Urheberrecht

Ich bit­te um Be­ach­tung: Wer sich an die­sen Bei­trä­gen be­dient, um sie – ob ori­gi­nal oder in ab­ge­wan­del­ter Form – als ei­ge­ne Er­kennt­nis­se wei­ter zu ver­wen­den, han­delt nicht nur un­fair, son­dern er be­geht ei­nen Verstoß/Verstöße ge­gen das Urheberrecht.

Veröffentlicht unter Diskussion | Kommentare deaktiviert für Urheberrecht

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil I

Aus­zug der ost­preu­ßi­schen Land­wehr nach der Ein­seg­nung in ei­ner Kir­che in Kö­nigs­berg 1813

Wir se­hen hier ein Ge­mäl­de des deut­schen Ma­lers Gus­tav Graf (∗14. De­zem­ber 1821 in Kö­nigs­berg; †6. Ja­nu­ar 1895 in Ber­lin) aus dem Jah­re 1860 mit dem Ti­tel »Aus­zug der ost­preu­ßi­schen Land­wehr nach der Ein­seg­nung in ei­ner Kir­che in Kö­nigs­berg 1813«.

Hin­ter die­sem Mo­tiv ver­birgt sich ei­ne au­ßer­or­dent­lich in­ter­es­san­te Ge­schich­te, mit der wir uns hier be­schäf­ti­gen wol­len. Da­bei wä­re auch zu un­ter­su­chen, wel­chen Be­zug wir zum The­ma fin­den können.

Zu­nächst je­doch zum Bild selbst.

Wir se­hen Of­fi­zie­re und Land­wehr­män­ner un­ter dem Ju­bel der Bür­ger Kö­nigs­bergs aus der Kir­che schrei­ten, in der sie ge­ra­de für den Kampf ein­ge­seg­net wur­den, be­vor sie ins Feld zie­hen. Da die Män­ner aus ei­ner Kir­che kom­men, kön­nen wir da­von aus­ge­hen, dass es sich um Chris­ten han­delt, die so­eben durch ei­nen Pfar­rer ein­ge­schwo­ren wur­den. Auf dem Vor­platz und in den um­lie­gen­den Häu­sern ju­beln die Men­schen den Land­wehr­män­nern zu und tei­len so die da­ma­li­ge of­fen­sicht­li­che pa­trio­ti­sche Eu­pho­rie, die im Früh­jahr 1813 in Preu­ßen über­wie­gend herrsch­te. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen . ….. und Clausewitz? Teil II

Nach der un­glück­li­chen Kam­pa­gne Preu­ßens 1806 und der dar­auf fol­gen­den Ge­fan­gen­schaft in Frank­reich, die Clau­se­witz zu­sam­men mit dem Prin­zen Au­gust von Preu­ßen als des­sen Ad­ju­tant an­trat, be­gann ein sehr be­deu­ten­der Le­bens­ab­schnitt für ihn. Die Jah­re 1807 bis 1812 hat­ten we­sent­li­chen Ein­fluss auf die Ent­wick­lung des da­ma­li­gen 27-jäh­ri­gen (*1780) Of­fi­ziers. Die­se fünf Jah­re wa­ren ge­kenn­zeich­net durch ge­wal­ti­ge Um­wäl­zun­gen in Preu­ßen, die Clau­se­witz dann ab 1808 bei den füh­ren­den Män­nern der Re­for­men in Preu­ßen sa­hen. Stein, Har­den­berg, Scharn­horst, Gnei­sen­au, Boy­en und Grol­man ga­ben Clau­se­witz die Mög­lich­keit, fe­der­füh­rend am Re­form­werk mit­zu­ar­bei­ten. Hier wirk­te sich be­reits sein Ver­ständ­nis der his­to­ri­schen Dia­lek­tik He­gels aus, das ihn spä­ter in sei­nem Haupt­werk »Vom Krie­ge« zur Dar­stel­lung des Ver­hält­nis­ses von Po­li­tik und Krieg führ­te. An der Kriegs­aka­de­mie als Schü­ler Kie­se­wet­ters (* 1766; † 1819 Ber­lin) von Kant ge­hört, ist ei­ne per­sön­li­che Be­zie­hung Clausewitz´zu He­gel nicht ge­klärt. Gleich­wohl er­ken­nen wir He­gels Dia­lek­tik in der Fra­ge „Was ist der Krieg?“ 

»(…) Wir den­ken die ein­zel­nen Ele­men­te un­se­res Ge­gen­stan­des, dann die ein­zel­nen Tei­le oder Glie­der des­sel­ben und zu­letzt das Gan­ze in sei­nem in­ne­ren Zu­sam­men­hang zu be­trach­ten, al­so vom Ein­fa­chen zum Zu­sam­men­ge­setz­ten fortzuschreiten. (…)«
(Clau­se­witz »Vom Krie­ge«, Ers­tes Ka­pi­tel, 1. Ein­lei­tung, Ver­lag MfNV Ber­lin, 1957, S. 17)

Ge­org Wil­helm Fried­rich He­gel (* 27. Au­gust 1770 in Stutt­gart; † 14. No­vem­ber 1831 in Berlin)
Quel­le:
Wikipedia

Die­ser ra­tio­nal den­ken­de Clau­se­witz, der in der Blü­te­zeit deut­schen Geis­tes leb­te und wirk­te, war ein lei­ser Be­ob­ach­ter, der of­fen­sicht­lich nach al­len Sei­ten of­fen war. Da­von zeugt der viel­fäl­ti­ge Brief­ver­kehr zwi­schen der Braut und spä­te­ren Ehe­frau Ma­rie geb. Grä­fin von Brühl (* 3. Ju­ni 1779 als Grä­fin Ma­rie So­phie von Brühl in War­schau; † 28. Ja­nu­ar 1836) so­wie mit sei­nen en­gen Ver­trau­ten Scharn­horst und Gnei­sen­au. Vom Men­schen Clau­se­witz zeugt auch ei­ne wohl ein­zig­ar­ti­ge Cha­rak­te­ris­tik, ge­ge­ben von Ge­ne­ral Graf v. d. Gro­eben (1788 bis 1876). Die­ser be­geg­ne­te Clau­se­witz 1810 an der Kriegs­schu­le zu Ber­lin, kämpf­te mit ihm in der »Rus­sisch-Deut­schen Le­gi­on« und war 1815 1. Ge­ne­ral­stabs­of­fi­zier in Ko­blenz und so­mit ein en­ger Ge­fähr­te desselben.
Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil III

Das da­ma­li­ge preu­ßi­sche Of­fi­zier­korps, dem der Va­ter Clau­se­witz und Carl Phil­lip so­wie zwei sei­ner Brü­der dann selbst an­ge­hör­ten, un­ter­lag zwei­fels­oh­ne dem »Es­prit de Corps«. Un­ab­hän­gig vom ei­ge­nen Stel­len­wer­tes in der Hier­ar­chie ver­stan­den sich die­se Of­fi­zie­re als »Män­ner von Eh­re«. Die Ge­burt un­se­res Carls in der Fa­mi­lie ei­nes in­va­li­den Of­fi­ziers Fried­rich des II., der im nied­rigs­ten Be­am­ten­stand des kö­nig­li­chen Ac­cise-We­sens sei­nen Le­bens­un­ter­halt ver­die­nen musste:

»(…) Sein Jah­res­ge­halt be­trug an­fäng­lich 180 Ta­ler, spä­ter 225 bis 300 Ta­ler. Ab 1793 ver­füg­te Fried­rich Ga­bri­el über ei­ne Gnadenpension (…)«
(Vergl. E. Kes­sel – Carl von Clau­se­witz – Her­kunft und Per­sön­lich­keit, in Wis­sen und Wehr, Heft 18, Mitt­ler Ber­lin 1937) 

be­ein­träch­tig­te mit Si­cher­heit  das Avan­ce­ment des jun­gen Clau­se­witz und sei­ner Brüder. 

Gleich­wohl ge­hör­te die Fa­mi­lie dem pri­vi­le­gier­ten Stand im Staa­te Preu­ßen an, auch wenn der Adel der Clau­se­witz´ zwei­fel­haft war und erst am 3. Ja­nu­ar 1827 durch F. W. III. mit KO (Ka­bi­nets-Or­der) be­stä­tigt wur­de. Va­ter Clau­se­witz war durch­aus be­müht, sei­nen Söh­nen den »Es­prit de Corps« zu ver­mit­teln. Da­von zeugt ein Brief an Ma­rie vom 13. De­zem­ber 1806, wor­in er of­fen­sicht­lich stolz schrieb: 

»(…) Wir drei jüngs­ten Brü­der sa­hen uns al­so als Edel­leu­te in der Ar­mee an­ge­stellt, und zwar mein drit­ter Bru­der nebst mir in ei­nem Re­gi­men­te [Prinz Fer­di­nand], in wel­chem nur Edel­leu­te die­nen konnten (…)«. 

Wenn­gleich im sel­ben Brief und Ab­satz die Be­sorg­nis an­klang, dass da Zwei­fel hät­ten ent­ste­hen können.

»(…) Da wir nun Ver­wand­te hat­ten, die nicht Edel­leu­te zu sein schie­nen, so muß­te das na­tür­lich Be­sorg­nis er­we­cken, daß, wenn man hier und da zu­fäl­lig auf dies Ver­hält­nis stie­ße, man uns für Usur­pa­to­ren hal­ten könnte (…)«
(Vergl. »Carl und Ma­rie von Clau­se­witz – Brie­fe – Ein Le­ben im Kampf für Frei­heit und Reich«, Hg. Ot­to Heu­sche­le, s. 57)

Wir un­ter­su­chen hier be­wusst die­se Stan­des­fra­gen, die wo­mög­lich Ein­fluss auf die Sicht zu Re­li­gi­ons­fra­gen des Of­fi­ziers und spä­te­ren Ge­ne­rals Carl von Clau­se­witz ge­habt ha­ben könn­ten. Denn die Zeit, die wir hier im Blick ha­ben, war ge­prägt durch ei­ne über fast ein Jahr­hun­dert wäh­ren­de Aus­ein­an­der­set­zung zu theo­lo­gi­schen Fra­gen, das Exis­tenz­recht der Ju­den in Eu­ro­pa betreffend.

