) 21. Am fünf­ten Tag ka­men sie bei dem hei­li­gen Berg an, der den Na­men Techs führ­te. Als die ers­ten den Berg er­stie­gen hat­ten und das Meer er­blick­ten, er­hob sich ein lau­tes Geschrei. […]
22. Als es Xe­no­phon hör­te, glaub­te er und die Sol­da­ten der Nach­hut, dass von vorn her an­de­re Fein­de angegriffen; […]
24. Er schwang sich al­so aufs Ross und spreng­te mit Ly­ki­os und der Rei­te­rei zu Hil­fe. Da hör­ten sie denn bald den auf­mun­tern­den Ruf der Sol­da­ten: das Meer, das Meer! Nun lief al­les, selbst die Sol­da­ten der Nach­hut; auch das Zug­vieh und die Pfer­de wur­den hingetrieben. […]
25. Als nun al­le auf dem Berg an­ge­langt wa­ren, da fie­len Heer­füh­rer und Haupt­leu­te ein­an­der un­ter Trä­nen in die Ar­me. Und auf der Stel­le tru­gen die Sol­da­ten wie auf ei­nen Be­fehl Stei­ne zu­sam­men und er­rich­te­ten ei­nen gro­ßen Hügel. (…)«
(Vergl. »Xe­no­phon Ana­ba­sis Der Zug der Zehn­tau­send«, Phil­lipp Re­clam, 1958, S. 136 bis 137)

Zug der Zehn­tau­send Quel­le : Wi­ki­pe­dia. org

Die Un­ter­su­chung der Fra­ge nach dem Zu­sam­men­wir­ken von Trup­pen­füh­rung so­wie dem Geist und der Mo­ral be­waff­ne­ter For­ma­tio­nen in Be­wäh­rungs­si­tua­tio­nen – nicht nur im Krieg – ist [aus Sicht des Au­tors] vor­ran­gig ei­ne so­zio­lo­gi­sche Fra­ge. Die­se Be­trach­tungs­wei­se lässt sich mit der Er­kennt­nis un­ter­mau­ern, dass be­reits in der Mit­te des 18. Jhd. durch den schot­ti­schen Mo­ral­phi­lo­so­phen Adam Smith (∗1723; †1790) – dem Be­grün­der der klas­si­schen Na­tio­nal­öko­no­mie – der Zu­sam­men­hang mi­li­tä­ri­scher Fra­gen und so­zia­ler Fra­gen un­ter­sucht wurde.

»(…) Die Be­fas­sung der So­zi­al­wis­sen­schaf­ten mit der Or­ga­ni­sa­ti­on Mi­li­tär reicht bis weit in die Zeit vor der Eta­blie­rung et­wa von So­zio­lo­gie oder Po­li­tik­wis­sen­schaft als ei­gen­stän­di­gen Dis­zi­pli­nen zu­rück. So ver­weist be­reits in der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts Adam Smith (1723–1790) auf die en­gen Be­zie­hun­gen zwi­schen der wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Ord­nung ei­nes Staa­tes und dem Militär. (…)«
(Vergl. »Hand­buch Mi­li­tär und So­zi­al­wis­sen­schaft«, Hg. Ga­reis, Klein, VS Ver­lag für So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, 2006, S. 9)

Seit die­ser Zeit wur­de und wird die­se Fra­ge – bis in die Ge­gen­wart hin­ein – wie­der­holt ana­ly­siert und wei­ter ent­wi­ckelt. Die Ter­mi­ni Krieg, Ge­ni­us der Trup­pen­füh­rer, [Kampf]Moral, Kampf­kraft, mi­li­tä­ri­sche Tu­gen­den sind nicht von ethi­schen Fra­gen zu tren­nen, da al­le von der je­wei­li­gen Po­li­tik de­ter­mi­niert werden.

In die­sem Zu­sam­men­hang stellt sich die Fra­ge, in­wie­weit Carl von Clau­se­witz (∗1. Ju­li 1780; †16. No­vem­ber 1831) sich die­sen Fra­gen in ih­rer Ge­samt­heit wid­me­te. Krieg war bis in die Ge­gen­wart hin­ein im­mer ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung auf Le­ben und Tod. Clau­se­witz be­trach­te­te den Krieg – in sei­nem Haupt­werk »Vom Krie­ge« – als ei­nen er­wei­ter­ten Zwei­kampf, in dem die Kon­tra­hen­ten ver­su­chen, ih­ren Geg­ner nie­der­zu­wer­fen und so­mit kampf­un­fä­hig zu ma­chen. Der dia­lek­ti­sche Zu­sam­men­hang von Mit­tel und Zweck des Krie­ges wird hier über­zeu­gend dargestellt.

»(…) Der Krieg ist al­so ein Akt der Ge­walt, um den Geg­ner zur Er­fül­lung un­se­res Wil­lens zu zwin­gen. […] d. h., die phy­si­sche Ge­walt [denn ei­ne mo­ra­li­sche gibt es au­ßer dem Be­grif­fe des Staa­tes und Ge­set­zes nicht], ist al­so das Mit­tel, dem Fein­de un­se­ren Wil­len auf­zu­drin­gen, der Zweck. (…)« 
(Vergl. Carl von Clau­se­witz »Vom Krie­ge«, Hg. En­gel­berg, Kor­fes, Ver­lag MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, 1. Ka­pi­tel, S. 17)

Da­bei muss der or­ga­ni­sier­te be­waff­ne­te Kampf – der krie­ge­ri­sche Akt nach Clau­se­witz – im­mer als Haupt­form be­trach­tet wer­den. Wo­bei er hier ab­wei­chen­de Va­ri­an­ten einräumt.

»(…) Ist nun das Ziel des krie­ge­ri­schen Ak­tes ein Äqui­va­lent für den po­li­ti­schen Zweck, so wird er im all­ge­mei­nen mit die­sem her­untergehen, und zwar um so mehr, je mehr die­ser Zweck vor­herrscht; und so er­klärt es sich, wie oh­ne in­ne­ren Wi­der­spruch es Krie­ge mit al­len Gra­den von Wich­tig­keit und En­er­gie ge­ben kann, von dem Ver­nich­tungs­krie­ge hin­ab bis zur blo­ßen bewaff­neten Beobachtung.(…)«
(Vergl. Carl von Clau­se­witz »Vom Krie­ge«, Hg. En­gel­berg, Kor­fes, Ver­lag MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, 1. Ka­pi­tel, S. 26)

Im Fal­le ei­nes »Ver­nich­tungs­krie­ges« war al­so das Ziel, das geg­ne­ri­sche Ter­ri­to­ri­um zu be­set­zen, die geg­ne­ri­schen be­waff­ne­ten Kräf­te zu ver­nich­ten – d. h. tö­ten, ver­wun­den – oder ge­fan­gen zu neh­men. Wehr­los ma­chen war das Ziel

»(…) Wir ha­ben ge­sagt: Den Feind wehr­los zu ma­chen sei das Ziel des krie­ge­ri­schen Ak­tes, […] Hier­aus folgt: daß die Ent­waff­nung oder das Nie­der­wer­fen des Fein­des, wie man es nen­nen will, im­mer das Ziel des krie­ge­ri­schen Ak­tes sein muß. (…)«
(Vergl. Carl von Clau­se­witz »Vom Krie­ge«, Hg. En­gel­berg, Kor­fes, Ver­lag MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, 1. Ka­pi­tel, S. 19 bis 20)

Die Ver­wirk­li­chung mög­li­cher Kriegs­zie­le in Ab­hän­gig­keit der Me­tho­den krie­ge­ri­scher Ak­te war al­so von ei­ner Rei­he ele­men­ta­rer Fak­to­ren ab­hän­gig, zu der aber auch die Kriegs­kul­tur ge­hört. Im Haupt­werk Clausewitz´stoßen wir kon­kret we­nigs­tens an 52 Stel­len [Quel­le des Au­tors] auf den Be­griff »Mo­ra­li­sche Kräf­te, Wir­kun­gen und Grö­ßen im Krie­ge«. Den Ober­be­griff »Ethik« fin­den wir in­des nicht. Das ist er­staun­lich, da sich zum Bei­spiel Kant – der Clau­se­witz nicht un­be­kannt war – prin­zi­pi­ell mit ethi­schen Fra­gen aus­ein­an­der ge­setzt hat­te. Ob Clau­se­witz Kants ethi­sche Schrif­ten, be­son­ders aber die »Me­ta­phy­sik der Sit­ten« – er­schie­nen 1797 – je­mals ge­le­sen hat, wis­sen wir nicht. Gleich­wohl spie­geln sich Kants »Mo­ral­phi­lo­so­phie und die Tu­gend­leh­re« in sei­nen Wer­ken wider.

Pe­ter Pa­ret for­mu­liert dahingehend:

»(…) Clau­se­witz selbst war je­den­falls kein ge­lern­ter Phi­lo­soph. Wir wis­sen nicht mit Si­cher­heit, ob er die Kri­ti­ken Kants […] ge­le­sen hat. (…)«
(Vergl. »Clau­se­witz und der Staat«, Hg. Pe­ter Pa­ret, Dümm­ler, 1993, S. 188)

Clau­se­witz sel­ber wird al­so mit­nich­ten ein »Kan­tia­ner« ge­we­sen sein, aber er war ge­prägt durch sei­nen Leh­rer Kie­se­wet­ter, bei dem er an der Kriegs­schu­le in Ber­lin über die Kant­sche Phi­lo­so­phie hör­te. Dass er Kants Me­ta­phy­sik, hier den »ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tiv« mit sei­ner Grundaussage …

»(…) hand­le nur nach der Ma­xi­me, durch die du zu­gleich wol­len kannst, daß sie ein all­ge­mei­nes Ge­setz werde. (…)«
(Vergl. Kant: AAA IV, Grund­la­gen zur Me­ta­phy­sik der Sit­ten, S. 421)

… even­tu­ell kann­te und ver­stan­den ha­ben dürf­te, se­hen wir an­hand sei­nes Po­li­tik­ver­ständ­nis­ses als ge­ge­ben an. Die Su­che nach sitt­li­chen Lö­sun­gen in mi­li­tä­ri­schen Kon­flik­ten ist auch zu be­mer­ken, wenn es um Le­ben und Tod – al­so um den Krieg – geht. So le­sen wir in »Vom Krie­ge« Fol­gen­des zur An­wen­dung äu­ßers­ter Gewalt:

»(…) Sind Krie­ge ge­bil­de­ter Völ­ker viel we­ni­ger grau­sam und zer­stö­rend als die der un­ge­bil­de­ten, so liegt das in dem ge­sell­schaft­li­chen Zu­stan­de so­wohl der Staa­ten in sich als un­ter sich. […] Fin­den wir al­so, daß ge­bil­de­te Völ­ker den Ge­fan­ge­nen nicht den Tod ge­ben, Stadt und Land nicht zer­stö­ren, so ist es, weil die In­tel­li­genz in ih­rer Kriegs­füh­rung mehr mischt und ih­nen wirk­sa­me­re Mit­tel zur An­wen­dung der Ge­walt ge­lehrt hat als die­se ro­hen Äu­ße­run­gen des Instinkts. (…)«
(Vergl. Carl von Clau­se­witz »Vom Krie­ge«, Hg. En­gel­berg, Kor­fes, Ver­lag MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, 1. Ka­pi­tel, S. 18 bis 19)

Aber auch in der Kor­re­spon­denz mit sei­ner Frau Ma­rie ist sitt­li­ches Po­li­tik­ver­ständ­nis zu er­ken­nen. So schrieb Clau­se­witz am 12. Ju­li 1815 aus Fon­tain­bleau – nach­dem Na­po­lé­on end­gül­tig ge­schla­gen war – über sei­ne Be­fürch­tun­gen des un­eh­ren­haf­ten Um­gan­ges mit dem un­ter­le­ge­nen Geg­ner. Er hat­te von un­an­ge­mes­se­nen Kon­tri­bu­tio­nen er­fah­ren. Für Blü­chers For­de­rung, die »Brü­cke von Je­na« in Pa­ris zu spren­gen, hat­te er kei­ner­lei Ver­ständ­nis. Die­se Brü­cke wur­de nach dem Sieg Bo­na­par­tes bei Je­na und Au­er­stedt 1806 so be­nannt. F. W. III. konn­te das ver­hin­dern. Clau­se­witz hat­te ei­nen Prä­li­mi­n­ar­frie­den mit Frank­reich im Sinn, der kei­nen neu­en Krieg im Keim ha­ben würde.