(Ehe­ma­li­ge Syn­ago­ge in Burg aus den Jah­ren 1851 bis 1852 – Quel­le: tu​rist​info​-burg​.de) Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil IV

Die Zeit des Be­su­ches der Kriegs­schu­le bis hin zum Er­leb­nis der Nie­der­la­ge im Krieg von 1806 war ge­prägt durch um­fang­rei­che Stu­di­en ver­schie­de­ner Be­rei­che der Ge­schichts­li­te­ra­tur, Kriegs­ge­schich­te und Phi­lo­so­phie so­wie Fra­gen der Kultur.

»(…) In sei­nen frü­hen Schrif­ten fin­den sich Hin­wei­se auf Au­toren wie Ma­chia­vel­li, Mon­tai­g­ne, Mon­tes­quieu, Ro­bert­son, Jo­han­nes von Mül­ler und Gentz (…)«
(Vergl. Pe­ter Pa­ret »Clau­se­witz und der Staat«, Düm­ler 1993, S. 109) 

Er­staun­li­cher­wei­se er­schei­nen in die­ser Auf­zäh­lung die Na­men von Vol­taire, Jean-Jac­ques Rous­se­au, Sta­nis­las de Cler­mont-Ton­ner­re oder Paul Hen­ri Thiry d´Holbach nicht. Denn die­se Ver­tre­ter der Auf­klä­rung hat­ten sich mit den Fra­gen des Ju­den­tums in Eu­ro­pa be­schäf­tigt. Das mag dem noch re­la­tiv jun­gen Al­ter Clau­se­witz´ zu­ge­rech­net wer­den. Ge­wis­ser­ma­ßen ent­schul­di­gend, führt Pe­ter Pa­ret in die­sem Zu­sam­men­hang an: 

»(…) Von 1803 bis zur Kri­se der Jah­re 1805 und 1806 zieht sich durch Clausewitz´politische Be­trach­tun­gen ei­ne gleich­blei­ben­de In­ter­pre­ta­ti­on der Si­tua­ti­on Eu­ro­pas […] Doch wenn Clau­se­witz ver­such­te, sei­ne Ideen auf das zen­tra­le Pro­blem zu über­tra­gen, zeig­te er sich un­fä­hig, die Schwie­rig­kei­ten zu lö­sen, die der Ent­wick­lung ei­ner wirk­sa­men Po­li­tik im We­ge stan­den (…)«
(Vergl. Pe­ter Pa­ret »Clau­se­witz und der Staat«, Düm­ler 1993, S. 107) 
Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil V

Zur öko­no­misch be­grün­de­ten Judenfeindschaft

Seit dem Mit­tel­al­ter leb­ten die Ju­den in Eu­ro­pa und so­mit auch in Preu­ßen in ei­ner auf­ok­troy­ier­ten Be­rufs­struk­tur, die sie aus hand­werk­li­chen Zünf­ten aus­schloss, ih­nen Grund­be­sitz ver­wehr­te und den Zu­gang zum Mi­li­tär und Staats­dienst aus­schloss. Wei­ter oben wur­de das schon er­wähnt. Das be­wuss­te Hin­ein­drän­gen in Fel­der des Fi­nanz­sys­tems, in Han­del und Geld­ver­leih (sie­he Hirsch) führ­te zu ei­ner wei­te­ren Ab­son­de­rung der Ju­den vom üb­ri­gen Volk der Län­der. Dar­an än­der­te auch das oben er­wähn­te »Ge­ne­ral-Re­gle­ment« F. II. so gut wie nichts. Le­dig­lich die Vor­tei­le wuss­te der Peu­ßen­kö­nig für sich zur Fi­nan­zie­rung sei­nes sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges und zum Pa­lais-Bau in Ber­lin zu nutzen.

»(…) ein Ka­pi­tel aus ei­nem sei­ner­zeit po­pu­lä­ren his­to­ri­schen Ro­man der Schrift­stel­le­rin Loui­se Mühl­bach (ei­gentl. Cla­ra Mundt, 1814 bis 1873), Fried­rich der Gro­ße und sein Hof; es heißt „Der Kron­prinz und der Ju­de“ und schil­dert ei­ne Au­di­enz Vei­tel Hei­ne Ephraims bei Kron­prinz Fried­rich in Rheins­berg. Die li­te­ra­ri­sche Ge­stal­tung die­ser Sze­ne durch die Au­torin Mühl­bach zeigt ei­nen Ju­den, der ab­hän­gig ist von den Lau­nen des Kron­prin­zen, der aber auch selbst­be­wußt auf­zu­tre­ten und sein Recht ein­zu­for­dern weiß. Auf der an­de­ren Sei­te steht ein stol­zer, aber schließ­lich doch ein­sich­ti­ger Kron­prinz: Wenn er kann, steht er zu sei­nen Ver­pflich­tun­gen. Die Au­torin ver­sucht, das un­gleich­ge­wich­ti­ge Ver­hält­nis der bei­den fik­tio­nal zu ge­stal­ten. Die Sze­ne ist frei er­fun­den, ba­siert aber auf his­to­ri­schem Quel­len­stu­di­um der Schrift­stel­le­rin: so könn­te ei­ne Be­geg­nung der bei­den ab­ge­lau­fen sein. (…)«
(Vergl. Gom­perz, Ephraim, It­zig – Er­folg und Be­drü­ckung der »Hof­ju­den« Fried­richs II. Vor­trag, Tho­mas Bre­chen­ba­cher, ephraim​-vei​tel​-stif​tung​.de)

Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil VI

Zur »ras­sis­tisch mo­ti­vier­ten Judenfeindschaft«

Be­reits im ers­ten Teil un­se­rer Be­trach­tung er­wähn­ten wir:

»(…) Das Ban­ner „Li­ber­té, Ega­li­té, Fra­ter­ni­té“ wirk­te auch in Preu­ßen auf das Be­wusst­sein, für glei­che Rech­te und Pflich­ten al­ler Bür­ger des Lan­des einzutreten. (…)«

In Preu­ßen wirk­te die­ser Im­puls in viel­fäl­ti­ger Wei­se in fast al­len Schich­ten der da­ma­li­gen Be­völ­ke­rung und so­mit auch in der jü­di­schen Ge­mein­schaft des Lan­des. Be­son­ders in Ber­lin ent­wi­ckel­te sich ei­ne in­tel­lek­tu­el­le Ba­sis, die ge­prägt war vom frü­he­ren Wir­ken Mo­ses Men­dels­sons (∗1729; † 1786) und Gott­hold Ephraim Les­sings  (*1729; † 1781). Les­sings Schau­spiel »Na­than der Wei­se« von 1783 war, wie er sel­ber formulierte, 

»(…) das Re­sul­tat ei­ner sehr ernst­haf­ten Be­trach­tung über die schimpf­li­che Un­ter­drü­ckung, in wel­cher ein Volk seuf­zen muß, das ein Christ, soll­te ich mei­nen, nicht oh­ne ei­ne Art von Ehr­er­bie­tung be­trach­ten kann. (…)«
(Les­sing, Gott­hold Ephraim – Wer­ke und Brie­fe, 12 Bän­de, Hg. W. Bar­ner, Frank­furt am Main, Bd. 1, S. 1152)

Les­sing und Jo­hann Cas­par La­va­ter zu Gast bei Mo­ses Men­dels­sohn, Ge­mäl­de von M. D. Oppenheim
Quelle:Wikipedia

Der preu­ßi­sche Staats­rat Chris­ti­an Wil­helm von Dohm (*1751; † 1820), ein Freund Men­dels­sohns, griff die Be­mü­hun­gen der jü­di­schen Be­we­gung der »Haska­la« (mit Hil­fe des Ver­stan­des auf­klä­ren) auf und trat für die gleich­be­rech­tig­te Stel­lung der Ju­den in Preu­ßen ein. 1781 er­schien sein Buch »Über die bür­ger­li­che Ver­bes­se­rung der Ju­den«.

» (…) Ähn­lich wie schon Les­sing vor ihm er­klär­te er die elen­de so­zia­le La­ge der Ju­den nicht aus ir­gend­wel­chen na­tür­li­chen An­la­gen oder re­li­giö­sen Ge­bräu­chen, son­dern viel­mehr aus der jahr­hun­der­te­lan­gen Un­ter­drü­ckung durch die christ­li­che Umwelt. (…)«
(Vergl. Der Deut­sche Weg der Ju­den­eman­zi­pa­ti­on 1789 – 1938, Wal­ter Grab, Piper/Zürich, S. 13)
Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil VII

Die Christ­lich-Deut­sche Tisch­ge­sell­schaft – Die frü­he Form ei­ner in­tel­lek­tu­ell-po­li­tisch ver­bräm­ten Ver­ei­ni­gung mit ju­den­feind­li­chen Facetten.

Über den Jah­res­wech­sel 1809 zu 1810 kehr­te der Preu­ßi­sche Hof wie­der nach Ber­lin zu­rück. Mit im Ge­fol­ge Ca­pi­tai­ne und Bü­ro­chef Scharn­horsts, Carl von Clau­se­witz. Die Chan­cen für sein mi­li­tä­ri­sches Avan­ce­ment wa­ren aus­sichts­reich, und so­mit stand auch der Ver­bin­dung mit Ma­rie nichts mehr im We­ge. Die Grä­fin Brühl-Mut­ter war dem Clau­se­witz nicht zu­ge­neigt, hat­te mit vom Stein an­de­re Plä­ne für Toch­ter Ma­rie ver­folgt. Clau­se­witz war nun­mehr auch durch die Ver­bin­dung mit dem Hau­se Brühl in Ber­lin nicht mehr un­be­kannt und ge­wann an Bedeutung.

Clau­se­witz kehr­te in ein Ber­lin zu­rück, das zu­neh­mend von ei­ner deut­lich spür­ba­ren Ro­man­tik, auf den Flü­geln Schlei­er­ma­chers, durch E. T. A. Hoff­mann, Jo­seph von Ei­chen­dorff, Lud­wig Tieck, Bet­ti­na von Ar­nim, die Ge­brü­der Grimm, No­va­lis (ei­gent­lich Ge­org Phil­ipp Fried­rich von Har­den­berg), Cle­mens Bren­ta­no u. a., ge­prägt war. Das in­tel­lek­tu­el­le Le­ben Ber­lins hat­te sich um die Jahr­hun­dert­wen­de bis zum Jahr 1806 in Sa­lons jü­di­scher Frau­en eta­bliert, die Eman­zi­pa­ti­ons­or­te wur­den. Hen­ri­et­te Herz, Ra­hel Varn­ha­gen und Do­ro­thea Schle­gel ge­hör­ten zu den pro­mi­nen­ten Vertreterinnen.

Ra­hel Varn­ha­gen von En­se, geb. Le­vin (∗19. Mai 1771; † 7. März 1833)
Quel­le: Wi­ki­pe­dia

Der­ar­ti­ge Sa­lons wur­den in die­ser Zeit Treff­punkt der Eli­ten, des Adels, des Mi­li­tärs, der Wis­sen­schaft, der Dich­ter, der Mu­si­ker und Ma­ler. Auch nach 1806, im Jahr 1810, gab es Treff­punk­te die­ser Art in ähn­li­cher Form. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil VIII

Hein­rich von Kleist, Dich­ter und ge­we­se­ner Lieu­ten­ant der preu­ßi­schen Ar­mee, schreibt:

»(…) Die Je­nen­si­sche An­fein­dung wür­de be­lang­los sein, wä­re sie nicht ei­ne Be­gleit- oder Fol­ge­er­schei­nung von Vor­gän­gen, die im Som­mer 1811 in Ber­lin sich ab­spiel­ten und al­le Welt ei­ne Zeit­lang un­ter­hiel­ten. Es han­delt sich um den tät­li­chen Über­fall Mo­ritz It­zigs auf Arnim. (…)«
(Vergl. Hein­rich von K
leists Kämp­fe, Rein­hold Steig, Ver­lag von W. Spe­mann 1901, S. 632)

»(…) It­zig und Ar­nim sind bei­de ge­blie­ben – je­ner bei Lüt­zen, die­ser hin­ter dem Ofen (…)«
(Vergl. Hil­de Spiel »Fan­ny von Arn­stein oder die Eman­zi­pa­ti­on«, F. a. M. 1962 S. 404)

Die­se Kurz­fas­sung ei­nes Spott-Ge­dich­tes auf Achim von Ar­nim, ver­fasst durch das li­be­ra­le Mit­glied der Tisch­ge­sell­schaft Fried­rich Au­gust von Sta­e­ge­mann (*1763 †1840), zeugt von der Dis­so­nanz zwi­schen den ein­zel­nen Män­nern die­ser Un­ter­neh­mung. Ei­ne pro­gram­ma­tisch ge­woll­te Ju­den­feind­schaft in­ner­halb die­ser Ge­sell­schaft, so wie sie Achim von Ar­nim, Bren­ta­no, Beuth und an­de­re dar­stell­ten, wur­de nicht durch al­le Mit­glie­der geteilt.

Die Ge­schich­te da­hin­ter ist kurz zu­sam­men­ge­fasst erzählt.

Ar­nim er­schien im Mai 1811 oh­ne per­sön­li­che Ein­la­dung im Sa­lon der deutsch-jü­di­schen Sa­ra Le­vi, ei­ner ge­bo­re­nen It­zig. Dort pfleg­te man ei­ne of­fe­ne li­be­ra­le At­mo­sphä­re. Der un­ge­be­te­ne Gast er­schien in »Pum­p­ho­sen«, ei­ne Art Tur­ner­an­zug, wie er auf dem Turn­platz bei Jahn ge­tra­gen wur­de und be­nahm sich nicht stan­des­ge­mäß. Ar­nim pro­vo­zier­te die Gast­ge­be­rin und de­ren Gäs­te. Die Si­tua­ti­on spitz­te sich zu, als der Nef­fe Sa­ra Le­vys sich be­mü­ßigt sah, Ar­nim zu ta­deln. Nef­fe Mo­ritz It­zig, Nach­kom­me ei­ner in zwei­ter Ge­nera­ti­on in Preu­ßen na­tu­ra­li­sier­ten Ge­nera­ti­on ei­ner jü­di­schen Fa­mi­lie, be­trach­te­te sich dem »von Ar­nim« durch­aus eben­bür­tig. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil IX

Das Preu­ßi­sche Of­fi­ziers­korps am An­fang des 19. Jahr­hun­derts war mehr­heit­lich noch ge­prägt von der fri­de­ri­zia­ni­schen Zeit. Dass sich die­ser Stand mit den re­vo­lu­tio­nä­ren Ver­än­de­run­gen im Staats­we­sen Preu­ßens mehr als schwer tat, liegt in der Lo­gik der Dinge.

Die Fol­gen des Ok­to­ber­edikts von 1807 grif­fen sub­stan­ti­ell in das Adels­ge­fü­ge Preu­ßens ein, da sich die tra­di­tio­nel­le Stan­des­wirt­schaft mas­siv zu ver­schie­ben droh­te. Die Ge­stat­tung des frei­en Han­dels mit Grund­be­sitz, die Auf­he­bung der Leib­ei­gen­schaft der Bau­ern und der Pa­tri­mo­ni­al­hier­ar­chie rüt­tel­ten an den Grund­pfei­lern der ad­li­gen Ge­sell­schaft die­ser Zeit. Das auf­stre­ben­de Bür­ger­tum er­öff­ne­te sich mit Fleiß, Ord­nung und Spar­sam­keit die Mög­lich­keit, in die Pha­lanx des al­ten Adels ein­zu­bre­chen. Der Grund­be­sitz war nicht mehr das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um der Macht, son­dern der Be­sitz frei ver­füg­ba­rer Geldmittel.

Ei­ne be­son­de­re Be­dro­hung sah der Adel im Auf­tau­chen jü­di­scher Kauf­leu­te in ih­ren an­ge­stamm­ten »Jagd­re­vie­ren«, wie wir wei­ter oben bei Achim von Ar­nim be­ob­ach­ten konn­ten. Es lag in der Na­tur der Din­ge, dass der Adel ver­such­te, sich vom Bür­ger­tum all­ge­mein und vom Ju­den­tum be­son­ders ab­zu­set­zen. F. W. III. spür­te wohl die­se Ma­lai­se und ver­such­te, sein ei­ge­nes Edikt zu re­la­ti­vie­ren und durch For­mu­lie­run­gen in sei­ner ihm ei­ge­nen Spra­che abzuschwächen:

»(…) nie­mand sei­ne Eh­re ge­kränkt hal­ten kann (…)«
(Vergl. Ka­bi­netts­or­der 〈KO〉 vom 3. Sep­tem­ber 1807, nach Zun­kel, Fried­rich: Eh­re , Hg. Brun­ner & Ot­to Bd. 2 S. 37) 

Schlag­wor­te wie »rit­ter­li­che, hö­fi­sche, ade­li­ge Eh­re« be­gan­nen an Be­deu­tung zu ver­lie­ren. Die Rol­le des Adels als tra­gen­de Säu­le des Staa­tes war in Ge­fahr, wie Fried­rich Au­gust von der Mar­witz – wir konn­ten das wei­ter oben be­ob­ach­ten – wahr­schein­lich fürch­te­te. Im Fahr­was­ser die­ser ge­sell­schaft­li­chen Er­schei­nun­gen ha­ben ju­den­feind­li­che Äu­ße­run­gen aus dem Krei­se der da­ma­li­gen Of­fi­zie­re der un­ter­schied­lichs­ten Rang­ebe­nen durch­aus Ge­mein­sam­kei­ten. Die Mo­ti­ve je­des Ein­zel­nen wa­ren in córpore zu betrachten.
Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil X

Wir schrei­ben das Jahr 1812. Carl von Clau­se­witz hat­te im März den Ent­schluss ge­fasst, die preu­ßi­sche Ar­mee zu ver­las­sen und in rus­si­sche Diens­te zu tre­ten. Ei­ni­ge Wo­chen vor die­sem mu­ti­gen Schritt hat­te er sei­ne »Be­kennt­nis­schrift« – wir ver­wie­sen be­reits dar­auf – ver­fasst und ab­ge­legt. Bei­des, der Über­tritt in die rus­si­schen Streit­kräf­te und die Schrift wa­ren ei­ne deut­li­che Kampf­an­sa­ge an die »fran­zö­si­sche Par­tei« am preu­ßi­schen Hof.

Die­se Ent­schei­dung war in­so­fern von gro­ßer Be­deu­tung, weil Clau­se­witz Ge­fahr lief, ge­gen preu­ßi­sche Ka­me­ra­den und wo­mög­lich ge­gen sei­ne bei­den Brü­der kämp­fen zu müs­sen, die ih­rem Kö­nig folg­ten, der mit Na­po­le­on ein Mi­li­tär­bünd­nis ein­ge­gan­gen war. Die­se schwer­wie­gen­de Ge­wis­sens­fra­ge, der sich Clau­se­witz stell­te, be­ur­teil­te Wer­ner Hal­weg so:

»(…) Wenn Clau­se­witz sich hier ge­gen die Auf­fas­sung sei­nes Kö­nigs und der preu­ßi­schen Re­gie­rung ent­schied, so ent­sprang dies ge­wiß nicht der Nei­gung zu blo­ßem Po­li­ti­sie­ren. Er be­wies viel­mehr vor­bild­haft durch sein Ver­hal­ten, daß die Ge­hor­sam­s­pflicht des Sol­da­ten ge­gen­über Re­gie­rung und Kö­nig dort ih­re Gren­zen fin­den kann, wo ihr Sinn auf Grund be­son­de­rer Not­stän­de von Staat und Volk in Fra­ge ge­stellt er­scheint – erst Recht, wenn dies im Rah­men ei­ner eben­so sorg­fäl­ti­gen wie kri­ti­schen Prü­fung er­här­tet wird. (…)«
(Vergl. Wer­ner Hal­weg »Clau­se­witz Sol­dat – Po­li­ti­ker – Den­ker«, Mus­ter­schmidt-Ver­lag, 1969, S. 42 bis 43) Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | 2 Kommentare

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XI

Die pa­trio­ti­sche Stim­mung im Jahr 1813 er­fass­te vie­le Ju­den in Preu­ßen, die nun zur Fah­ne eil­ten. Sie dach­ten, dass ih­re Sa­che zum Durch­bruch ge­langt war. Ge­mäß des § 16 des wei­ter oben ge­schil­der­ten »Eman­zi­pa­ti­ons­edikts« heg­te nie­mand mehr Zwei­fel an der Mi­li­tär­pflicht preu­ßi­scher Ju­den. Dar­in hieß es:

»(…) Der Mi­li­ta­ir-Kon­scrip­ti­on oder Kan­tons­pflich­tig und den da­mit in Ver­bin­dung ste­hen­den be­son­de­ren ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten sind die ein­län­di­schen Ju­den gleich­falls un­ter­wor­fen. Die Art und Wei­se der An­wen­dung die­ser Ver­pflich­tung auf sie wird durch die Ver­ord­nung we­gen der Mi­li­ta­ir – Kon­scrip­ti­on nä­her be­stimmt werden. (…)«
(Vergl. „Preu­ßi­sche Ge­setz­samm­lung 1812″, S. 17 f., Ernst Ru­dolf Hu­ber, Do­ku­men­te zur deut­schen Ver­fas­sungs­ge­schich­te Band 1, Ver­lag Kohl­ham­mer)

Zu den Frei­wil­li­gen ge­hör­te u. a. auch der Dich­ter Fried­rich Ba­ron de la Mot­te-Fo­qué (* 1777; †1843), der sich frei­wil­lig für das Jä­ger­de­tache­ment des Bran­den­bur­gi­schen Kür­as­sier­re­gi­ments mel­de­te. Grund­la­ge da­für bot die »Ver­ord­nung über die Auf­stel­lung frei­wil­li­ger Jä­ger­ver­bän­de« vom 03.02.1813. Dar­in war ge­re­gelt, dass sich die Frei­wil­li­gen selbst klei­den, be­waff­nen und be­rit­ten ma­chen konn­ten. Dar­über hin­aus stell­te F. W. III. den Frei­wil­li­gen ein be­ruf­li­ches Fort­kom­men in Aussicht.

Fried­rich Ba­ron de la Motte-Foqué
Quel­le: Wi­ki­pe­dia
Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XII

Die Na­tio­nal­be­we­gung, ge­rich­tet ge­gen die na­po­leo­ni­sche He­ge­mo­ni­al­macht, hat­te wei­te Tei­le Eu­ro­pas, hier vor al­lem Preu­ßen, po­li­tisch, mi­li­tä­risch, öko­no­misch, re­li­gi­ös und na­tür­lich auch geis­tig in ei­ne nie zu­vor ge­se­he­ne Be­we­gung ge­bracht. Der Kampf der Ele­men­te des for­mel­len Fort­schrit­tes, ge­bracht durch die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on, mit den Er­schei­nun­gen des Des­po­tis­mus Na­po­le­ons, schlug sich un­mit­tel­bar in den Be­frei­ungs­krie­gen nie­der. Ei­nes der Ele­men­te die­ser Be­we­gung war die ein­ge­lei­te­te Eman­zi­pa­ti­on der preu­ßi­schen Ju­den, die ein­her ging mit ana­lo­gen Be­mü­hun­gen in na­he­zu al­len deut­schen Teil­staa­ten und Österreich.

Un­se­re Be­mü­hun­gen bis­her wa­ren dar­auf ge­rich­tet, den An­teil Carl von Clau­se­witz´ bzw. sei­ne per­sön­li­che Sicht zu Fra­gen der Ju­den in Preu­ßens dar­zu­stel­len. Wie wir bis­her ge­se­hen ha­ben, bie­tet die Quel­len­la­ge nicht viel, au­ßer die da­mals be­rech­tigt ge­äu­ßer­te Feind­schaft, den Kai­ser der Fran­zo­sen be­tref­fend, und ei­ne Rei­se­schil­de­rung, die über­wie­gend xe­no­phob for­mu­liert war. Für bei­de Fak­ten hat­ten wir ei­ne mög­li­che Er­klä­rung des­sen an­ge­bo­ten, oh­ne For­mu­lie­run­gen in In­halt und Form zu ent­schul­di­gen. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XIII

Der 2. Pa­ri­ser Frie­den mit dem De­fi­ni­tiv-Trac­tat, am 20. No­vem­ber 1815 zwi­schen dem Kai­ser von Ös­ter­reich und sei­nen Al­li­ier­ten, dem Za­ren von Russ­land, dem Kö­nig von Preu­ßen und dem Kö­nig von Frank­reich ab­ge­schlos­sen, setz­te den end­gül­ti­gen Schluss­punkt hin­ter die sechs eu­ro­päi­schen Ko­ali­ti­ons­krie­ge von 1792 bis 1815. Mit dem sechs­ten Krieg en­de­ten für Preu­ßen die op­fer­rei­chen Be­frei­ungs­krie­ge von 1813 bis 1815. Da­mit wur­de auch der Schluss­punkt hin­ter dem 1. Pa­ri­ser Frie­den vom 30. Mai 1814 ge­setzt, an dem noch Eng­land be­tei­ligt war. Die Ra­ti­fi­zie­rung des De­fi­ni­tiv-Trac­tats lag den Mon­ar­chen am 16. Fe­bru­ar 1816 vor.

Noch vor dem 2. Pa­ri­ser Frie­den un­ter­zeich­ne­ten Fried­rich Wil­helm III., der ös­ter­rei­chi­sche Kai­ser und der rus­si­sche Zar am 26. Sep­tem­ber 1815 die Grün­dungs­er­klä­rung der „Hei­li­gen Al­li­anz“. Da­mit wur­de für ei­ne län­ge­re Zeit in Mit­tel­eu­ro­pa Frie­den gewährleistet.

Die aus den Krie­gen von 1813/14/15 heim­keh­ren­den jü­di­schen Frei­wil­li­gen und kon­skri­bier­ten jü­di­schen Män­ner Preu­ßens ka­men zu­rück mit der Hoff­nung, dass Kö­nig und Staat Wort hal­ten wür­den. Ver­spro­chen war die Frei­heit des Bür­gers und ei­ne Ver­fas­sung. Der ös­ter­rei­chi­sche Staats­recht­ler Ge­org Jel­li­nek (1851 bis 1911) de­fi­nier­te den Be­griff „Staats­ver­fas­sung“ so:

»(…) Je­der dau­ern­de Ver­band be­darf ei­ner Ord­nung, der ge­mäß sein Wil­le ge­bil­det und voll­zo­gen, sein Be­reich ab­ge­grenzt, die Stel­lung sei­ner Mit­glie­der in ihm und zu ihm ge­re­gelt wird. Ei­ne der­ar­ti­ge Ord­nung heißt ei­ne Verfassung. (…)«
(Vergl. All­ge­mei­ne Staats­leh­re, G. Jel­li­nek: Erkl. der Men­schen- und Bür­ger­rech­te; der­sel­be: Das Recht der Mi­no­ri­tä­ten 1898 S. 7 ff.)

Aus­gangs­punkt hät­te die Fran­zö­si­sche Ver­fas­sung von 1793 sein kön­nen. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XIV

Bru­no Col­son legt dar, dass Clau­se­witz be­reits 1804 Ma­chia­vel­lis »Re­den über Ti­tus Livius´erste De­ka­de« ge­le­sen hatte.

»(…) Er be­wun­der­te die Be­to­nung der Rea­li­tät der Macht durch die­sen, und wahr­schein­lich ent­wi­ckel­te er sei­ne Über­le­gun­gen über die en­gen Ver­bin­dun­gen zwi­schen Krieg und Po­li­tik erst bei sei­ner Lektüre. (…)«
(Vergl. »Clausewitz´Realismus und sein Re­spekt vor dem Geg­ner«, Bur­ger Clau­se­witz­jahr­buch 2020, HG For­schungs­ge­mein­schaft Clau­se­witz Burg, S. 181 bis 183).

Spä­ter, noch vor der un­glück­li­chen Dop­pel­schlacht von Je­na 1806, so Col­son, liest Clau­se­witz dar­auf­hin Gentz´»Frag­men­te aus der neu­es­ten Ge­schich­te des po­li­ti­schen Gleich­ge­wichts in Europa«.

»(…) Von dem wah­ren Be­grif­fe ei­nes po­li­ti­schen Gleich­ge­wichts. Das, was man ge­wöhn­lich po­li­ti­sches Gleich­ge­wicht (ba­lan­ce du pou­voir) nennt, ist die­je­ni­ge Ver­fas­sung ne­ben ein­an­der be­stehen­der und mehr oder we­ni­ger mit ein­an­der ver­bund­ner Staa­ten, ver­mö­ge de­ren kei­ner un­ter ih­nen die Un­ab­hän­gig­keit oder die we­sent­li­chen Rech­te ei­nes an­dern, oh­ne wirk­sa­men Wi­der­stand von ir­gend ei­ner Sei­te, und folg­lich oh­ne Ge­fahr für sich selbst, be­schä­di­gen kann. (…)«
(Vergl. Gentz, Fried­rich, Frag­men­te aus der neus­ten Ge­schich­te des po­li­ti­schen Gleich­ge­wichts in Eu­ro­pa, St. Pe­ters­burg (Leip­zig) 1806 (Fried­rich Gentz, Ge­sam­mel­te Schrif­ten, hg. von Kro­nen­bit­ter, Gün­ther, Bd. IV, Hil­des­heim 1997), S. 1 bis 9)
Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XV

Mit Be­en­di­gung des letz­ten Krie­ges ge­gen Na­po­le­on wuchs ei­ne sgg. Ur­bur­schen­schaft auf, die sich am 12. Ju­ni 1815, drei Ta­ge vor dem En­de der Schlacht von Wa­ter­loo am 18. Ju­ni des Jah­res, in Je­na ma­ni­fes­tier­te. Die von den Schlacht­fel­dern Eu­ro­pas heim­keh­ren­de aka­de­mi­sche Ju­gend war in­spi­riert durch die Schrif­ten Fried­rich Lud­wig Jahns (∗1778; 1852), Ja­kob Fried­rich Fries´(∗1773; 1843) und Ernst Mo­ritz Arndts (∗1769; 1860). Be­son­ders die »Volks­tums­ideen« Jahns för­der­te in die­ser Ju­gend, die bei Clau­se­witz nicht vor­teil­haft weg kam, den Wunsch nach po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen in Preu­ßen und den an­de­ren Staa­ten des Deut­schen Bun­des. Die Ver­fas­sungs­ur­kun­de der »Je­nai­schen Bur­schen­schaft« vom 21. Ju­ni 1815 greift in der Er­öff­nung auf ein po­li­ti­sches Lied, das Ernst Mo­ritz Arndt 1813 vor dem Be­ginn der Be­frei­ungs­krie­ge ver­fass­te, zu­rück. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XVI