»(…) Mein sehn­lichs­ter Wunsch ist […], schreibt er an Ma­rie, […] daβ die­ses Nach­spiel ein bal­di­ges En­de neh­men mö­ge; denn ei­ne Stel­lung mit dem Fuβe auf dem Na­cken ei­nes an­de­ren ist mei­nen Emp­fin­dun­gen zu­wi­der und der un­end­li­che Kon­flikt von In­ter­es­sen und Par­tei­un­gen mei­nem Ver­stan­de. Ge­schicht­lich wer­den die Eng­län­der die schöns­te Rol­le in die­ser Ka­ta­stro­phe spie­len; denn sie schei­nen nicht wie wir her­ge­kom­men zu sein mit der Lei­den­schaft der Ra­che und Wie­der­ver­gel­tung, son­dern wie ein züch­ti­gen­der Meis­ter mit stol­zer Käl­te und ta­del­lo­ser Rein­heit – kurz, vor­neh­mer als wir. (…)«
(Vergl. Carl und Ma­rie von Clau­se­witz – Brie­fe, Ein Le­ben im Kampf für Frei­heit und Reich, von Ot­to Heu­sche­le, S. 246 bis 248)

Für Clau­se­witz war al­so die Ver­nunft im Krie­ge – frei nach Kant – von fun­da­men­ta­ler Be­deu­tung. Das La­vie­ren der sieg­rei­chen Mon­ar­chen nach Wa­ter­loo, die sich wie 1814 nicht un­be­dingt ei­nig wa­ren, wie mit dem »Un­ge­heu­er« [nach E. M. Arndt] und Frank­reich zu ver­fah­ren war, be­trach­te­te Clau­se­witz mehr als skep­tisch. Al­les war sei­ner Er­kennt­nis nach ab­hän­gig vom Ver­hält­nis zwi­schen Zweck und Mit­tel, al­so vom »Kriegs­plan«. So for­mu­liert in »Vom Kriege«:

»(…) Der Kriegs­plan faßt den gan­zen Akt zu­sam­men, […] Man fängt kei­nen Krieg an, oder man soll­te ver­nünf­ti­ger­wei­se kei­nen an­fan­gen, oh­ne sich zu sa­gen, was man mit und was man in dem­sel­ben er­rei­chen will, das ers­te­re ist der Zweck, das an­de­re das Ziel. (…)«
(Vergl. Carl von Clau­se­witz »Vom Krie­ge«, Hg. En­gel­berg, Kor­fes, Ver­lag MfNV, Ber­lin 1957, Skiz­zen zum ach­ten Buch Kriegs­plan, 2. Ka­pi­tel, S. 694)

An die­ser Stel­le sei ein kur­zer Blick in die Ge­gen­wart ge­stat­tet. Die Welt war un­längst Zeu­ge, wie die NA­TO-Trup­pen nach rund zwei Jahr­zehn­ten kopf­los aus Af­gha­ni­stan ab­zo­gen, oh­ne ir­gend­ei­nen nach­hal­ti­gen Er­folg ih­res Krie­ges ver­zeich­nen zu kön­nen. Da­mit en­de­te auch der ver­lust­reichs­te und teu­ers­te Ein­satz der Bun­des­wehr in ih­rer Ge­schich­te. Ins­ge­samt star­ben seit 2001 über 3.500 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten der NATO und ih­rer Ver­bün­de­ten in Af­gha­ni­stan. Da­von lei­der auch 59 Sol­da­ten der Bun­des­wehr. Seit 2009 sind über 39.000 Men­schen aus der Zi­vil­be­völ­ke­rung ge­tö­tet und über 73.500 ver­letzt worden.
(Vergl. Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung, 7.6. 2021, Po­li­tik, Hin­ter­grund aktuell)

Wenn die Po­li­ti­ker der NA­TO-Staa­ten 2001 Clau­se­witz ge­kannt und ver­in­ner­licht hät­ten, wä­re die­ser Krieg – wie vie­le an­de­re auch – in die­ser Form nie ge­führt wor­den. Zu ei­nem Par­al­lel­ereig­nis liegt ei­ne sel­te­ne of­fe­ne Kri­tik ei­nes Trup­pen­kom­man­deurs an der Po­li­tik vor. Be­reits 2006 hat­te der bri­ti­sche Ge­ne­ral Sir Ri­chard Dan­natt – da­ma­li­ger Hee­res­chef im Irak – u. a. die In­va­si­on im Irak und ih­re »arm­se­li­ge« Pla­nung kri­ti­siert. Die Bri­ten wa­ren seit der In­va­si­on im März 2003 der wich­tigs­te aus­län­di­sche Ver­bün­de­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten im Irak. Ins­ge­samt wa­ren et­wa 7.000 Sol­da­ten im Einsatz.

»(…) Die Ge­schich­te wer­de ver­mut­lich zei­gen, daß die Pla­nung für die Nach­kriegs­pha­se arm­se­lig ge­we­sen sei und mehr auf Op­ti­mis­mus be­ruht ha­be. „Die ur­sprüng­li­che Ab­sicht war, ei­ne frei­heit­li­che De­mo­kra­tie ein­zu­set­zen, die ein Vor­bild für die Re­gi­on und pro-west­lich sein und viel­leicht ei­nen po­si­ti­ven Ef­fekt auf das Gleich­ge­wicht im Na­hen Os­ten ha­ben wür­de“, sag­te Dan­natt. „Ich glau­be nicht, daß wir das er­rei­chen werden.“ (…)«
(Vergl. faz​.net, 2006)

Al­les deu­tet auf ein ele­men­ta­res Feh­len ei­ner po­li­ti­schen Ethik im Clausewitz`schen Sin­ne hin. Be­trach­tet man al­so die Mo­ral­phi­lo­so­phie Kants mit Clau­se­witz´ Au­gen, so stößt der Le­ser auf fol­gen­de Fak­ten. Die Mo­ral wirkt un­ter be­stimm­ten Ge­setz­mä­ßig­kei­ten: der Ver­nunft, der Sit­ten­ge­set­ze und der Be­fol­gung von für den Men­schen all­ge­mein gül­ti­gen Rechts­nor­men. Hier wirkt al­so Kants ka­te­go­ri­scher Im­pe­ra­tiv, wie be­reits wei­ter vorn dargestellt.

Keh­ren wir zum Aus­gangs­punkt der Be­trach­tung zu­rück und be­ur­tei­len das We­sen des Han­delns Xe­no­phons und sei­ner Ge­treu­en, so er­ken­nen wir das Wech­sel­spiel von Mo­ral und Ethik im Han­deln der Sol­da­ten. Die Ge­schich­te des »Zu­ges der Zehn­tau­send« spie­gelt in vie­len ein­zel­nen Epi­so­den den Kampf der Grie­chen um mo­ra­lisch und ethisch gu­tes Han­deln wider.
(Vergl. »Xe­no­phon Ana­ba­sis Der Zug der Zehn­tau­send«, Phil­lipp Re­clam, 1958)

Was letzt­end­lich in der Met­ha­pher »Das Meer, das Meer …« wi­der­ge­spie­gelt wird. Wo­bei auch zu er­ken­nen ist, dass ge­ra­de mo­ra­li­sches und ethi­sches Han­deln im Kampf nicht im­mer der Theo­rie folgt oder fol­gen kann.

Zu al­len Zei­ten, wie auch in der Clausewitz`schen – der des frü­hen 19. Jhd. – gal­ten und gel­ten die je­wei­li­gen tem­po­rä­ren Mo­ral­auf­fas­sun­gen der ein­zel­nen Völ­ker. All­ge­mein­gül­tig und zeit­los kann je­doch fol­gen­de Sicht für Sol­da­ten z. B. an­ge­nom­men werden.

»(…) Es gibt ge­schicht­lich ei­ne Mo­ral der Tap­fer­keit, ei­ne Mo­ral des Ge­hor­sams, ei­ne Mo­ral des Stol­zes, des­glei­chen der De­mut, der Macht, der Schön­heit, der Wil­lens­stär­ke, der Man­n­estreue, des Mit­leids. Von al­ler po­si­ti­ven Mo­ral zu un­ter­schei­den ist aber die Ethik als sol­che mit ih­rer all­ge­mei­nen, idea­len For­de­rung des Gu­ten, wie sie in je­der spe­zi­el­len Mo­ral schon ge­meint und vor­aus­ge­setzt ist.
Ih­re Sa­che ist es zu zei­gen, was über­haupt „gut“ ist. (…)«
(Vergl. Ethik, Hg. Ni­co­lai Hart­mann, De Gruy­ter & Co, 1962, S. 37)

Be­deut­sam in die­sem Zu­sam­men­hang ist, wie Clau­se­witz die Rol­le des mensch­li­chen [sol­da­ti­schen] Geis­tes in sei­nem Haupt­werk »Vom Krie­ge« spä­ter ins Spiel bringt und den Men­schen als Sub­jekt des Kamp­fes sieht.

»(…) Die Kriegs­kunst hat es mit le­ben­di­gen und mo­ra­li­schen Kräf­ten zu tun, dar­aus folgt, daß sie nir­gends das Ab­so­lu­te und Ge­wis­se er­rei­chen kann; es bleibt al­so über­all dem Un­ge­fähr ein Spiel­raum, und zwar eben­so groß bei den Größ­ten wie bei den Kleins­ten. Wie die­ses Un­ge­fähr auf der ei­nen Sei­te steht, muß Mut und Selbst­ver­trau­en auf die an­de­re tre­ten und die Lü­cke aus­fül­len. So groß wie die­se sind, so groß darf der Spiel­raum für je­nes wer­den. Mut und Selbst­ver­trau­en sind al­so dem Krie­ger ganz we­sent­li­che Prinzipe. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, Kap. 1, S. 32)

Clau­se­witz, ein Schü­ler Scharn­horsts, re­zi­pier­te hier auch of­fen­sicht­lich des­sen Schrift »Ent­wick­lung der all­ge­mei­nen Ur­sa­chen des Glücks der Fran­zo­sen in dem Re­vo­lu­ti­ons­krie­ge und ins­be­son­de­re in dem Feld­zu­ge von 1794«. In die­sem Werk ana­ly­sier­te Scharn­horst sei­ne Er­leb­nis­se aus der Teil­nah­me am Krieg ge­gen Frank­reich von 1793 bis 1795. Ne­ben der Quel­le des Kriegs­glücks der Fran­zo­sen stellt er vor al­lem den Ur­sprung der ei­ge­nen Nie­der­la­gen dar.

»(…) aber wenn 5 bis 6 Ar­me­en in 5 Jah­ren 10 Feld­zü­ge fast im­mer un­glück­lich en­di­gen; […] dann kön­nen nicht bloß zu­fäl­li­ge Er­eig­nis­se und nicht bloß ein­zel­ne durch Be­stechung, Un­ei­nig­keit, Ka­ba­len oder Un­wis­sen­heit ent­stan­de­ne Feh­ler die Ur­sa­che des Un­glücks sein; dann muß ih­re Quel­le in all­ge­mei­nern Übeln liegen. (…)«
(Vergl. »Scharn­horst Aus­ge­wähl­te mi­li­tä­ri­sche Schrif­ten«, Hg. Usc­zek und Gud­zent, MV, 1986, S. 98)

Als ei­ne der Ur­sa­chen stell­te Scharn­horst die Wir­kungs­wei­se der völ­lig ver­än­der­ten Fecht­wei­se der re­vo­lu­tio­nä­ren Fran­zo­sen dar. Die frei nach der Idee des Gra­fen La­za­re Ni­co­las Mar­gue­ri­te Car­not (∗1753; †1823) mit dem Leit­satz »Le­vée en mas­se« das  Schlacht­feld be­tra­ten und mit der Idee –  »Agir tou­jours en mas­se«»in Mas­sen han­deln, kei­ne Ma­nö­ver mehr, kei­ne Kriegs­kunst, son­dern Feu­er, Stahl und Va­ter­lands­lie­be«, von Sieg zu Sieg eilten.
(Vergl. M. Howard »Krieg in der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te: vom Mit­tel­al­ter bis …«, S. 114)

Scharn­horst sah die Ur­sa­chen für die Sieg­haf­tig­keit der Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen nicht nur in de­ren neu­en Fecht­wei­se, son­dern vor al­lem durch de­ren mo­ra­li­sche Über­le­gen­heit, durch den Sol­da­ten neu­en Typs. Da Clau­se­witz als jun­ger Ge­frei­ten-Cor­po­ral mit sei­nen Ka­me­ra­den am 6. Ju­ni 1793 das Dorf Zahl­bach vor Mainz stürm­te – al­so Teil­neh­mer die­ser Krie­ge war – kann­te er die­se Er­schei­nun­gen aus ei­ge­nem Er­le­ben und konn­te so­mit Scharn­horsts Dar­le­gun­gen durch­aus ver­ste­hen und verarbeiten.