Vor der Be­ur­tei­lung die­ser Fra­ge be­trach­ten wir noch ein­mal die Rol­le der Ju­den in Preu­ßen in der Pe­ri­ode der Be­frei­ungs­krie­ge, in der sich so et­was wie »Staats­bür­ger­tum« her­aus­ge­bil­det hat­te. Auch der Stand der Ju­den im Heer nach 1815 in der Nach­kriegspe­ri­ode bis zum To­de Clau­se­witz` soll ge­wür­digt wer­den. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XVII

Die Schlach­ten wa­ren ge­schla­gen. Das »Un­ge­heu­er« Na­po­lé­on Bo­na­par­te saß auf der In­sel St. He­le­na – fünf­ein­halb Jah­re auf sei­nen Tod am 5. Mai 1821 war­tend – fest ver­bannt im »Long­wood House«, unter stän­di­ger stren­ger Be­wa­chung des In­sel­gou­ver­neurs Hud­son Lo­we (∗1769; 1844)

Na­po­lé­on auf St. Helena
Quel­le: spec​trum​.de

Wie aber war die La­ge für die preu­ßi­schen Ju­den in der Zeit nach den Be­frei­ungs­krie­gen? Be­reits frü­her ver­wie­sen wir auf den Ar­ti­kel in der Zeit­schrift »Su­la­mith«, er­schie­nen kurz nach­dem die Waf­fen schwie­gen. In die­sem wur­de auf das Recht der Ju­den ge­drängt. Nun Bür­ger ge­wor­den, wa­ren auch die Rech­te der Bür­ger nicht län­ger aus­zu­schlie­ßen. Be­zug­neh­mend auf die da­mals ge­heg­te Hoff­nung müs­sen wir nach 1815 zur Kennt­nis nehmen:

»(…) In Wirk­lich­keit er­leb­te die nun auch durch die Teil­nah­me an der Ver­tei­di­gung des Va­ter­lan­des mög­li­che In­te­gra­ti­on und bür­ger­li­che Gleich­stel­lung in der Zeit nach 1815, nach der end­gül­ti­gen Nie­der­la­ge Na­po­lé­ons, ei­nen Rückschlag. (…)«
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern«, Die Ge­schich­te Jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en, Hg. M. Ber­ger, tra­fo ver­lag, 2006, S. 68) 

Wir hat­ten be­reits ge­se­hen, dass der im Zu­ge des Wie­ner Kon­gres­ses ge­grün­de­te Deut­sche Bund
ge­stat­te­te, dass Staa­ten mit »fran­zö­si­scher Ver­fas­sung« (Rhein­bund­staa­ten, Han­se­städ­te, nord­deut­sche Staa­ten) die den Ju­den be­reits zu­ge­stan­de­nen Rech­te wie­der ent­zie­hen konn­ten. Der Preu­ßen­kö­nig, der Feld­zug­teil­neh­mern, die sich be­währt hat­ten, so­gar Staats­an­stel­lun­gen ver­sprach, brach sein Versprechen

»(…) Die bei­den Ver­ord­nun­gen vom 3. und 9. Fe­bru­ar 1813 ga­ben den Ju­den in grö­ße­rer Zahl die Mög­lich­keit, in das preu­ßi­sche Heer ein­zu­tre­ten. Sie stell­ten al­len Frei­wil­li­gen ei­ne vor­züg­li­che Be­rück­sich­ti­gung bei der spä­te­ren Zi­vil­an­stel­lung durch den Staat in Aus­sicht, so­weit sie hier­für qua­li­fi­ziert waren. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 53 )

Da in den Jah­ren 1813 bis 1815 et­li­che Land­wehr­sol­da­ten und Frei­wil­li­ge so­gar zu Of­fi­zie­ren avan­cier­ten, war die­ser Wort­bruch des Sou­ve­räns von be­son­de­rer Trag­wei­te. In ver­schie­de­nen Aus­schluss­ver­fah­ren vom Staats­dienst oder Ver­sor­gung von In­va­li­den und be­dürf­ti­gen Ju­den re­vi­dier­ten Har­den­berg und nach­fol­gen­de Mi­nis­te­ri­en in den Fol­ge­jah­ren bald ge­ge­be­ne Zu­sa­gen. So­gar Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en, Kampf­ge­fähr­te Clau­se­witz´, ent­schied sich 1818 zur Re­vi­si­on zu­ge­sag­ter Wert­schät­zun­gen. Selbst ein­mal zu­ge­si­cher­te Pen­sio­nen und Son­der­zu­la­gen ver­wehr­te Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en ab die­sem Zeitpunkt.

»(…) Die­se Zu­la­ge lehn­te nun aber Boy­en im Fe­bru­ar 1818 ent­schie­den ab. Sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on zeigt ei­ne völ­li­ge Ab­kehr von den im Vor­jahr ver­tre­te­nen Grund­sät­zen. […] Es ist un­be­kannt, was Boy­en in­ner­halb von drei Mo­na­ten be­wog, sei­ne frü­he­re Po­si­ti­on der­art zu des­avou­ie­ren. Of­fen­bar ließ er sich vom kö­nig­li­chen Wil­len über­zeu­gen, der von An­fang an auf den Aus­schluß der Ju­den ge­rich­tet war. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 58 )

Gleich­wohl kam es zu son­der­ba­ren Er­schei­nun­gen, die heu­te sehr schwer zu ver­ste­hen sind:

»(…) Im­mer­hin zog man es trotz an­ge­spann­tes­ter Fi­nan­zen vor, ei­nem jü­di­schen In­va­li­den Pen­si­on zu ge­wäh­ren, als ihn für sei­ne Ar­beit im Staats­dienst zu ent­loh­nen. Die Ab­nei­gung ge­gen jü­di­sche Be­am­te muß groß ge­we­sen sein, wenn sie so­gar über die Not­wen­dig­keit, Geld­ge­schen­ke ma­chen zu müs­sen, triumphierte. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 59 ) 

Kriegs­in­va­li­de um das Jahr 1813
Quel­le: IMAGO

Wir kön­nen uns vor­stel­len, was für ei­ne Ver­un­si­che­rung in den Mi­nis­te­ri­en herrsch­te, wenn die füh­ren­den Mi­nis­ter prak­tisch über Nacht bis­her gül­ti­ge Grund­sät­ze der preu­ßi­schen Ju­den­po­li­tik wi­der­rie­fen und re­gel­wid­rig auslegten.

Die Fra­ge, die uns nun be­wegt, lau­tet: War un­se­rem Carl von Clau­se­witz die­ser of­fen­sicht­li­che Wort­bruch be­kannt, und wie re­zi­pier­te er dann die­se Ent­wick­lung? Im­mer­hin war er nun­mehr seit dem 09.05.1818 Di­rek­tor der All­ge­mei­nen Kriegs­schu­le in Ber­lin. Oh­ne Ein­fluss auf die vor­he­ri­gen Er­eig­nis­se zwar, aber na­he dran, weil sich der Re­stau­ra­ti­ons­pro­zess noch über ei­ni­ge Jah­re hin ne­ben ihm voll­zog. Dort in Ber­lin wird es Clau­se­witz nicht ent­gan­gen sein, wie sich die al­te kon­ser­va­ti­ve Hof­par­tei ge­gen sei­nen al­ten Kampf­ge­fähr­ten und an­de­re noch ver­blie­be­ne Re­for­mer sammelte.

Be­reits im Jahr 1817 in­for­mier­te Gnei­sen­au sei­nen jun­gen Freund Clau­se­witz am 6. April in ei­nem Brief aus Ber­lin über In­tri­gen ge­gen Har­den­berg, die sich auch ge­gen ihn selbst rich­te­ten. Gnei­sen­au, un­glück­lich über sei­ne Be­ru­fung in den Preu­ßi­schen Staats­rat, die sei­ne Fa­mi­li­en­ru­he stör­te, schrieb:

»(…) Ich war so glück­lich mit mei­nen Kin­dern! Jetzt ruft man mich und ich kann nicht ver­wei­gern zu kom­men. All das ver­ächt­li­che Ge­re­de von mei­ner der Re­gie­rung feind­se­li­gen miß­ver­gnüg­ten Stim­mung wür­de neu­en Schwung er­hal­ten ha­ben. Dem woll­te ich mich nicht fer­ner preis­ge­ben und so­mit ge­horch­te ich. (…)«

Wei­ter schil­dert Gnei­sen­au die Nie­der­träch­tig­kei­ten um Staats­kanz­ler Har­den­berg, der zu die­ser Zeit auch nicht gut auf Gnei­sen­au sel­ber zu spre­chen war, was er die­sem je­doch nicht übel nahm.

»(…) Im Pu­bli­kum spricht man, er ha­be ge­gen mei­ne Hier­her­be­ru­fung ge­ar­bei­tet, ei­ne an­de­re Par­tei hat, wie ich weiß, das­sel­be ge­tan. Möch­te es doch bei­den ge­lun­gen sein! Auch ge­gen den Kriegs­mi­nis­ter will man mich miß­trau­isch ma­chen. Man re­det da­von, daß die­ser sei­ne Stel­le ver­lie­ren wer­de, und Kne­se­beck ihn er­set­zen. Die zeit­he­ri­gen Ar­mee­grund­sät­ze sind ih­rem Un­ter­gang na­he, man kämpft von vie­len Sei­ten ge­gen sie. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au ein Le­ben in Brie­fen«, Hg. Dr. Karl Grie­wank, Köh­ler & Amelang/Leipzig, S. 351

Ob die drei Män­ner Boy­en, Gnei­sen­au und Clau­se­witz sich im Zu­sam­men­hang mit den Ver­wir­be­lun­gen am Ho­fe und in der Re­gie­rung über Fra­gen der Gleich­be­hand­lung der Ju­den mit der preu­ßi­schen Bür­ger­schaft aus­ge­tauscht ha­ben, ist nicht über­lie­fert, aber mög­lich. Da­bei nah­men al­le drei Män­ner in die­ser Zeit ei­nen un­ter­schied­li­chen Sta­tus ein. Gnei­sen­au, nach sei­nem über­ra­schen­den Rück­tritt vom Kom­man­do in Ko­blenz, zog sich vor­über­ge­hend pri­vat zu­rück. Be­ru­fen in den Staats­rat, war er im Grun­de oh­ne nen­nens­wer­te Wir­kung auf das Mi­li­tär­we­sen. Clau­se­witz, zum Di­rek­tor der Kriegs­schu­le in Ber­lin be­ru­fen, war prak­tisch – oh­ne Ein­fluss auf Leh­re und Aus­bil­dung jun­ger Of­fi­zie­re des Hee­res – auf ein »Ab­stell­ge­leis« geschoben. 