Clau­se­witz hat­te be­reits in ei­ner Rei­he sei­ner frü­he­ren Schrif­ten wie »Stra­te­gie aus dem Jahr 1804 mit Zu­sät­zen von 1808 und 1809», »Be­kennt­nis­schrift von 1812« so­wie »Preus­sen in sei­ner gro­ßen Ka­ta­stro­phe« aus den Jah­ren 1823/24 die Be­deu­tung und Ver­knüp­fun­gen der Auf­fas­sun­gen von Zweck, Ziel und Mit­tel, Stra­te­gie und Tak­tik so­wie von An­griff und Ver­tei­di­gung dargelegt.

Den Fak­to­ren von Geist und Mo­ral und de­ren Wir­kungs­wei­sen in den un­ter­schied­li­chen Ebe­nen der Trup­pen und in der Theo­rie all­ge­mein, räum­te Clau­se­witz da­bei ei­nen her­aus­ra­gen­den Platz ein. Noch be­vor Fich­te sei­ne Schrift über Ma­chia­vel­li  im Jahr 1807 nie­der­leg­te und Clau­se­witz an­onym – als ein un­ge­nann­ter Mi­li­tär mit Send­schrei­ben an Fich­te – im Jahr 1809 dar­auf re­agier­te, be­zog er sich in sei­ner »Stra­te­gie aus dem Jahr 1804« auf den ita­lie­ni­schen Phi­lo­so­phen. Clau­se­witz an­onym an Fichte:

»(…) Ma­chia­vel­li, der ein sehr ge­sun­des Ur­teil in Kriegs­sa­chen hat, be­haup­tet, daß es schwe­rer sei, ei­ne Ar­mee mit fri­schen Trup­pen zu schla­gen, die eben ge­siegt hat, als sie vor­her zu schla­gen. Er be­legt dies mit meh­re­ren Bei­spie­len und be­haup­tet ganz rich­tig, der er­run­ge­ne mo­ra­li­sche Vor­teil er­set­ze den Ver­lust reichlich. (…)« 
(Vergl. »Clau­se­witz Stra­te­gie«, Hg. E. Kes­sel, Han­sea­ti­sche Ver­lags­an­stalt Ham­burg, 1937, S. 41)

Die Be­griff vom »mo­ra­li­schen Vor­teil« so­wie »Geist der Trup­pen« – ex­pli­zit in Clausewitz´»Preussen in sei­ner gro­ßen Ka­ta­stro­phe« er­wähnt – be­glei­te­ten Clau­se­witz auch in sei­ner Kri­tik an Bü­low (von 1805) bis hin in sein Haupt­werk »Vom Krie­ge«. Die krie­ge­ri­sche Tu­gend der kämp­fen­den Trup­pen, die von ihm als »mo­ra­li­sche Potenz∗«
∗(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 5, S. 171) be­zeich­net wur­de, war letzt­end­lich der Ga­rant der sieg­rei­chen Krie­ge Preu­ßens ge­gen Na­po­lé­on in den Jah­ren 1813 bis 1815.

Nic­colò di Ber­nar­do dei Ma­chia­vel­li (*1469; †1527) (Quel­le: Wikipedia)

Die »Be­frei­ungs­krie­ge« bo­ten ei­ne Rei­he von über­zeu­gen­den Bei­spie­len, die die mo­ra­li­sche Kraft der neu ge­schaf­fe­nen Land­wehr de­mons­trier­ten. Gnei­sen­au be­rich­te­te Clau­se­witz dar­über aus Gold­berg un­ter dem 28. Au­gust 1813:

»(…) Mein teu­rer Freund. Wir ha­ben vor­ges­tern ei­ne schö­ne Schlacht ge­won­nen; ent­schei­dend, wie die Fran­zo­sen noch nie ent­schei­dend ei­ne ver­lo­ren ha­ben. […] Die­se Schlacht ist der Tri­umph un­se­rer neu­ge­schaf­fe­nen In­fan­te­rie. […] Ein Land­wehr­ba­tail­lon v. Thie­le ward von feind­li­cher Rei­te­rei um­ringt und auf­ge­for­dert, sich zu er­ge­ben. Es feu­er­te; nur ein Ge­wehr ging los. Den­noch er­ga­ben die Land­wehr­män­ner sich nicht; Nein! Nein! schrien sie, und stie­ßen mit den Ba­jo­net­ten. […] Nur das Ge­schrei der Strei­ten­den er­füll­te die Luft; die blan­ke Waf­fe entschied. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au Ein Le­ben in Brie­fen«, Hg. Dr. Karl Gri­wank, Ko­eh­ler & Amelang/Leipzig, S. 246 bis 248)

Wo­bei der ge­nia­le Feld­herr Gnei­sen­au durch­aus auch die Män­gel die­ser neu­en In­fan­te­rie pos­tu­lier­te und auf teil­wei­ses feh­len­des Steh­ver­mö­gen der Land­wehr hin­wies. Die Re­for­mer um Scharn­horst, Gnei­sen­au u. a. – zu de­nen auch Clau­se­witz im er­wei­ter­ten Sin­ne ge­hör­te – konn­ten Rück­schlä­ge in der Prä­senz der Land­wehr im Kampf nie ganz aus­schlie­ßen. Hier wirk­ten die Clausewitz´schen Frik­tio­nen, dar­ge­legt in »Vom Krie­ge«, im 1. Buch, Ka­pi­tel 7 »Frik­tio­nen im Krieg«.

»(…) Sie [die Land­wehr, Anm. Au­tor] stell­te ein or­ga­ni­sier­tes Volks­auf­ge­bot dar, mit un­gleich­mä­ßi­ger, oft ganz man­geln­der mi­li­tä­ri­schen Aus­bil­dung. Der na­tür­li­che Feh­ler ei­ner sol­chen Trup­pe ist der Man­gel an Zu­ver­läs­sig­keit. Un­mit­tel­bar ne­ben den Ta­ten der höchs­ten Tap­fer­keit in Mo­men­ten ei­ner glück­li­chen An­re­gung oder un­ter ei­nem un­ge­wöhn­lich kräf­ti­gen Füh­rer ist es vor­ge­kom­men, daß die Land­wehr­ba­tail­lo­ne beim ers­ten Ka­no­nen­schuß die Waf­fen weg­wer­fend auseinanderstäubten. (…)«
(Vergl. Das Le­ben des Feld­mar­schalls Gra­fen Neid­hardt von Gnei­sen­au, Hans Del­brück, in Bd. 2, Ver­lag Stil­ke, Ber­lin, 1908, S. 352)

Im Ver­lau­fe der Kampf­hand­lun­gen ge­lang es aber, durch klu­ge Füh­rung der Trup­pen ei­ne ein­zig­ar­ti­ge krie­ge­ri­sche Tu­gend zu ent­wi­ckeln, die das preu­ßi­sche Heer er­folg­reich er­schei­nen ließ.

Gnei­sen­au be­rich­te­te in ei­nem Brief an die Gat­tin vom 18. Ok­to­ber 1813 [wäh­rend der Schlacht bei Leip­zig] aus Wet­ter­witz bei Leip­zig, des Mor­gens 5 Uhr:

»(…) Schon vor­ges­tern hat die Blü­cher­sche Ar­mee aber­mals ei­nen herr­li­chen Sieg er­foch­ten. … Die Tap­fer­keit der Trup­pen un­ter­stütz­te auf das herr­lichs­te un­se­re An­ord­nun­gen. Wir hat­ten uns in Ba­tail­lons­mas­sen auf­ge­stellt. Das feind­li­che Ge­schütz wü­te­te dar­in sehr. Un­se­re Land­wehr­ba­tail­lo­ne ta­ten herr­lich. Wenn ei­ne feind­li­che Ku­gel 10 bis 15 Mann dar­nie­der­riß, rie­fen sie: Es le­be der Kö­nig! und schlos­sen sich wie­der in den Lü­cken über die Ge­tö­te­ten zusammen. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au ein Le­ben in Brie­fen«, HG Karl Grie­wank, Ver­lag Köh­ler & Ame­lang, S. 260)

Auf die Rol­le und Be­deu­tung der Tu­gen­den und des En­thu­si­as­mus der Sol­da­ten wird hier noch zu­rück­zu­kom­men sein. We­sent­lich da­bei muss die Rol­le des Ta­len­tes des Feld­her­ren ge­wür­digt wer­den, wie ein­gangs an­hand Xe­no­phons ge­schil­dert. Da­bei ist nicht nur die Fä­hig­keit der Feld­füh­rung von Be­deu­tung, son­dern auch – nicht min­der wich­tig – die Be­ga­bung zur Aus­bil­dung der Trup­pen. Aus­bil­dung und Füh­rung der Trup­pen räum­te Clau­se­witz wie Scharn­horst und Boy­en ei­nen her­aus­ra­gen­den Platz ein. Bei­de Aspek­te wur­den als Grund­vor­aus­set­zung für die freie Ent­fal­tung not­wen­di­ger krie­ge­ri­scher Tu­gen­den betrachtet.

»(…) Wie sorg­fäl­tig man sich al­so auch den Bür­ger ne­ben dem Krie­ger in ei­nem und dem­sel­ben In­di­vi­du­um aus­ge­bil­det den­ken, wie sehr man sich die Krie­ge na­tio­na­li­sie­ren und wie weit man sie sich in ei­ner Rich­tung hin­aus den­ken mö­ge, ent­spre­chend den ehe­ma­li­gen Kond­ot­tie­ris; nie­mals wird man die In­di­vi­dua­li­tät des Ge­schäfts­gan­ges auf­he­ben kön­nen, und wenn man das nicht kann, so wer­den auch im­mer die­je­ni­gen, wel­che es trei­ben und so­lan­ge sie es trei­ben, sich als ei­ne Art In­nung an­se­hen, in de­ren Ord­nun­gen, Ge­set­zen und Ge­wohn­hei­ten sich die Geis­ter des Krie­ges vor­zugs­wei­se fixieren. (…)
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 5, S. 169 bis 170)

Den Be­griff »In­nung« wähl­te Clau­se­witz be­wusst als Me­ta­pher für ei­nen an­de­ren, den des »es­prit de corps«, denn er war in die­sem Sin­ne er­zo­gen wor­den und nahm die­sen für sich durch­aus in An­spruch. Da­von zeugt u. a. ein Brief an Ma­rie vom 13. De­zem­ber 1806, aus der Ge­fan­gen­schaft geschrieben.

»(…) Wir drei jüngs­ten Brü­der sa­hen uns al­so als Edel­leu­te in der Ar­mee an­ge­stellt, und zwar mein drit­ter Bru­der nebst mir in ei­nem Re­gi­men­te [Prinz Fer­di­nand], in wel­chem nur Edel­leu­te die­nen konnten. (…)«.
(Vergl. »Carl und Ma­rie von Clau­se­witz – Brie­fe – Ein Le­ben im Kampf für Frei­heit und Reich«, Hg. Ot­to Heu­sche­le, S. 57)

Mit sei­nem vä­ter­li­chen Freund Scharn­horst tausch­te sich Clau­se­witz in der Zeit der Re­form­ar­beit re­ge über den Geist des neu­en preu­ßi­schen Hee­res aus. Scharn­horst an Clau­se­witz, Me­mel, den 27. No­vem­ber 1807:

»(…) so wird das neue Mi­li­tär, so klein und un­be­deu­tend es auch sein mag, in ei­nem an­de­ren Geis­te sich sei­ner Be­stim­mung nä­hern und mit den Bür­gern des Staa­tes in ein nä­he­res und in­ni­ge­res Bünd­nis treten. (…)«
(Vergl. »Scharn­horsts Brie­fe«, Hg. Lin­ne­bach, Kraus Rprint, S. 333 bis 336)

Aus­druck der un­ge­heu­ren An­stren­gun­gen der Re­for­mer um Scharn­horst, zu de­nen sich Clau­se­witz zäh­len konn­te, wa­ren die Ar­bei­ten an den Re­for­men der Tak­tik und der Aus­bil­dung des Hee­res. Her­aus­ge­ho­ben hier als Bei­spie­le das »Ex­er­zier-Re­gle­ment für die In­fan­te­rie der kö­nig­li­che Preu­ßi­schen Ar­mee von 1812«, das »Ex­er­zier-Re­gle­ment für die Ar­til­le­rie der kö­nig­lich Preu­ßi­schen Ar­mee von 1812« so­wie die Vor­schrift »All­ge­mei­ne Re­geln zur Be­fol­gung in den Übun­gen von 1810«. Eben­so wur­de auch der Preu­ßi­schen Ka­val­le­rie ein neu­es Re­gle­ment vorangestellt.

Al­le Ar­bei­ten, die teil­wei­se mit Mü­hen dem Kö­nig von Preu­ßen vor­ge­legt und durch die­sen be­stä­tigt wur­den, dien­ten dem schnel­len Um­set­zen der Schluss­fol­ge­run­gen aus der Nie­der­la­ge von 1806 und der kom­men­den be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Na­po­lé­on Bo­na­par­te. Im Mit­tel­punkt der Aus­bil­dung da­mals stand die Vor­be­rei­tung auf den Kampf der ver­bun­de­nen Waf­fen mit In­fan­te­rie, Ar­til­le­rie und Ka­val­le­rie. Die Trup­pe soll­te ge­fechts­nah aus­ge­bil­det und die Of­fi­zie­re an neue An­for­de­run­gen mit hö­he­rer Ver­ant­wor­tung ge­wöhnt werden.
(Vergl. »Scharn­horst Aus­ge­wähl­te mi­li­tä­ri­sche Schrif­ten«, Hg. Usc­zek und Gud­zent, MV, 1986, S. 280 bis 299)

Clau­se­witz be­schreibt die­se In­ten­tio­nen in »Vom Krie­ge« folgendermaßen:

»(…) Die Kriegs­kunst im ei­gent­li­chen Sin­ne wird al­so die Kunst sein, sich der ge­ge­be­nen Mit­tel im Kampf zu be­die­nen, und wir kön­nen sie nicht bes­ser als mit Na­men Kriegs­füh­rung be­zeich­nen. Da­ge­gen wer­den al­ler­dings zur Kriegs­kunst im wei­te­ren Sin­ne auch al­le Tä­tig­kei­ten ge­hö­ren, die um des Krie­ges wil­len da sind, al­so die gan­ze Schöp­fung der Streit­kräf­te, d. i. Aus­he­bung, Be­waff­nung, Aus­rüs­tung und Übung. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 2. Buch, Kap. 1, S. 88)

Mi­li­tä­ri­sche Tu­gen­den, die Mo­ral der Kämp­fer, ge­paart mit En­thu­si­as­mus der Trup­pe – vom Heer­füh­rer bis in das letz­te Glied der Li­nie und die Aus­bil­dung – wa­ren, so Clau­se­witz – Grund­la­gen des Sie­ges im Ge­fecht und der Schlacht. Streng wies er je­doch dar­auf hin, dass auch im Kampf Re­geln und Ge­set­ze gal­ten und zu be­rück­sich­ti­gen waren.

»(…) Grund­sät­ze, Re­geln, Vor­schrif­ten und Me­tho­den aber sind für die Theo­rie der Kriegs­füh­rung un­ent­behr­li­che Be­grif­fe, in­so­weit sie zu po­si­ti­ven Leh­ren führt, weil in die­sen die Wahr­heit nur in sol­chen Kris­tal­li­sa­ti­ons­for­men an­schie­ßen kann. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 2. Buch, Kap. 4, S. 120)

Hier spie­gelt sich of­fen­sicht­lich Kants Auf­fas­sung über Ge­set­ze, wie be­reits dar­ge­stellt, zwei­fel­los wi­der. Ne­ben den »tech­ni­schen« Vor­aus­set­zun­gen sieht Clau­se­witz noch ei­nen wei­te­ren wich­ti­gen Kom­plex von Wir­kungs­fak­to­ren im Krieg.

Das sind Tap­fer­keit, Ge­wandt­heit, Ab­här­tung, En­thu­si­as­mus, Kühn­heit, Be­harr­lich­keit, Über­ra­schung so­wie List. Die­se all­ge­mein­gül­ti­gen Fak­to­ren, die die mo­ra­li­sche Po­tenz der ge­sam­ten Trup­pe de­ter­mi­nie­ren, glie­dert Clau­se­witz je­doch wei­ter auf. Als »un­ver­kenn­ba­re Wahl­ver­wandt­schaf­ten« cha­rak­te­ri­siert er das Zu­sam­men­wir­ken von Re­geln, Ge­hor­sam und Ord­nung, ge­paart mit dem Ta­lent des Feld­her­ren und dem Volks­geist des Hee­res un­ter ver­schie­de­nen Be­din­gun­gen der je­wei­li­gen Kriegs­thea­ter. (Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 5, S. 169 bis 172)

Als be­deut­sam kann die zu­ver­läs­si­ge »Tak­tung« al­ler ge­nann­ten Fak­to­ren be­trach­tet wer­den. Clau­se­witz weist hier auf ei­nen sehr wich­ti­gen Zu­sam­men­hang zwi­schen Geist und Stim­mung der Trup­pe hin. Da­bei muss un­ter­schie­den wer­den zwi­schen Aus­bil­dung im Frie­den und Ein­satz im Krieg. Wenn die Trup­pe im Frie­den nicht an­nä­hernd das Bild ei­nes Krie­ges ver­mit­telt be­kam, so wie Clau­se­witz das ver­lang­te, kann die Trup­pe scheitern.

»(…) Be­son­ders ver­wan­delt sich die bes­te Stim­mung von der Welt beim ers­ten Un­fall nur zu leicht in Klein­mut und, man möch­te sa­gen, in ei­ne Art von Groß­spre­che­rei der Angst: das fran­zö­si­sche Sauve qui peut [ret­te sich, wer kann – Bem. Au­tor] Ein sol­ches Heer ver­mag nur durch sei­nen Feld­herr et­was, nichts durch sich selbst. Es muß mit dop­pel­ter Vor­sicht ge­führt wer­den, bis nach und nach in Sieg und An­stren­gung die Kraft in die schwe­re Rüs­tung hin­ein­wächst. Man hü­te sich al­so, Geist des Hee­res mit Stim­mung des­sel­ben zu ver­wech­seln. [Her­vor­he­bung durch Au­tor] (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 5, S. 172)

Der Au­tor ge­stat­tet sich an die­ser Stel­le, ein Bei­spiel aus der ei­ge­nen Dienst­zeit als Kom­man­deur ei­nes Fall­schirm­jä­ger­ba­tail­lons aus dem Jahr 1984 anzuführen.

Im Ver­lau­fe ei­ner tak­ti­schen Luft­lan­dung wäh­rend ei­ner Übung er­hielt ei­ne Fall­schirm­jä­ger­grup­pe wäh­rend des Flu­ges über die »Front­li­nie« die Ein­la­ge »Hub­schrau­ber durch Be­schuss ge­trof­fen«. Die Be­sat­zung des Hub­schrau­bers si­mu­lier­te ei­ne Not­lan­dung in un­be­kann­tem Ge­län­de und die Grup­pe war zum In­ter­agie­ren ge­zwun­gen. Fünf wei­te­re Hub­schrau­ber des Ver­ban­des mit der han­deln­den Fall­schirm­jä­ger­kom­pa­nie er­reich­ten je­doch den Ein­satz­ort, und die Kom­pa­nie – oh­ne ei­ne Grup­pe – er­füll­te ih­ren Auftrag.

Die »un­glück­li­che« Grup­pe, vor­an ihr Grup­pen­füh­rer, war von die­ser La­ge völ­lig über­rascht wor­den und de fac­to hand­lungs­un­fä­hig. Ob­wohl der Platz der Not­lan­dung nur rund 10 km vom ei­gent­li­chen Ein­satz­ort ent­fernt war und die Di­stanz zur ei­ge­nen Trup­pe im Eilmarsch/Laufschritt in 1,5 bis 2 Stun­den zu über­win­den ge­we­sen wä­re, fiel die­se Grup­pe für den wei­te­ren Ver­lauf die­ser Übungs­etap­pe aus. Vom Zeit­fond der La­ge her war die­se Ver­zö­ge­rung ein­ge­rech­net wor­den, und die not­ge­lan­de­te Grup­pe hät­te an der Er­fül­lung des Kampf­auf­tra­ges – Ein­nah­me ei­nes wich­ti­gen Ob­jek­tes – teil­neh­men kön­nen und müssen.

Da­mals stie­ßen wir auf die Pro­ble­ma­tik der Dis­so­nanz zwi­schen Geist und Stim­mung. Wenn­gleich die­se Grup­pe gut vor­be­rei­tet war und »in bes­ter Stim­mung« den Hub­schrau­ber im Aus­gangs­raum der Luft­lan­dung zu­sam­men mit den an­de­ren Ka­me­ra­den be­stieg, führ­te die­se neue La­ge zum völ­li­gen Aus­fall der Trup­pe. Der Grup­pen­füh­rer war nicht mehr in der La­ge, sei­ne Män­ner, die nun de­mo­ti­viert wa­ren, an die an­de­ren Grup­pen sei­ner Kom­pa­nie heranzuführen.

»(…) Hier ver­such­te ich da­mals, rea­le Er­eig­nis­se aus der deut­schen Mi­li­tär­ge­schich­te in die Aus­bil­dung ein­zu­flech­ten. Oh­ne mei­ne Quel­le preis­zu­ge­ben, was ei­ne Ka­ta­stro­phe ge­we­sen wä­re, be­zog ich mich auf ein Er­eig­nis bei der Ein­nah­me der bel­gi­schen Fes­tung »Fort Eben-Ema­el« durch deut­sche Fall­schirm­jä­ger 1940. Wäh­rend die­ser Ope­ra­ti­on muss­te ein deut­scher Las­ten­seg­ler weit vor dem Ziel­ge­biet durch Be­schuss not­lan­den. Die Fall­schirm­jä­ger er­füll­ten je­doch ih­ren Auf­trag und kämpf­ten sich im Eil­marsch mit er­beu­te­tem Kfz an ih­re Ein­hei­ten her­an und nah­men am Sturm des Forts teil [Claus Bek­ker, »An­griffs­hö­he 4000«, Hey­ne -Buch, 1973, S. 89/90] (…)«
(Vergl. Tarn­na­me »Löt­zinn 750« Das Fall­schirm­jä­ger­ba­tail­lon/­Luft­sturm­re­gi­ment-40, Hg. K.-D. Krug, Ei­gen­ver­lag, 2018, S. 213 bis 214 )

Clau­se­witz be­zog sich in sei­nem Haupt­werk im 1. Buch, 7. Ka­pi­tel auf die sehr be­deut­sa­me Er­schei­nung der Frik­tio­nen im Krieg, die die vor­an­ge­gan­ge­nen Schil­de­run­gen viel­leicht un­ter­strei­chen könnten.

»(…) So­lan­ge man selbst den Krieg nicht kennt, be­greift man nicht, wo die Schwie­rig­kei­ten der Sa­che lie­gen, von de­nen im­mer die Re­de ist, […] Es ist al­les im Krie­ge sehr ein­fach, aber das Ein­fachs­te ist schwie­rig. Die­se Schwie­rig­kei­ten häu­fen sich und brin­gen ei­ne Frik­ti­on her­vor, die sich nie­mand rich­tig vor­stellt, der den Krieg nicht ge­se­hen hat. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, Kap. 7, S. 79)

Nach Clau­se­witz sind die rea­len Frik­tio­nen das, was den wirk­li­chen Krieg von dem auf dem Pa­pier un­ter­schei­det. Ge­ne­ral­feld­mar­schall Hel­muth Graf von Molt­ke (*1800; †1891), ein Zeit­ge­nos­se und for­mal Schü­ler Clau­se­witz´, wird spä­ter in ei­nem Auf­satz aus dem Jahr 1871 »Über Stra­te­gie« schreiben:

»(…) Die ma­te­ri­el­len und mo­ra­li­schen Fol­gen je­des grö­ße­ren Ge­fech­tes sind aber so weit­grei­fen­der Art, daß durch die­sel­ben meist ei­ne völ­lig ver­än­der­te Si­tua­ti­on ge­schaf­fen wird, ei­ne neue Ba­sis für neue Maßregeln.
Kein Ope­ra­ti­ons­plan reicht mit ei­ni­ger Si­cher­heit über das ers­te Zu­sam­men­tref­fen mit der feind­li­chen Haupt­macht hin­aus. [Her­vor­he­bung durch Au­tor] Nur der Laie glaubt in dem Ver­lauf ei­nes Feld­zu­ges die kon­se­quen­te Durch­füh­rung ei­nes im vor­aus ge­fass­ten, in al­len Ein­zel­hei­ten über­leg­ten und bis ans En­de fest­ge­hal­te­nen, ur­sprüng­li­chen Ge­dan­ke zu erblicken. (…)« 
(Vergl. Molt­ke Mi­li­tä­ri­sche Wer­ke, Hg. vom gro­ßen Ge­ne­ral­stab, 1892 – 1912, Band II, Teil­band 2, S. 291 – 293)

Ganz im Sin­ne Clau­se­witz´ be­trach­te­te Molt­ke selbst die Stra­te­gie auf Grund der nicht vor­her­seh­ba­ren Frik­tio­nen als ein Sys­tem von Aushilfen.
(Vergl. Molt­ke MW, Band IV, Teil­band 3, S. 1)

Molt­ke be­such­te von 1823 bis 1826 die All­ge­mei­ne Kriegs­schu­le, des­sen Di­rek­tor zu die­ser Zeit Carl von Clau­se­witz war. In­wie­weit je­doch Clau­se­witz sel­ber auf Molt­ke in die­ser Zeit ein­wir­ken konn­te, ist un­klar. Clau­se­witz hat­te als Di­rek­tor kei­nen Ein­fluss auf die Leh­re an der Kriegsschule.