Wäh­rend Clau­se­witz in die­sen Jah­ren von 1818 bis 1830 an sei­ner Kriegs­theo­rie ar­bei­te­te, war er wahr­schein­lich auch kaum in Staats­an­ge­le­gen­hei­ten ge­fragt. Boy­en hin­ge­gen, der sich im­mer wie­der auch mit der so­ge­nann­te Pol­ni­schen Fra­ge be­schäf­tig­te, trug in der Zeit als Kriegs­mi­nis­ter die Haupt­last der Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der kon­ser­va­ti­ven Hof­par­tei. Rol­le und Wir­ken Boy­ens wur­de je­doch in der Ge­schichts­schrei­bung viel­fach un­ter Wert dargestellt.

»(…) Es ist ein selt­sa­mes Bild, das sich bis­her über Boy­en bie­tet. In un­se­rer Zeit wird er ge­le­gent­lich hoch ge­prie­sen. Franz Schna­bel nann­te 1955 sei­ne Hee­res­re­form ei­ne „welt­ge­schicht­li­che Tat“. Kürz­lich wur­de ge­sagt, ne­ben Scharn­horst und Clau­se­witz sei Boy­en der „be­deu­tends­te preu­ßi­sche Hee­res­re­for­mer“ ge­we­sen, er ha­be das preu­ßi­sche Heer „mit Kan­ti­schem Geist er­füllt“. Was wir von ihm in der Li­te­ra­tur er­fah­ren kön­nen, ist al­ler­dings lü­cken­haft und einseitig. (…)«
(Vergl. »Her­mann von Boy­en und die pol­ni­sche Fra­ge«, Denk­schrif­ten von 1794 bis 1846, Hg. H. Ro­the, Böhlau, 2010, S. 9)

Er­mü­det von den fort­wäh­ren­den Que­re­len am Ho­fe des Kö­nigs von Preu­ßen, reich­te Boy­en am 8. De­zem­ber 1819 sei­nen Ab­schied ein. Ei­ne der Ur­sa­chen da­für war wohl die Ab­sicht des Kö­nigs, die Or­ga­ni­sa­ti­on der bes­tens be­währ­ten Land­wehr zu än­dern. Die Hof­par­tei mit ei­ner star­ken Grup­pe um den Her­zog von Meck­len­burg (∗1785; 1837) wen­de­te sich ge­gen die li­be­ra­len Be­stre­bun­gen der Re­for­mer um Boy­en, die die Rol­le des Bür­ger­tums im Heer stär­ken woll­ten und un­ter­stell­te im­mer wie­der »Ja­ko­bi­ner­tum«.

«(…) Die Re­ak­ti­on be­nutz­te mi­li­tär­tech­ni­sche Ein­wän­de – der Aus­bil­dungs­stand der Land­wehr und ih­re or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­klam­me­rung mit der „Li­nie“ war man­gel­haft – und ge­wann den Kö­nig, ge­gen den Kriegs­mi­nis­ter und General. (…)«
(Vergl. »Deut­sche Ge­schich­te 1800 – 1866«, Hg. Th. Nip­per­day, Ver­lag C. H. Beck, 1983, S. 278)

Die Än­de­run­gen, die der Kö­nig an­streb­te, sa­hen vor, dass die Land­wehr zu­künf­tig in die Li­nie ein­ge­glie­dert wer­den soll­te und so­mit ih­re Selbst­stän­dig­keit ver­lie­ren wür­de. Boy­ens Ver­such, ein »Land­wehr-Ge­setz« auf den Weg zu brin­gen, war da­mit ge­schei­tert. Die Land­wehr-Fra­ge war aber of­fen­sicht­lich für Boy­en ein Vor­wand, um ei­ne für ihn weit­aus wich­ti­ge­re Fra­ge nicht mit ver­ant­wor­ten zu müssen.

»(…) Die Land­wehr-Fra­ge war tat­säch­lich nur ein äu­ße­rer, ei­gent­lich ge­rin­ger An­lass für Boy­ens Rück­tritt, un­mit­tel­bar aus sei­ner dienst­li­chen Zu­stän­dig­keit. Viel wich­ti­ger wa­ren die bei­den po­li­ti­schen Haupt­grün­de, die aus den Karls­ba­der Be­schlüs­sen her­rühr­ten: die Fra­ge der Sou­ve­rä­ni­tät des Preu­ßi­schen Staa­tes, […] und so­dann die Verfassungsfrage. (…)«
(Vergl. »Her­mann von Boy­en und die pol­ni­sche Fra­ge« Denk­schrif­ten von 1794 bis 1846, Hg. H. Ro­the, Böhlau, 2010, S. 150)

Der Re­for­mer und Staats­mann Boy­en sah al­so nicht nur die mi­li­tä­ri­schen Pro­ble­me sei­ner Zeit, son­dern sorg­te sich um die Sou­ve­rä­ni­tät des Staa­tes ge­gen­über mög­li­cher Fein­de, aber auch um den Kreis zeit­li­cher Ver­bün­de­ter so­wie die Ver­fas­sungs­fra­ge. (Vergl. Denk­schrift Boy­ens von 1817, betr. ei­ne Ver­fas­sung für Preu­ßen) Bei­des als Ga­rant für die in­ne­re Si­cher­heit Preu­ßens. Am 25. De­zem­ber er­hielt er sei­ne Ent­las­sung mit Ka­bi­netts­or­der. Der Kö­nig kürz­te Boy­ens Pen­si­on um die Hälf­te. Mit Boy­en ver­lie­ßen na­he­zu zeit­gleich Hum­boldt, Bey­me und Kampf­ge­fähr­te Grol­mann den preu­ßi­schen Dienst.

»(…) Das war ein Sieg Har­den­bergs, aber ein Pyr­rhus­sieg, denn jetzt hat­ten die Ver­fas­sungs- und Re­form­geg­ner in der Re­gie­rung end­gül­tig die Mehr­heit. Die Ent­las­sung Hum­boldts mar­kiert das En­de der Re­form­ära in Preu­ßen. (…)«
(Vergl. »Deut­sche Ge­schich­te 1800 – 1866«, Hg. Th. Nip­per­day, Ver­lag C. H. Beck, 1983, S. 278)

Der jü­di­sche Fahneneid

Noch in der Dienst­zeit Boy­ens als Kriegs­mi­nis­ter voll­zog sich ei­ne be­deu­ten­de No­vel­le des Fah­nen­ei­des für jü­di­sche Sol­da­ten. Das Grund­mus­ter des hier in un­se­rer Be­trach­tung im Zu­sam­men­hang mit der Cau­sa Me­no Burg zi­tier­ten Fah­nen­ei­des wird auch nach 1815 bei­be­hal­ten. Die Be­son­der­heit, dass in den Be­frei­ungs­krie­gen für jü­di­sche Sol­da­ten kaum rechts­ver­bind­li­che Ei­des­for­meln vor­ka­men, rief nun aber Wi­der­spruch hervor.

»(…) Bei der Ein­stel­lung vor und wäh­rend der Be­frei­ungs­krie­ge leg­te man auf die For­ma­li­tä­ten des Ei­des nur ge­rin­gen Wert. Je­den­falls wuß­te man nach 1815 nicht mehr, ob die jü­di­schen Sol­da­ten über­haupt ver­ei­digt wor­den waren. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 105 )

Hin­zu ka­men die Pro­ble­me bei der Be­wäl­ti­gung viel­schich­ti­ger Schwie­rig­kei­ten, die sich aus dem Ge­biets­zu­wachs für Preu­ßen nach 1815 er­ga­ben. Im Er­geb­nis des Wie­ner Kon­gres­ses er­hielt das preu­ßi­sche Kö­nig­reich die Pro­vinz Schwe­disch-Pom­mern, den nörd­li­chen Teil des säch­si­schen Kö­nig­rei­ches, die Pro­vinz West­fa­len, die Rhein­pro­vinz und die ehe­ma­li­ge Pro­vinz Posen .

In al­len Neu­zu­gän­gen herrsch­ten un­ter­schied­li­che Ge­set­ze, die sich auch im Ver­hält­nis zu den Ju­den wi­der­spie­gel­ten. Das be­traf auch Ei­des­for­meln für Sol­da­ten all­ge­mein und für jü­di­sche im Be­son­de­ren. Zu be­ach­ten ist hier der Um­stand, dass in den neu­en Ge­bie­ten die Re­geln des Edikts von 1812 ent­ge­gen ur­sprüng­li­chen Ab­sich­ten nicht ein­ge­führt wor­den sind.
(Vergl. »Be­trach­tun­gen über die Ver­hält­nis­se der jü­di­schen Un­tertha­nen der preu­ßi­schen Mon­ar­chie«, Hg. G. Ries­ser, Al­to­na, 1834) 

In den Pro­vin­zen Bran­den­burg, Pom­mern, Schle­si­en so­wie in Ost- und West­preu­ßen galt das al­te Edikt. Die preu­ßi­sche Re­gie­rung tat sich da­her vie­le Jah­re schwer in dem Be­mü­hen, die un­kla­re Rechts­la­ge zu lö­sen. Wie wir im Ver­lau­fe un­se­rer Dar­stel­lung be­reits fest­ge­stellt ha­ben, brach die in den Be­frei­ungs­krie­gen ge­wach­se­ne Ein­heit zwi­schen Mon­ar­chie und Volk nach 1815 sehr schnell wie­der aus­ein­an­der. In den Stru­del der Kon­flik­te ge­riet auch der Fah­nen­eid, der

»(…) da­mit zum Sym­bol der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den li­be­ra­len und re­stau­ra­ti­ven Kräf­ten um die Grund­ent­schei­dung über das Ver­hält­nis von po­li­ti­scher und ge­sell­schaft­li­cher Ver­fas­sung. (…)« wur­de.
(Vergl. »Der Fah­nen­eid« Die Ge­schich­te der Schwur­ver­pflich­tung im deut­schen Mi­li­tär, Sven Lan­ge, Edi­ti­on Tem­me, 2002, S. 48 und Schie­der, Der Fah­nen­eid als po­li­ti­sches Pro­blem, S. 23)

In den preu­ßi­schen Be­hör­den, na­ment­lich im Kriegs­mi­nis­te­ri­um, scheu­te man sich, ei­ne ent­spre­chen­de For­mel für ei­nen Fah­nen­eid vor­zu­le­gen, der die Be­son­der­hei­ten des Ju­den­tums be­rück­sich­tig­te. Der kar­di­na­le Streit­punkt wa­ren die re­li­giö­sen Fra­gen. Die christ­li­chen Sol­da­ten schwo­ren auf die Bi­bel mit dem Zu­satz am En­de des Ei­des »So wahr mir Gott hel­fe durch Jes­um Chris­tum.«

Wie aber soll­te das für den jü­di­schen Sol­da­ten klin­gen? Soll­te der jü­di­sche Sol­dat die Hand auf die he­bräi­sche Bi­bel le­gen? Fra­gen, die die preu­ßi­schen Be­hör­den be­weg­te, aber auch die jü­di­sche Geist­lich­keit. Re­geln wa­ren zwin­gend not­wen­dig, da in ver­schie­de­nen jü­di­schen Ge­mein­den selt­sa­me Ver­fah­rens­wei­sen üb­lich waren.