Hel­muth Graf von Moltke
(*1800; †1891) Quel­le Wikipedia

Der Ge­ni­us, al­so der Geist ei­nes Feld­her­ren, zeich­net sich – so Clau­se­witz – durch die Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit aus,

»(…) daß ein je­der Krieg von Hau­se aus als Gan­zes auf­ge­fasst wer­de und daß beim ers­ten Schritt vor­wärts der Feld­herr schon das Ziel im Au­ge ha­be, wo­hin al­le Li­ni­en laufen. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, Skiz­zen zum 8. Buch, Kap. 3, S. 699)

Es wä­re not­wen­dig, hier an die­ser Stel­le auf das Ver­dienst Molt­kes hin­zu­wei­sen, der maß­geb­lich da­für sorg­te, dass Clau­se­witz´ Theo­rie vom Krieg, be­son­ders aber auch den Aspekt der mo­ra­li­schen Fra­gen be­tref­fend, im Eu­ro­pa spä­tes­tens nach 1871 deut­li­cher re­zi­piert wur­de. Nach den er­folg­rei­chen Einigungskriegen …

»(…) woll­te die Welt sein Ge­heim­nis er­fah­ren, und als Mol­ke er­klär­te, das Buch, das ihn au­ßer der Bi­bel und Ho­mer am meis­ten be­ein­flußt ha­be, sei »Vom Krie­ge« gewesen, (…)«
(Vergl. »Die Kul­tur des Krie­ges«, Hg. John Kee­gan, Ro­wolt, 1997, S. 46)

Da­mit war der Nach­ruhm Clau­se­witz´ zu­nächst in Eu­ro­pa gesichert.

Das Wech­sel­spiel von mo­ra­li­schen Grö­ßen und den phy­si­schen Kräf­ten er­scheint – so Clau­se­witz – am deut­lichs­ten im Gefecht.

»(…) Das Ge­fecht ist die ei­gent­li­che krie­ge­ri­sche Tä­tig­keit, al­les üb­ri­ge sind nur Trä­ger derselben. (…)
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 4. Buch, Kap. 3, S. 222) 

Sehr deut­lich cha­rak­te­ri­siert Clau­se­witz die ei­gent­li­che Be­deu­tung ei­nes Ge­fechts in sei­ner Wir­kungs­zeit. Die­ses Cha­rak­te­ris­ti­kum, zeit­los in der Mi­li­tär­ge­schich­te bis in un­se­re Ta­ge, drückt der Ge­ne­ral und Phi­lo­soph wie folgt aus:

»(…) Je­des Ge­fecht ist al­so die blu­ti­ge und zer­stö­ren­de Ab­glei­chung der Kräf­te, der phy­si­schen und der mo­ra­li­schen. Wer am Schluß die größ­te Sum­me von bei­den üb­rig hat, ist Sieger. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 4. Buch, Kap. 3, S. 229)

Es kann al­so ge­sagt wer­den, dass Carl von Clau­se­witz die Fra­gen der krie­ge­ri­schen Tu­gen­den wie Tap­fer­keit, Ge­wandt­heit, Kühn­heit, Be­harr­lich­keit, Här­te und En­thu­si­as­mus als die Grund­la­gen für »mo­ra­li­sche Po­tenz« be­trach­te­te. Ge­paart mit den not­wen­di­gen tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten (Be­waff­nung und Aus­rüs­tung), schafft die­se »Po­tenz« die not­wen­di­ge Kampf­kraft, um ei­nen po­ten­ti­el­len Geg­ner ver­nich­tend zu schla­gen. Oder an­ders aus­ge­drückt, die Mit­tel zum Zweck er­folg­reich ein­zu­set­zen. Hier schließt sich der Kreis zum ein­gangs ge­schil­der­ten his­to­ri­schen Er­eig­nis »Zug der Zehn­tau­send« un­ter Xenophon.

Trotz schein­bar aus­weg­lo­ser La­ge kann es ge­lin­gen, durch klu­ge Füh­rung der Trup­pen ei­ne ho­he Ein­satz­mo­ti­va­ti­on zu er­rei­chen. Ethik und Mo­ral als phi­lo­so­phi­sche Ka­te­go­rien bil­den so wie bei Clau­se­witz da­für die Grund­la­gen. In der Kriegs­ge­schich­te fin­den sich sehr vie­le be­ach­tens­wer­te Bei­spie­le, die vor al­lem vom »Er­le­ben« – als psy­cho­lo­gi­sche Ka­te­go­rie – ein­zel­ner Ge­fech­te und Schlach­ten zeu­gen. Mi­li­tär­his­to­ri­ker wie Kee­gan (»Ant­litz des Krie­ges«) oder auch der Schrift­stel­ler Tol­stoi (»Krieg und Frie­den«) zei­gen – wie ei­ni­ge an­de­re Schrift­stel­ler über die Zei­ten hin­weg – in ih­ren Wer­ken die mi­li­tä­ri­sche Wirk­lich­keit in ih­rer Dra­ma­tik zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten. Be­mer­kens­wert auch die Sicht Fried­rich En­gels´ zu den Fra­gen der Mo­ral im be­waff­ne­ten Kampf, die er in »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne 1848/1849« 1850 darlegte.

John Kee­gan (*1934; †2012) schil­dert u. a. die phy­si­schen Um­stän­de, de­nen die Sol­da­ten al­ler Ebe­nen auf Mär­schen, Ras­ten, bei Tag und Nacht, in Ge­fech­ten und in der Schlacht aus­ge­setzt wa­ren. Hier nennt er meh­re­re Fak­to­ren, die auf die Psy­che der Män­ner wirk­ten. Zu­erst nennt er die Müdigkeit.

»(…) Mit ziem­li­cher Si­cher­heit lässt sich all­ge­mein fest­stel­len, daß die Sol­da­ten der meis­ten Hee­re – je­den­falls vor der Zeit des mo­to­ri­sier­ten Trans­ports – mü­de in die Schlacht ge­gan­gen wa­ren, sei es auch nur, weil sie un­ter der Last von Waf­fen und Ge­päck aufs Schlacht­feld mar­schie­ren muss­ten.[…] Das­sel­be galt für die bei­den Ar­me­en am Mor­gen von Waterloo. (…)«
(Vergl. »Das Ant­litz des Krie­ges« Hg. John Kee­gan, Econ Ver­lag, 1978, S. 155)

Bei­de Hee­re, Na­po­lé­ons Fran­zo­sen, aber auch die al­li­ier­ten bri­ti­schen und preu­ßi­schen Trup­pen, be­geg­ne­ten sich am 18. Ju­ni 1815 nach vor­an­ge­gan­ge­nen Ge­fech­ten – am 16. Ju­ni die Preu­ßen bei Li­gny, die Bri­ten bei Quat­re-Bras – auf dem Feld von Wa­ter­loo. Die Hee­re er­reich­ten ih­re Po­si­tio­nen nach Tag- und Nacht­mär­schen un­ter strö­men­dem Re­gen im Zu­stand völ­li­ger Er­schöp­fung, ge­zeich­net von Hun­ger und Durst so­wie im Be­wusst­sein, schreck­li­che Ver­lus­te er­lit­ten zu ha­ben. Dort, wo Halt ein­ge­legt wur­de, fie­len die Män­ner – Sol­dat und Of­fi­zier – buch­stäb­lich in den Schlamm und schlie­fen ein. Selbst die üb­li­cher­wei­se bei sol­chen Er­eig­nis­sen ab­ge­hal­te­nen An­dach­ten ent­fie­len vor Er­schöp­fung wei­test­ge­hend, wie Kee­gan be­rich­tet. Wo­her al­so die Kraft, am 18. Ju­ni in die Li­nie zu tre­ten und den Kampf er­neut aufzunehmen?

»(…) Die­sen Sol­da­ten kam die Ent­schei­dung zur Schlacht schließ­lich wie ei­ne Be­frei­ung vor, […] Will man ih­re Kampf­be­reit­schaft be­wer­ten, dann muß man sich vor Au­gen hal­ten, daß sie zum größ­ten Teil er­fah­re­ne Krie­ger wa­ren. In der Re­gel ist es so, daß fast je­der al­te Front­sol­dat lie­ber heu­te als mor­gen kämp­fen möch­te, wenn die nächs­te Nacht wie­der kalt und feucht zu wer­den ver­spricht und die Schlacht letzt­lich oh­ne­hin un­ver­meid­lich ist. (…)«
(Vergl. »Das Ant­litz des Krie­ges« Hg. John Kee­gan, Econ Ver­lag, 1978, S. 160 bis 161)

Wei­te­re Fak­to­ren, die Kee­gan be­nann­te, wa­ren der Lärm und die Sicht­be­schrän­kung durch die Waf­fen­wir­kung der Ar­til­le­rie und das un­auf­hör­li­chen Klein­ge­wehr­feu­er, des­sen Schwarz­pul­ver­schwa­den das Ge­fechts­feld ein­deck­ten. Zu all dem ka­men noch die Schreie der Ver­wun­de­ten, de­nen da­mals kaum zu hel­fen war. Die Dau­er des Kampf­ge­sche­hens führ­te auch da­zu, dass die Sol­da­ten da, wo sie stan­den oder kämpf­ten, in Qua­rees oder Ko­lon­nen, die sie nicht ver­las­sen durf­ten, ih­re Not­durft ver­brin­gen muss­ten. Letz­te­res wa­ren Um­stän­de, die sich dem Sol­da­ten einprägten.

»(…) Zu­tiefst im Ge­dächt­nis der Über­le­ben­den hat sich der Kampf selbst ein­ge­prägt, ihr Ver­hal­ten und das ih­rer Ka­me­ra­den, die Un­ter­neh­mun­gen des Fein­des und die Wir­kung der Waf­fen, de­nen sie aus­ge­setzt waren. (…)«
(Vergl. »Das Ant­litz des Krie­ges« Hg. John Kee­gan, Econ Ver­lag, 1978, S. 166)

Clau­se­witz äu­ßer­te sich zu der­ar­ti­gen Wir­kungs­fak­to­ren in »Vom Krie­ge« folgendermaßen:

»(…) Je­des Ge­fecht ist al­so die blu­ti­ge und zer­stö­ren­de Ab­glei­chung der Kräf­te, der phy­si­schen und der mo­ra­li­schen. Wer am Schluß die größ­te Sum­me von bei­den üb­rig hat, ist der Sieger. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 4. Buch, Kap. 4, S. 229)

Im fünf­ten Buch sei­nes Haupt­wer­kes kommt der Kriegs­phi­lo­soph zu dem Schluss:

»(…) Der Mut und der Geist des Hee­res ha­ben zu al­len Zei­ten die phy­si­schen Kräf­te mul­ti­pli­ziert und wer­den es auch fer­ner tun; (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 5. Buch, Kap. 3, S. 295)

In sei­nen Skiz­zen zum sie­ben­ten Buch (eben­da S. 687) prägt Clau­se­witz den Be­griff »Kör­per­welt«, die be­stimm­ten Ge­setz­mä­ßig­kei­ten un­ter­liegt und letzt­end­lich die Kraft zum »Durch­hal­ten« ge­währ­leis­ten kann.

Lew Ni­ko­la­je­witsch Graf Tol­stoi (*1828; †1910) nahm in sei­nem mo­nu­men­ta­len Kriegs­epos di­rek­ten Be­zug auf Clau­se­witz, der als preu­ßi­scher Of­fi­zier 1812 in der rus­si­schen Ar­mee dien­te und Teil­neh­mer an der Schlacht von Bo­ro­di­no (26. Au­gust jul. / 7. Sep­tem­ber greg. 1812) war.

Tol­stoi, Quel­le: wikipedia

In der Hand­lung stellt Tol­stoi ei­nen Dia­log dar, der sich – am Abend vor der Schlacht – zwi­schen Lud­wig Frei­herr von Wolzo­gen (*1773; †1845) und Carl von Clau­se­witz entspann.

»(…) Fürst An­drej sah sich um und er­kann­te Wolzo­gen, Clau­se­witz und ei­nen Ko­sa­ken. Sie ka­men ziem­lich na­he an den bei­den vor­über­ge­rit­ten, oh­ne ihr Ge­spräch zu un­ter­bre­chen, und Pierre und Fürst An­drej hör­ten un­will­kür­lich fol­gen­de Sätze:
«Der Krieg muss im Raum ver­legt wer­den. Der An­sicht kann ich nicht ge­nug Preis ge­ben», sag­te der eine.
«O ja» sag­te der an­de­re, «da der Zweck ist, nur den Feind zu schwä­chen, so kann man ge­wiss nicht den Ver­lust der Pri­vat­per­so­nen in Ach­tung nehmen.»
«O ja» stimmt der ers­te zu. (…)«
(Vergl. »Krieg und Frie­den«, Tol­stoi, Hg. W. Ber­gen­gru­en, D. Buch-Ge­meins­haft Ber­lin, S. 1012)

Tol­stoi, der of­fen­sicht­lich Clau­se­witz ge­le­sen hat­te, bringt so des­sen An­sicht über ei­ne zweck­mä­ßi­ge Füh­rung des Krie­ges ge­gen Na­po­lé­on in Russ­land zur Gel­tung. Clau­se­witz hat­te sich in »Vom Krie­ge« de­zi­diert über die Rol­le des Rau­mes im Krieg geäußert.

»(…) 450. Die Raum­be­stim­mung be­ant­wor­tet die Fra­ge, wo ge­foch­ten wer­den soll, so­wohl für das Gan­ze als die Tei­le. 451 Der Ort des Ge­fechts für das Gan­ze ist ei­ne Stra­te­gi­sche Be­stim­mung, […] 518. Die Kennt­nis des Ter­rains wohnt vor­zugs­wei­se dem Ver­tei­di­ger bei, denn nur er weiß ge­nau und vor­her, in wel­cher Ge­gend das Ge­fecht sein wird, und hat al­so Zeit, die­se Ge­gend ge­hö­rig zu un­ter­su­chen. Hier schlägt die gan­ze Theo­rie der Stel­lun­gen, in­so­fern sie in die Tak­tik ge­hört, Wurzel. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, Skiz­zen ei­nes Pla­nes zur Tak­tik oder Ge­fechts­leh­re, S. 882 und 890)

Im Wei­te­ren lässt Tol­stoi den Fürst An­drej* des­sen Un­ver­ständ­nis über den In­halt des Ge­sprä­ches aus­drü­cken. Nicht oh­ne des­sen Ab­nei­gung ge­gen die Deut­schen im rus­si­schen Heer dar­zu­stel­len, die wohl weit ver­brei­tet war. An­dre­js Fa­mi­lie war Op­fer des Rau­mes ge­wor­den, der den Fran­zo­sen ein­ge­räumt wurde.
* An­drej – Fürst An­drej Ni­ko­la­je­witsch Bol­kón­ski; (Андре́й Николаевич Болко́нский)

Ob­wohl Pierre** aber auch wahr­schein­lich An­drej bis zum Be­ginn des Russ­land­feld­zu­ges Na­po­lé­on Bo­na­par­te – wie vie­le jun­ge rus­si­sche Of­fi­zie­re – auf­ge­schlos­sen gegenüberstanden.
**Pierre -Be­súchow, Graf Pjotr Ki­ril­lo­witsch – Freund des Fürs­ten An­drej; (Пётр Кириллович (Пьер) Безу́хов)

Gleich an­schlie­ßend lässt Tol­stoi Fürst An­dre­js grund­le­gen­de An­sich­ten über den Krieg ge­gen die Fran­zo­sen sicht­bar wer­den. Er lässt ihn zu Pierre Fol­gen­des sagen:

»(…) »Weisst du, was ich tun wür­de, wenn ich zu be­stim­men hätte?»[…]«Ich wür­de ver­bie­ten Ge­fan­ge­ne zu ma­chen. Wo­zu Ge­fan­ge­ne? Das soll Rit­ter­lich­keit sein. Die Fran­zo­sen ha­ben mein Haus ver­wüs­tet und sind auf dem Weg nach Mos­kau, um Mos­kau zu verwüsten.»[…]«Sie sind mei­ne Fein­de, sie sind für mich oh­ne Aus­nah­me Ver­bre­cher.»[…] «Kei­ne «Ge­fan­ge­nen ma­chen» fuhr Fürst An­drej fort, «das wä­re das ein­zi­ge, was dem gan­zen Krie­ge ein an­de­res Ge­sicht und ihm ei­nen Teil sei­ner Grau­sam­keit neh­men könnte.» (…)« 
(Vergl. »Krieg und Frie­den«, Tol­stoi, Hg. W. Ber­gen­gru­en, D. Buch-Ge­meins­haft Ber­lin, S. 1012 bis 1013)

An die­ser Stel­le be­rührt Tol­stoi über sei­nen Ro­man­hel­den Fürst An­drej die Clausewitz’sche Auf­fas­sung über den Krieg an sich. Die­se war so de­fi­niert wie be­reits wei­ter vor­ne dar­ge­stellt, »Der Krieg ist al­so ein Akt der Ge­walt, um den Geg­ner zur Er­fül­lung un­se­res Wil­lens zu zwin­gen.« Al­ler­dings schloss Clau­se­witz ei­ne En­t­he­gung des Kamp­fes de­fi­ni­tiv – bei al­ler Här­te – aus.

Die be­reits wei­ter vorn er­wähn­ten Ge­dan­ken des Kriegs­phi­lo­so­phen sol­len nun noch ein­mal mit den nach­fol­gen­den be­deu­tungs­vol­len Wor­ten wie­der­holt wer­den. Clau­se­witz sel­ber pos­tu­lier­te die­se mehr­fach in sei­nem Hauptwerk:

»(…) Ist der Krieg ein Akt der Ge­walt, […] Fin­den wir al­so, daß ge­bil­de­te Völ­ker den Ge­fan­ge­nen nicht den Tod ge­ben, [Her­vor­he­bung durch Au­tor] Stadt und Land nicht zer­stö­ren, so ist es, weil sich die In­tel­li­genz in ih­rer Kriegs­füh­rung mehr mischt und ih­nen wirk­sa­me­re Mit­tel zur An­wen­dung der Ge­walt ge­lehrt hat als die ro­hen Äu­ße­run­gen des Instinkts. (…)«

An die­ser Stel­le ver­weist je­doch Clau­se­witz drin­gend auf ei­ne ers­te Wech­sel­wir­kung im Um­gang der Kriegs­par­tei­en miteinander.

»(…) Wir wie­der­ho­len al­so un­se­ren Satz: Der Krieg ist ein Akt der Ge­walt, und es gibt in der An­wen­dung der­sel­ben kei­ne Gren­zen; so gibt je­der dem an­de­ren das Ge­setz, es ent­steht ei­ne Wech­sel­wir­kung, [Her­vor­he­bung durch Au­tor], die dem Be­griff nach zum Äu­ßers­ten füh­ren muß. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, Kap. 1, S. 18 bis 19)

Hier schließt sich in­des ein wei­te­rer Kreis zu den hier dar­ge­stell­ten Fra­gen der »Ethik und Mo­ral in der Kriegs­füh­rung« so­wie der Kan­ti­schen Me­ta­phy­sik über Ge­setz­mä­ßig­kei­ten, de­nen Clau­se­witz in sei­nem Schrift­tum ein be­deu­ten­des Ge­wicht bei­gemes­sen hatte.

Fried­rich En­gels (*1820; †1895), ge­dien­ter Ein­jäh­rig­frei­wil­li­ger (1841 bis 1842) in der 12. Kom­pa­nie Gar­de-Feld­ar­til­le­rie-Bri­ga­de zu Ber­lin, be­fass­te sich ins­be­son­de­re seit 1851 au­ßer­or­dent­lich gründ­lich mit der Mi­li­tär­wis­sen­schaft. Er ana­ly­sier­te dann nach dem Schei­tern der be­waff­ne­ten Er­he­bun­gen – 1848/49 – in den Deut­schen Län­dern stra­te­gi­sche, tak­ti­sche und auch so­zio­lo­gisch-mo­ra­li­sche Fra­gen die­se Be­we­gun­gen. In ei­nem Brief an Jo­sef Wey­de­mey­er (*1818; †1866) vom 19. Ju­ni 1851 schreibt En­gels, dass er be­gon­nen ha­be, «Mi­li­ta­ria zu och­sen» und be­ton­te die enor­me Wich­tig­keit der «par­tie mi­li­taire» (die mi­li­tä­ri­sche Sei­te) für die Zu­kunft. Da­bei sah er »Re­vo­lu­tio­nen als Fort­set­zung des Krie­ges«, de­nen er ei­ne so­zi­al­tech­ni­sche Mög­lich­keit des Krie­ges bei­maß [nach Schöss­ler]. Zwangs­läu­fig stieß En­gels da­bei auf die Wer­ke Clausewitz´.

»(…) Un­ter an­de­rem ent­deck­te En­gels die Wer­ke des Ge­ne­rals Carl von Clau­se­witz, dem er die Prä­di­ka­te ei­nes »Na­tur­ge­nies« und »Stern ers­ter Grö­ße« er­teil­te. So schrieb er am 7. Ja­nu­ar 1858 an Karl Marx:
»… Ich le­se jetzt u. a. Clau­se­witz ›Vom Krie­ge‹. Son­der­ba­re Art zu phi­lo­so­phie­ren, der Sa­che nach aber sehr gut. Auf die Fra­ge, ob es Kriegs­kunst oder Kriegs­wis­sen­schaft hei­ßen müs­se, lau­tet die Ant­wort, daß der Krieg am meis­ten dem Han­del glei­che. Das Ge­fecht ist im Krie­ge, was die ba­re Zah­lung im Han­del ist, so sel­ten sie in Wirk­lich­keit vor­kom­men braucht, so zielt doch al­les dar­auf hin, und am En­de muß sie doch er­fol­gen und entscheidet.« (…)«
(Vergl. »Die Kriegs­leh­re von Fried­rich En­gels« von Je­hu­da L. Wa­l­ach, Hg. F. Fi­scher, EU Ver­lags­an­stalt, S. 10 bis 13)

Fried­rich En­gels (Quel­le: Wikipedia)

En­gels de­mons­triert hier hier die Re­zep­ti­on der Clausewitz´schen Kriegs­theo­rie zu den Fra­gen des Ge­fechts. So wie in »Vom Krie­ge« dar­ge­legt. Gleich­zei­tig zeigt er als »ge­lern­ter Öko­nom« sein Ver­ständ­nis für die Nä­he der Theo­rien Clau­se­witz´ zur Po­li­tik an sich und dem ge­sell­schaft­li­chen Leben.

»(…) Der Krieg ist ein Akt des mensch­li­chen Ver­kehrs […] Wir sa­gen al­so, der Krieg ge­hört nicht in das Ge­biet der Küns­te und Wis­sen­schaf­ten, son­dern in das Ge­biet des ge­sell­schaft­li­chen Lebens. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 2. Buch, Kap. 3, S. 117)

An die­ser Stel­le muss auch En­gels Kri­tik an Eu­gen Düh­ring, »An­ti-Düh­ring« – er­schie­nen 1877 – an­ge­merkt wer­den. Dort schreibt En­gels, dass die Ge­walt … [Krieg/Revolution, Anm. Au­tor] »(…) das Werk­zeug ist, wo­mit sich die ge­sell­schaft­li­che Be­we­gung durch­setzt und er­starr­te ab­ge­stor­be­ne po­li­ti­sche For­men zerbricht (…)«
(Vergl. »Herrn Eu­gen Düh­rings Um­wäl­zung der Wis­sen­schaft (»An­ti – Düh­ring«), F. En­gels, Dietz Ver­lag Ber­lin, 1973, S. 171)

En­gels, der sel­ber an ver­schie­de­nen Plät­zen der re­vo­lu­tio­nä­ren Er­he­bun­gen in Rhein­preu­ßen, Karls­ru­he und in der Pfalz Au­gen­zeu­ge und Teil­neh­mer war, un­ter­such­te die Grün­de des Schei­terns der Er­he­bun­gen. Ein we­sent­li­ches Au­gen­merk leg­te er da­bei ne­ben den mi­li­tär­tech­ni­schen [Be­waff­nung und Aus­rüs­tung] Fra­gen auf die Un­ter­su­chung der Wir­kungs­wei­se der Mo­ral als so­zio­lo­gi­sche Ka­te­go­rie. Mit Clau­se­witz kommt En­gels of­fen­sicht­lich zu der Er­kennt­nis, dass der Auf­stand Re­geln un­ter­wor­fen sei, de­ren Ver­nach­läs­si­gung zum Ver­der­ben führt.