»(…) In Ost­preu­ßen rich­te­te aber wei­ter­hin ein jü­di­scher Be­am­ter ei­ne be­son­de­re Er­mah­nung an den Schwö­ren­den, in der er ihm an­droh­te, er wer­de im Fal­le des Eid­bru­ches »vom Teu­fel ge­holt« und ste­hen­den Fu­ßes vom »Don­ner­wet­ter er­schla­gen wer­den«. (…)« 
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 105 )

Das rief den Wi­der­stand des Vor­kämp­fers der jü­di­schen Eman­zi­pa­ti­on, Da­vid Fried­län­der (*1750, †1834), her­vor, der ei­ne ein­fa­che Ei­des­for­mel vorschlug.

»(…) In ei­nem um­fang­rei­chen Gut­ach­ten üb­te Da­vid Fried­län­der an die­ser Pra­xis schar­fe Kri­tik. Er ver­warf schlecht­hin al­le bis­her be­ob­ach­te­ten Ze­re­mo­nien und Kaute­len [Ab­leis­tung des Ei­des in der Syn­ago­ge, An­we­sen­heit von Ge­lehr­ten und Zeu­gen, das Hän­de­wa­schen und die Ei­des­for­mel]. (…)« (Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 105 bis 106)

Die Vor­schlä­ge Fried­län­ders fan­den je­doch in der preu­ßi­schen Bü­ro­kra­tie kei­nen wirk­li­chen Wi­der­hall. Schlim­mer noch:

»(…) Es wur­de im Ge­gen­teil neu ein­ge­führt, dem Schwö­ren­den ei­ne Ta­fel mit den he­bräi­schen Buch­sta­ben des Wor­tes „Ja­we“ vorzuhalten. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 106)

Boy­en lehn­te die­se Art des Ei­des ab und schlug vor, le­dig­lich die Wor­te »durch Jes­um Chris­tum« zu strei­chen. Hier hat­te Boy­en er­staun­li­cher­wei­se ge­ra­de bei nam­haf­ten Ju­den Ver­bün­de­te. Im Jahr 1818 reich­te der Ber­li­ner Rab­bi­ner Mey­er Si­mon Weil (∗1744; 1826) ein Gut­ach­ten ein, das sich mit In­halt und Form des Ei­des jü­di­scher Sol­da­ten befasste.

»(…) Auch er hielt im Grun­de ei­nen ein­fa­chen Eid oh­ne je­de For­ma­li­tät und oh­ne Tho­ra nach dem Ge­setz für aus­rei­chend, ge­stand aber die Bei­be­hal­tung der bis­he­ri­gen Übung (das An­fas­sen der Tho­ra bzw. Tphi­lim) zu. Als ei­ne Vor­sor­ge­maß­nah­me für den »ge­mei­nen Hau­fen« schlug er vor, der Schwur­for­mel ei­ne spe­zi­el­le Er­mah­nung durch den Rab­bi­ner vor­aus­ge­hen zu las­sen, de­ren Text er eben­falls einreichte. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 108 bis 109)

Jü­di­scher Gebetsriemen
Quel­le: kul​tur​er​be​.nie​der​sach​sen​.de

Der Rab­bi­ner Weil räum­te in sei­nem Gut­ach­ten ein, dass we­gen der Wah­rung der Mo­ral und des Ge­set­zes zu be­ach­ten sei, dass der »ge­mei­ne Hau­fen« von Pflicht, Ge­setz und Re­li­gi­on nicht im­mer die wah­ren Be­grif­fe hat. Weil schlug da­her un­ter dem 1. Au­gust 1818 ei­ne Er­mah­nungs­for­mel vor, die wir im Fah­nen­eid für jü­di­sche Sol­da­ten wie­der­fin­den. Der Kö­nig von Preu­ßen er­ließ dar­auf­hin am 30. Ok­to­ber 1819 – nach ei­nem Jahr der Be­gut­ach­tung – die dem­entspre­chen­de Ka­bi­netts­or­der an den Kriegs­mi­nis­ter Boyen.
In der K. O. le­sen wir fol­gen­de vor­an­ge­stell­te Prä­am­bel für den all­ge­mei­nen Fahneneid:

»(…) Ich N. N. schwö­re, oh­ne die min­des­te Hin­ter­list und Ne­ben­ge­dan­ken, auch nicht nach mei­nem et­wai­gen dar­in lie­gen­den Sinn und Aus­le­gung der Wor­te, son­dern nach dem Sinn des All­mäch­ti­gen und des­sen Ge­salb­ten, un­sers theu­ren Kö­nigs, bei dem Na­men des hei­li­gen all­mäch­ti­gen Got­tes, daß ich Sr. Ma­jes­tät dem Kö­ni­ge von Preu­ßen etc. etc. (…)«
(Vergl. »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 102)

Der nach­fol­gen­de Teil des Ei­des war im glei­chen Wort­laut zu schwö­ren wie durch al­le an­de­ren Sol­da­ten christ­li­chen Glau­bens. Le­dig­lich »Jes­um Chris­tum«, wie von Boy­en vor­ge­schla­gen, ent­fiel und schloss mit »So wahr mir Gott helfe«. 


Eid 1813
Quel­le: imagselect​.de

Noch kurz vor sei­ner Ent­las­sung setz­te Kriegs­mi­nis­ter Boy­en die Ei­des­for­mel am 1. De­zem­ber 1819 in Kraft. Mit den vor­an­ge­stell­ten Sät­zen des Schwu­res wur­den das gan­ze Miss­trau­en und die Zwei­fel an der mo­ra­li­schen Zu­ver­läs­sig­keit jü­di­scher Sol­da­ten durch den preu­ßi­schen Staat und sei­ne Mi­li­tär­be­hör­de – hier auch durch den Re­for­mer von Boy­en – of­fen­sicht­lich. Wir er­ken­nen hier ei­ne ge­wis­se Kon­ne­xi­on zwi­schen jü­di­schen Geist­li­chen und preu­ßi­scher Re­gie­rung. Das ist schwer ver­ständ­lich, wenn wir vor­an­ge­gan­ge­ne Schil­de­run­gen des Be­tra­gens jü­di­scher Sol­da­ten in den Be­frei­ungs­krie­gen rekapitulieren.

Dar­über hin­aus ord­ne­te F. W. III. an, dass der »Staats­mi­nis­ter des Kul­tus« vor der ei­gent­li­chen Ver­ei­di­gung ei­ne Vor­be­rei­tung zur Ab­leis­tung des Ei­des in ei­ner got­tes­dienst­li­chen Ver­samm­lung zu ver­an­las­sen hät­te. Hier ein Aus­zug des Tex­tes der ge­nann­ten Vorbereitung:

»(…) Das For­mu­lar zur Vor­be­rei­tung zum Ei­de, wel­che in Ver­folg vor­ste­hen­den Cir­cu­lairs sämt­li­chen Trup­pent­hei­len mit­ge­t­heilt wor­den, lau­tet: „Wis­se daß die­ser Eid nach den Aus­sa­gen al­ler Rab­bi­nern eben so hei­lig und bün­dig ist, als wä­re er in der Syn­ago­ge und in Ge­gen­wart der Tho­ra voll­zo­gen wor­den, und nichts kann die Stra­fe des All­mäch­ti­gen ab­wen­den, wenn er ver­letzt wer­de.“ […] und die Stra­fe des Him­mels ist un­aus­bleib­lich, wenn die­se Pflich­ten noch bei dem hei­li­gen Na­men Got­tes be­schwo­ren wer­den, und man nach­her mein­ei­dig werde. (…)«
(Vergl. »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 103)

Hier er­ken­nen wir we­sent­li­che Be­stand­tei­le der da­ma­li­gen preu­ßi­schen Re­li­gi­ons­po­li­tik, die maß­geb­lich auch vom Kö­nig F. W. III. be­ein­flusst war.