»(…) Ers­tens darf man nie mit dem Auf­stand spie­len, wenn man nicht fest ent­schlos­sen ist, al­le Kon­se­quen­zen des Spiels auf sich zu neh­men. Der Auf­stand ist ei­ne Rech­nung mit höchst un­be­stimm­ten Grö­ßen, de­ren Wer­te sich je­den Tag än­dern kön­nen; die Kräf­te des Geg­ners ha­ben al­le Vor­tei­le der Or­ga­ni­sa­ti­on, der Dis­zi­plin und der her­ge­brach­ten Au­to­ri­tät auf ih­rer Sei­te; kann man ih­nen nicht mit star­ker Über­macht ent­ge­gen­tre­ten, so ist man ge­schla­gen und vernichtet. (…)«
(Vergl. ME, Aus­ge­wähl­te Wer­ke, Dietz Ver­lag , 1974, Bd. II, S. 283)

En­gels hat­te bei die­sen Sät­zen wahr­schein­lich auf Clau­se­witz re­flek­tiert, der die »Frik­tio­nen« im Krieg untersuchte.

»(…) Es ist al­les im Krieg sehr ein­fach, aber das Ein­fachs­te ist schwie­rig. Die­se Schwie­rig­kei­ten häu­fen sich und brin­gen ei­ne Frik­ti­on her­vor, die sich nie­mand rich­tig vor­stellt, der den Krieg nicht ge­se­hen hat. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, Kap. 7, S. 79)

En­gels un­ter­streicht des Weiteren:

»(…) Zwei­tens, hat man ein­mal den Weg des Auf­stan­des be­schrit­ten, so hand­le man mit der größ­ten Ent­schlos­sen­heit und er­grei­fe die Of­fen­si­ve. Die De­fen­si­ve ist der Tod je­des be­waff­ne­ten Auf­stan­des; er ist ver­lo­ren, noch be­vor er sich mit dem Fein­de ge­mes­sen hat. (…)
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, Kap. 7, S. 79)

Clau­se­witz cha­rak­te­ri­siert den von En­gels ver­wen­de­ten Be­griff »Ent­schlos­sen­heit« durch den Zu­sam­men­hang von Mut und Ver­ant­wor­tung in der Wech­sel­wir­kung mit der See­len­ge­fahr, der »cou­ra­ge d´esprit«, dem »Mut des Geistes«.

»(…) Die Ent­schlos­sen­heit ist ein Akt des Mu­tes in dem ein­zel­nen Fall, und wenn sie zum Cha­rak­ter­zug wird, ei­ne Ge­wohn­heit der Seele. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, Kap. 3, S. 57)

Ob­wohl En­gels der »Of­fen­si­ve« das Wort re­de­te, sah er ähn­lich wie Clau­se­witz die Ver­tei­di­gung als das stär­ke­re Ele­ment im Kampf an. Die Be­grif­fe »Of­fen­si­ve und De­fen­si­ve« sind hier mehr als Re­ak­ti­ons­pa­ra­me­ter zu be­trach­ten, nicht als Aus­druck mi­li­tä­ri­schen Han­delns. En­gels schreibt:

»(…) Ma­chen wir uns kei­ne Il­lu­sio­nen dar­über: Ein wirk­li­cher Sieg des Auf­stan­des über das Mi­li­tär im Stra­ßen­kampf, ein Sieg wie zwi­schen zwei Ar­me­en, ge­hört zu den gro­ßen Sel­ten­hei­ten. […] Es han­delt sich nur dar­um, die Trup­pen mür­be zu ma­chen durch mo­ra­li­sche Ein­flüs­se, […] Da­mit ist die pas­si­ve Ver­tei­di­gung die vor­wie­gen­de Kampf­form; […] Selbst in der klas­si­schen Zeit der Stra­ßen­kämp­fe wirk­te al­so die Bar­ri­ka­de mehr mo­ra­lisch als materiell. (…)«
(Vergl. ME, Aus­ge­wähl­te Wer­ke, Dietz Ver­lag , 1974, Bd. VI, S. 465 bis 466)

Der Ruf »Auf die Bar­ri­ka­den« mit sei­nem »Zau­ber«, wie En­gels das nann­te, hielt trotz der Nie­der­la­gen knapp sieb­zehn Mo­na­te vom März 1848 bis zur Ka­pi­tu­la­ti­on der Bun­des­fes­tung Ras­tatt am 23. Ju­li 1849 an.

En­gels Schrift »Die Deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, in den Jah­ren 1849 bis 1850 ge­schrie­ben und in der »Neu­en Rhei­ni­schen Zei­tung« 185o pu­bli­ziert, schil­dert in vier Ka­pi­teln die Er­eig­nis­se die­ser Zeit. Im IV. Ka­pi­tel »Für die Re­pu­blik ster­ben« er­fah­ren wir, wel­che Dra­men sich im asy­m­e­tri­schen Kampf der ba­di­schen Re­vo­lu­ti­ons­ar­mee ge­gen preu­ßi­sche Trup­pen abspielten.

Ver­bit­tert stellt En­gels fest:

»(…) Die gan­ze „Re­vo­lu­ti­on“ lös­te sich in ei­ne wah­re Ko­mö­die auf, und es war nur der Trost da­bei, daß der sechs­mal stär­ke­re Geg­ner selbst noch sechs­mal we­ni­ger Mut hatte. (…)«
(Vergl. »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, F. En­gels, Hg. K.-M. Guth, Hof­en­berg, 2013, S. 88)

In der Pfalz und in Ba­den kämpf­ten rund 600 bis 800 Frei­schär­ler, zu de­nen auch En­gels zähl­te. Zur Nie­der­schla­gung der Auf­stän­di­schen rück­ten zwei preu­ßi­sche Ar­mee­korps und ein Bun­des­korps her­an. Das Kom­man­do über die Trup­pen hat­te der »Prinz von Preu­ßen«, der spä­te­re Kai­ser Wil­helm I. Den ins­ge­samt rund 10.000 Män­nern der »Ba­di­schen Ar­mee« und 12.000 Frei­wil­li­gen stan­den rund 36.000 re­gu­lä­re preu­ßi­sche und Bun­des­trup­pen – teil­wei­se auf frei­em Feld – ge­gen­über. Nach hin­hal­ten­dem Kampf zo­gen sich dann die Res­te der auf­stän­di­schen Ar­mee über die Schwei­zer Gren­ze zu­rück. En­gels sel­ber nahm an die­sen Kämp­fen als Ad­ju­tant des Kom­man­die­ren­den, Oberst Jo­hann Au­gust Ernst von Wil­lich (*1810; †1878), teil.
(Vergl. »Die Kunst des Auf­stan­des« Stu­di­en zu Re­vo­lu­ti­on, Gue­ril­la und Welt­krieg bei Fried­rich En­gels und Karl Marx, Hg. W. Metsch, man­del­baum kri­tik und uto­pie, 2020, S. 44 bis 45)

Es ist hier dar­an zu er­in­nern, dass der da­ma­li­ge »Prinz von Preu­ßen« mit sei­nen Brü­dern in Fra­gen des Mi­li­tär­we­sens von Carl von Clau­se­witz un­ter­rich­tet wurde.

Wor­an war die­se «Re­vo­lu­ti­on» ge­schei­tert? En­gels dazu:

»(…) Die Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne ging zu­grun­de an ih­rer Halb­heit und in­nern Misere. (…)«
(Vergl. »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, F. En­gels, Hg. K.-M. Guth, Hof­en­berg, 2013, S. 87)

En­gels selbst schil­dert in al­len Ka­pi­teln, so wie im IV. sei­ner Schrift, wor­in die­se Halb­hei­ten la­gen. Da­bei ist un­schwer zu er­ken­nen, dass es sich vor­nehm­lich um Or­ga­ni­sa­ti­ons­fra­gen der mi­li­tä­ri­schen Hand­lun­gen ei­ner­seits, an­de­re­rer­seits um mo­ra­li­sche Fra­gen han­del­te, die zum ne­ga­ti­ven Re­sul­tat führte.

Schlecht ge­führt, schlecht be­waff­net, un­dis­zi­pli­niert und bis auf we­ni­ge Aus­nah­men kaum mi­li­tä­risch stand­haft, kam es zu blu­ti­gen Ak­tio­nen oh­ne ei­nen be­deu­ten­den Er­folg. En­gels schil­dert auf­fäl­lig ge­nau, wie die im­mer wie­der un­si­che­re Nach­rich­ten­la­ge ver­häng­nis­vol­le Frik­tio­nen nach sich zogen.

Oh­ne sich in sei­ner Schrift auf Clau­se­witz zu be­zie­hen, ist je­doch zu er­ken­nen, dass sich sei­ne Ana­ly­se auf die Clausewitz´sche Theo­rie des Krie­ges stützt. Die teil­wei­se völ­lig über­sichts­lo­se Füh­rung der Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen sorg­te für Cha­os und De­ser­ti­on in er­schre­cken­den Maßstäben.

»(…) Die Ba­tail­lo­ne ka­men aus Man­gel an Waf­fen nicht zu­stan­de; die Sol­da­ten, die nichts zu tun hat­ten, ver­bum­mel­ten al­le Dis­zi­plin und krie­ge­ri­sche Hal­tung und lie­fen gro­ßen­teils auseinander.
[…] es ent­stand ei­ne gren­zen­lo­se Ver­wir­rung, und ein gro­ßer Teil der Re­kru­ten lief aus­ein­an­der. Ein jun­ger Of­fi­zier der schles­wig-hol­stei­ni­schen Freischa­ren von 1848, Ra­kow, ging mit 30 Mann aus , die De­ser­teu­re wie­der zu sam­meln, und brach­te in zwei­mal vier­und­zwan­zig Stun­den ih­rer 1400 zusammen,
[…] In Brei­ten kam ei­ne De­pu­ta­ti­on der Stu­den­ten zu uns mit der Er­klä­rung, das ewi­ge Mar­schie­ren vor dem Fein­de ge­fal­le ih­nen nicht und sie bä­ten um Ent­las­sung. […] Über­haupt zeig­ten sich die Stu­den­ten wäh­rend des gan­zen Feld­zu­ges als mal­kon­tente, ängst­li­che jun­ge Her­ren, die im­mer […] über wun­de Fü­ße klag­ten und murrten,
[…] Die Stra­ße nach Rast­statt bot das Bild der schöns­ten Un­ord­nung dar. Ei­ne Men­ge der ver­schie­dens­ten Korps mar­schier­te oder la­ger­te bunt durch­ein­an­der, und nur mit Mü­he hiel­ten wir un­ter der glü­hen­den Son­nen­hit­ze und der all­ge­mei­nen Ver­wir­rung un­se­re Leu­te zusammen. (…)«
(Vergl. »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, F. En­gels, Hg. K.-M. Guth, Hof­en­berg, 2013, S. 56/57/73/74)

En­gels schil­dert gro­be Dis­zi­plin­lo­sig­kei­ten, so z. B., dass sich Sol­da­ten ei­gen­mäch­tig aus der Mar­sch­ord­nung ent­fern­ten, um in Wirts­häu­sern, die an der Marsch­stra­ße la­gen, einzukehren.

»(…) Die We­ge wa­ren be­deckt mit Nach­züg­lern der Ar­mee; al­le Wirts­häu­ser la­gen voll; die gan­ze Herr­lich­keit schien in Wohl­ge­fal­len auf­ge­löst. Of­fi­zie­re oh­ne Sol­da­ten hier, Sol­da­ten oh­ne Of­fi­zie­re dort, (…)
(Vergl. »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, F. En­gels, Hg. K.-M. Guth, Hof­en­berg, 2013, S. 63)

Be­rich­te über hart­nä­cki­gen Wi­der­stand ge­hen je­doch im Kon­text des De­sas­ters un­ter. So zum Beispiel:

»(…) Die Main­zer Schüt­zen ver­tei­dig­ten den Schloß­gar­ten mit gro­ßer Hart­nä­ckig­keit und trotz be­deu­ten­der Ver­lus­te. Sie wur­den um­gan­gen und zo­gen sich zu­rück. Ih­rer sieb­zehn fie­len den Preu­ßen in die Hän­de. Sie wur­den so­gleich an die Bäu­me ge­stellt und von schnaps­trun­ke­nen He­ro­en des „herr­li­chen Kriegs­hee­res“ oh­ne wei­te­res erschossen. (…)«
(Vergl. »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, F. En­gels, Hg. K.-M. Guth, Hof­en­berg, 2013, S. 58)

En­gels stellt auch dar, dass die Ak­tio­nen der Preu­ßen und der Trup­pen der Bun­des­län­der re­la­tiv zag­haft wa­ren, was er auf die ho­he Zahl der Land­wehr­trup­pen zu­rück­führ­te, die wi­der­stre­bend ge­gen die Bür­ger vorgingen.

Der Kö­nig von Preu­ßen, F. W. IV., hat­te an­ge­sichts der Un­ru­hen die Land­wehr ein­be­ru­fen, sah sich aber bald ge­zwun­gen, ge­gen sel­bi­ge Maß­re­ge­lun­gen zu er­grei­fen. So ließ der »Ober­prä­si­dent der Pro­vinz Sach­sen«, Gus­tav von Bo­nin (*1797; †1878), in Mag­de­burg am 18. No­vem­ber 1848 öf­fent­lich bekanntmachen:

»(…) Die meu­te­ri­schen Of­fi­zie­re und Sol­da­ten der Land­wehr, wel­che die öf­fent­li­che Auf­for­de­rung zum Treu­bruch an ih­ren Ka­me­ra­den zu er­las­sen ge­wagt ha­ben, sind zur Haft ge­bracht und vor ein Kriegs­ge­richt ge­stellt. (…) «
(Vergl. Ori­gi­nal­pla­kat vom 18.Novwember 1848/Magdeburg, Pri­vat­be­sitz Autor)

En­gels be­rich­tet von Ver­rat durch Of­fi­zie­re und Po­li­ti­ker und man­geln­den tak­ti­schen Fä­hig­kei­ten durch ein­zel­ne mi­li­tä­ri­sche und po­li­ti­sche Füh­rer. So wur­den aber auch not­wen­di­gen Vor­be­rei­tun­gen für Ge­fech­te nicht rea­li­siert, wie nach­fol­gen­des Bei­spiel zeigt:

»(…) Aber we­der Re­ko­gnos­zie­run­gen wur­den vor­ge­nom­men noch die Hö­hen zu bei­den Sei­ten des De­fi­lees be­setzt, […] Wil­lich kam an, re­ko­gnos­zier­te die Po­si­ti­on, gab ei­ni­ge Be­feh­le zur Be­set­zung der Hö­hen und ließ die gan­zen nutz­lo­sen Bar­ri­ka­den wie­der forträumen. (…)«
(Vergl. »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, F. En­gels, Hg. K.-M. Guth, Hof­en­berg, 2013, S. 60)

En­gels – la­ko­nisch und of­fen­sicht­lich scho­ckiert – da­zu im Re­sul­tat der »re­vo­lu­tio­nä­ren« Ereignisse:

»(…) Po­li­tisch be­trach­tet, war die Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne von vorn­her­ein ver­fehlt. Mi­li­tä­risch be­trach­tet, war sie es ebenfalls. (…)
(Vergl. »Die deut­sche Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne«, F. En­gels, Hg. K.-M. Guth, Hof­en­berg, 2013, S. 88)

Die hier dar­ge­stell­te scho­nungs­lo­se Re­mi­nis­zenz En­gels´ über die Er­eig­nis­se der »Reichs­ver­fas­sungs­kam­pa­gne« er­schien zu­sam­men­fas­send, nach­dem »der Ge­ne­ral« [So wur­de En­gels ge­nannt] Clau­se­witz ge­le­sen hat­te. Sei­ne tap­fe­re Teil­nah­me an die­ser lag vor dem Stu­di­um der Theo­rien des Mi­li­tär­phi­lo­so­phen. Mög­li­cher­wei­se kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die­se Kam­pa­gne an­ders ver­lau­fen wä­re, wenn an­statt der Ru­fe »Auf die Bar­ri­ka­den« ei­ne nüch­ter­ne La­ge­ana­ly­se nach Clausewitz …

»(…) Der Kriegs­plan faßt den gan­zen Akt zu­sam­men, […] Man fängt kei­nen Krieg an, oder man soll­te ver­nünf­ti­ger­wei­se kei­nen an­fan­gen, oh­ne sich zu sa­gen, was man mit und was man in dem­sel­ben er­rei­chen will, das ers­te­re ist der Zweck, das an­de­re das Ziel. (…)«

… er­folgt wä­re, wie wei­ter vorn be­reits dargestellt.

Wo­zu auch ei­ne kla­re La­ge­ana­ly­se al­ler Kräf­te und Mit­tel not­wen­dig ge­we­sen wä­re. Spä­ter wird En­gels – aus die­ser Er­fah­rung her­aus – ei­ne »Kon­zep­ti­on des Re­vo­lu­ti­ons­krie­ges« so­wie kla­re »Fra­gen der Mi­li­tär­or­ga­ni­sa­ti­on« er­ar­bei­tet haben.
(Vergl. »Die Kriegs­leh­re von Fried­rich En­gels« von Je­hu­da L. Wa­l­ach, Hg. F. Fi­scher, EU Ver­lags­an­stalt, S. 33 bis 49)

En­gels über­nahm Schritt für Schritt die Denk­me­tho­de Clau­se­witz´, nach­dem er zu­nächst Jo­mi­ni fa­vo­ri­sier­te. Er ent­deck­te die­se »Pass­form« im Zu­ge sei­nes Stu­di­ums der Militärwissenschaften.

»(…) Je­den­falls wur­den sich jetzt En­gels und Marx „der dia­lek­ti­schen Qua­li­tät des Den­kens und der Me­tho­de Clausewitz´bewußt“ [Ana­co­na] (…)«
(Vergl. »Clau­se­witz – En­gels – Ma­han: Grund­riss ei­ner Ideen­ge­schich­te mi­li­tä­ri­schen Den­kens«, Hg- D. Schöss­ler, LIT, S. 326 bis 327)

Fa­zit:
Clau­se­witz war al­so in der La­ge, zu sei­ner Zeit Grund­la­gen für ei­ne »Mi­li­tär-Psy­cho­lo­gie« nach heu­ti­gem Ver­ständ­nis zu for­mu­lie­ren. Das Ver­dienst des Mi­li­tär­phi­lo­so­phen be­steht zwei­fel­los dar­in, dass sei­ne Ge­dan­ken und Be­grif­fe – Ge­ni­us der mi­li­tä­ri­schen Füh­rer, Mo­ral, Mut, Tu­gend und Geist der Trup­pen – heu­te ei­nen be­deu­ten­den his­to­ri­schen Platz in der Wis­sen­schaft einnehmen.

Clau­se­witz wur­de Sol­dat, als der Mensch le­dig­lich stump­fe Mas­se für die mi­li­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen war. Es be­durf­te der per­sön­li­chen Er­fah­run­gen der preu­ßi­schen Nie­der­la­ge von 1806, der Re­zep­ti­on von Ur­sa­chen und Wir­kun­gen der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, der Mi­li­tär­re­for­men an der Sei­te Scharn­horsts, sei­ner Er­fah­run­gen in der rus­si­schen Ar­mee 1812 so­wie der Kam­pa­gnen von 1813 bis 1815, um let­zend­lich zu ei­ner we­sent­li­chen Er­kennt­nis zu gelangen.

»(…) Wol­len wir den Geg­ner nie­der­wer­fen, so müs­sen wir un­se­re An­stren­gun­gen nach sei­ner Wi­der­stands­kraft ab­mes­sen; die­se drückt sich durch ein Pro­dukt aus, des­sen Fak­to­ren sich nicht tren­nen las­sen, nämlich:
die Grö­ße der vor­han­de­nen Mit­tel und die Stär­ke der Wil­lens­kraft. [Her­vor­he­bung durch Autor] (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 1. Buch, Kap. 1, S. 20)

Dem­nach, so Clau­se­witz, kön­nen sich die Mit­tel durch Zah­len dar­stel­len las­sen, die Wil­lens­kraft je­doch le­dig­lich »nach der Stär­ke der Mo­ti­ve« (Vergl. eben­da). Im mo­der­nen Mi­li­tär­we­sen spie­geln sich die­se Wor­te in ei­ner um­fas­sen­den La­ge­be­ur­tei­lung wi­der, in der das for­ma­le Kräf­te­ver­hält­nis in Ge­gen­über­stel­lung der Mit­tel – mit so ge­nann­ten Ein­satz­ko­ef­fi­zi­en­ten – der ei­ge­nen und der geg­ne­ri­schen Kräf­ten zu ei­ner mög­li­chen Hand­lungs­va­ri­an­te (An­griff oder Ver­tei­di­gung) füh­ren kann. Aus­schlag­ge­bend für ei­nen Ent­schluss am En­de war und ist der mo­ra­li­sche Zu­stand der Trup­pen. Wil­lens­kraft und Mo­ti­va­ti­on in sei­ner Wir­kungs­wei­se stellt Clau­se­witz wie folgt dar:

»(…) Ge­setzt, wir be­kä­men auf die­se Wei­se ei­ne er­träg­li­che Wahr­schein­lich­keit für die Wi­der­stands­kraft des Geg­ners, so kön­nen wir da­nach un­se­re An­stren­gun­gen ab­mes­sen[…] Aber das­sel­be tut der Gegner; (…)«
(Vergl. Eben­da S. 20 bis 21)

In der Clausewitz´schen Sicht über die »Äu­ße­re An­wen­dung der Ge­walt nach Ziel und Mit­tel« ist die Ge­gen­über­stel­lung der »Wi­der­stands­kräf­te« die drit­te Wech­sel­wir­kung in die­sem Zu­sam­men­hang, die zu be­ach­ten war. Wei­ter vor­ne wur­den be­reits die da­zu ge­hö­ren­den krie­ge­ri­sche Tu­gen­den der kämp­fen­den Trup­pen von Clau­se­witz als »mo­ra­li­sche Po­tenz« definiert.
∗(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 5, S. 171)

Hier noch ein­mal Clau­se­witz zur Rol­le mo­ra­li­scher Größen:

»(…) Noch ein­mal müs­sen wir auf die­sen Ge­gen­stand zu­rück­kom­men, den wir im drit­ten Ka­pi­tel des zwei­ten Bu­ches be­rührt ha­ben, weil die mo­ra­li­schen Grö­ßen zu den wich­tigs­ten Ge­gen­stän­den des Krie­ges ge­hö­ren. Es sind die Geis­ter, wel­che das gan­ze Ele­ment des Krie­ges durch­drin­gen, und die sich an den Wil­len, der die gan­ze Mas­se der Kräf­te in Be­we­gung setzt und lei­tet, frü­her und mit stär­ke­rer Af­fi­ni­tät an­schlie­ßen, gleich­sam mit ihm in eins zu­sam­men­rin­nen, weil er selbst ei­ne mo­ra­li­sche Grö­ße ist. Lei­der su­chen sie sich al­ler Bü­cher­weis­heit zu ent­zie­hen, weil sie sich we­der in Zah­len noch in Klas­sen brin­gen las­sen und ge­se­hen oder emp­fun­den sein wollen. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 3, S. 165)

Die hier dar­ge­stell­ten Sicht­wei­sen Clau­se­witz´ spie­geln ei­ne Rei­he von Teil­dis­zi­pli­nen der Psy­cho­lo­gie wi­der, die auch im heu­ti­gen Mi­li­tär­we­sen in der Aus­bil­dung der Sol­da­ten wir­ken. Die an­ge­führ­ten Bei­spie­le soll­ten die Viel­fäl­tig­keit mög­li­cher his­to­ri­scher Bei­spie­le an­deu­ten, die zur Ver­ständ­lich­keit der Wir­kungs­wei­se der von Clau­se­witz for­mu­lier­ten »mo­ra­li­schen Po­tenz« die­nen können.

An­la­ge:
»Zu­sam­men­hang zwi­schen krie­ge­ri­scher Tu­gend und Volksgeist«
(Vergl. »Clau­se­witz-Kol­lo­qui­um – Theo­rie des Krie­ges als So­zi­al­wis­sen­schaft«, Hg. G. Vom­winckel, Duncker & Hum­blot, S. 135

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