«(…) Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. fühl­te sich von sei­ner Ju­gend an eng an das Chris­ten­tum ge­bun­den und sprach dies auch in der Öf­fent­lich­keit rück­halt­los aus. […] Er er­kann­te den ab­so­lu­ten Wahr­heits­an­spruch des Chris­ten­tums und sah in ihm den wich­tigs­ten Pfei­ler staat­li­cher Macht, bür­ger­li­cher Ord­nung und mo­ra­li­scher Zu­ver­läs­sig­keit. Ein sol­ches Be­kennt­nis ließ sich in sei­ner Stel­lung ge­wiß nur schwer mit wirk­li­cher Ge­wis­sens­frei­heit für die „an­dern“ ver­ein­ba­ren. Es konn­te auch bei ech­tem Wil­len, To­le­ranz zu üben, nicht oh­ne er­heb­li­chen Ein­fluß auf die Hal­tung ge­gen­über den Ju­den bleiben. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 89 bis 90)

Wie soll­ten da die noch ver­blie­be­nen Re­for­mer, al­len vor­an der »noch« Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en und die in ei­ner »War­te­schlei­fe« ver­har­ren­den Män­ner, Gnei­sen­au und Clau­se­witz in ir­gend­ei­ner Art Ein­fluss neh­men? Schwer vor­stell­bar. Ob­gleich für die­se al­ten Sol­da­ten vor al­lem Fra­gen der Mo­ral, des Ver­trau­ens und der Zu­ver­läs­sig­keit, die bei Ju­den in Zwei­fel ge­zo­gen wa­ren, größ­te Be­deu­tung hat­ten. Im Schrift­tum Clau­se­witz´fin­den wir die Fra­ge nach der Mo­ral und Zu­ver­läs­sig­keit ge­stellt und be­ant­wor­tet. Bei sei­ner Be­ur­tei­lung des mensch­li­chen Geis­tes im Krieg schluss­fol­gert er in »Vom Kriege«:

»(…) Die Kriegs­kunst hat es mit le­ben­di­gen und mo­ra­li­schen Kräf­ten zu tun, dar­aus folgt, daß sie nir­gends das Ab­so­lu­te und Ge­wis­se er­rei­chen kann; es bleibt al­so über­all dem Un­ge­fähr ein Spiel­raum, und zwar eben­so groß bei den Größ­ten wie bei den Kleins­ten. Wie die­ses Un­ge­fähr auf der ei­nen Sei­te steht, muß Mut und Selbst­ver­trau­en auf die an­de­re tre­ten und die Lü­cke aus­fül­len. So groß wie die­se sind, so groß darf der Spiel­raum für je­nes wer­den. Mut und Selbst­ver­trau­en sind al­so dem Krie­ger ganz we­sent­li­che Prinzipe. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957,1. Buch, Kap. 1, 22, S. 32)

Hier räumt Clau­se­witz mög­li­che Frik­tio­nen im Han­deln des Men­schen im Krie­ge ein. Die Rol­le des Fah­nen­ei­des an sich zu die­ser Zeit stell­te ei­ne Treue­ver­pflich­tung des «sol­dat ci­toy­en», des Bür­ger­sol­da­ten dar, die so­mit ei­ne staats­bür­ger­li­che Ver­pflich­tung ge­gen­über Staat und Mon­arch be­inhal­te­te. Hier war es al­so not­wen­dig, den Sol­da­ten auf sei­nen Dienst vor­zu­be­rei­ten, un­ab­hän­gig von sei­ner Kon­fes­si­on. Das schien aber ge­gen­über den Ju­den trotz al­ler vor­wie­gend po­si­ti­ven Er­fah­run­gen be­son­ders ex­pli­zit ge­ge­ben. So wie wir bis­her er­ken­nen kön­nen, deu­tet al­les dar­auf hin, dass die Re­for­mer ein­schließ­lich Clau­se­witz die Re­li­gi­ons­po­li­tik des Kö­nigs und da­mit auch die Ei­des­for­mel samt da­zu­ge­hö­ri­ger Vor­be­rei­tung rezipierten.

Dass hier im Eid und in der Vor­be­rei­tung mo­ra­li­scher Druck auf den jü­di­schen Sol­da­ten aus­ge­übt wur­de, über­rascht nicht. Denn trotz des bis 1815 an­er­kann­ten gu­ten Diens­tes, den sie nach­weis­lich leis­te­ten, wur­den im­mer wie­der we­sent­li­che Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­te der Ju­den in Zwei­fel ge­zo­gen. Chris­ti­an Wil­helm Dohm (∗1751; 1820)  schil­dert in sei­nem Werk »Ue­ber die bür­ger­li­che Ver­bes­se­rung der Ju­den« von 1781, un­ter­stell­te ne­ga­ti­ve Ei­gen­schaf­ten des jü­di­schen Cha­rak­ters, die stän­dig durch­aus po­si­ti­ven ge­gen­über stünden:

»(…) die über­trieb­ne Nei­gung der Na­ti­on zu je­der Art von Ge­winn, ih­re Lie­be zum Wu­cher, zu be­trü­ge­ri­schen Vortheilen (…)«
( Vergl. »Über die bür­ger­li­che Ver­bes­se­rung der Ju­den«, C. W. Dohm, 1781, Bd. 1 , S. 96, in »Der Ju­den­eid im 19. Jahr­hun­dert vor­nehm­lich in Preu­ßen«, Hg. Th. Vormbaum, BWV, 2006, S. 15 bis 16 )

Dohm fügt je­doch so­gleich hin­zu, die­se Ver­ge­hun­gen sei­en:

»(…) nicht ei­g­en­thüm­li­che Mo­di­fi­ca­tio­nen des jü­di­schen Na­tio­nal­cha­rak­ters, son­dern blos der drü­cken­den La­ge, in der sich die Ju­den izt be­fin­den, bey­zu­mes­sen, und zum Theil Fol­gen des Ge­wer­bes, auf das man sie al­lein ein­ge­schränkt (ha­be) (…)«(Dohm aus Verbesserungen)
(Vergl. »Der Ju­den­eid im 19. Jahr­hun­dert vor­nehm­lich in Preu­ßen«, Hg. Th. Vormbaum, BWV, 2006, S. 15 bis 16)

Dohm un­ter­streicht in sei­nem Werk be­son­de­re Vor­zü­ge, die Ju­den von al­ters her aus­zeich­ne­ten. So führ­te er die An­häng­lich­keit an den ur­alten Glau­ben ih­rer Vä­ter an, der dem Cha­rak­ter der Ju­den Fes­tig­keit und Mo­ra­li­tät ver­lei­hen wür­de. Sich dar­auf zu be­ru­fen, spie­gelt sich auch im oben er­wähn­ten For­mu­lar des Ei­des und des­sen Vor­be­rei­tung wi­der. Deut­lich be­zie­hen sich preu­ßi­sche Be­am­te und de­ren jü­di­sche Zu­ar­bei­ter, den Text be­tref­fend, hier auf die Un­ter­schie­de zwi­schen dem »Al­ten und Neu­en Testament«. 

Das Al­te Tes­ta­ment ent­spricht dem Te­n­ach, der jü­di­schen Bi­bel, in der Gott stra­fend er­scheint, wäh­rend das Neue Tes­ta­ment die Gna­de Got­tes ge­gen­über Sün­dern zeigt. So­mit nimmt die Straf­an­dro­hung in Er­war­tung der Ver­feh­lung in der Ei­des­for­mel der Ju­den ei­nen si­gni­fi­kan­ten Raum ein.

Für christ­li­che Sol­da­ten er­schien das nicht not­wen­dig, und man be­schränk­te sich le­dig­lich auf den Ver­weis, die Kriegs­ar­ti­kel (sie­he An­la­ge 1) zu be­fol­gen und sich so zu be­tra­gen, wie es ei­nem recht­schaf­fe­nen, un­ver­zag­ten, pflicht- und ehr­lie­ben­den Sol­da­ten ge­ziemt. Die Kriegs­ar­ti­kel hat­ten für den Sol­da­ten die Be­deu­tung ei­nes Militärstrafgesetzbuches.
(Vergl. »Der Fah­nen­eid«, Die Ge­schich­te der Schwur­ver­pflich­tung im deut­schen Mi­li­tär, Sven Lan­ge, Edi­ti­on Tem­me, 2002, S. 70)

Das al­te Testament
Quel­le: FAZ

Zu er­wäh­nen wä­re noch, dass in den preu­ßi­schen Kern­pro­vin­zen auch an­de­re Glau­bens­ge­mein­schaf­ten wie die Men­no­ni­ten und Ka­tho­li­ken ge­son­dert be­han­delt wor­den sind. Die Sol­da­ten aus der Pro­vinz Po­sen, die mehr­heit­lich pol­nisch spra­chen, schwo­ren in ih­rer Mut­ter­spra­che. In al­len Fäl­len wa­ren in Vor­be­rei­tung und Ab­leis­tung des Ei­des bei jü­di­schen Sol­da­ten mi­li­tä­ri­sche Vor­ge­setz­te und Rab­bi­ner an­we­send. So wies der Bri­ga­de­kom­man­deur Ge­ne­ral­ma­jor Lud­wig Gus­tav von Thie­le (∗1781; 1852) , der kein Be­für­wor­ter der Ju­den­eman­zi­pa­ti­on war, die Ber­li­ner Re­gi­men­ter am 5. Au­gust 1820 an:

»(…) zu je­der sol­chen Ver­ei­di­gung ei­nen Of­fi­zier oder Un­ter­of­fi­zier, wenn kein Of­fi­zier da­zu dis­po­ni­bel sein soll­te, als Zeu­gen zu kom­man­die­ren, so daß es kei­nes At­tes­tes des Rab­bi­ners über die rich­tig ab­ge­hal­te­ne Vor­be­rei­tung bedürfe. (…)«
(Vergl. »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 103)

Die Ver­ei­di­gung des jü­di­schen me­di­zi­ni­schen Per­so­nals des preu­ßi­sche Hee­res war noch um ei­ni­ges dif­fi­zi­ler (sie­he An­la­ge 2). Die­ses hier dar­zu­stel­len wür­de den Rah­men un­se­rer Ar­beit spren­gen. Aber das Miss­trau­en ge­gen­über jü­di­schen Ärz­ten muss be­son­ders groß ge­we­sen sein!? Da­her griff man nicht ein­fach auf den Text des Bu­ches As­saf (An­ti­ker med. Ver­hal­tens­ko­dex für jü­di­sche Ärz­te aus dem 5. Jhd. n. Chr.) zu­rück, der prak­tisch dem Eid des Hip­po­kra­kes gleich­zu­set­zen war, son­dern schuf ei­ge­ne re­strik­ti­ve For­mu­lie­run­gen. Wenn­gleich des Kö­nigs Wor­te im »Or­tels­bur­ger Pu­bli­can­dum« von 1806, die preu­ßi­schen Chir­ur­gi be­tref­fend – wir ver­wie­sen be­reits dar­auf – eben­falls an Deut­lich­keit nichts ver­mis­sen lassen.
(Vergl. da­zu »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 103 bis 104)« )

Nach 1819 gab es im­mer wie­der Ver­su­che von jü­di­scher Sei­te, das Pro­ce­de­re des Ei­des für Ju­den zu ver­än­dern. Na­ment­lich Fried­län­der ver­such­te mehr­fach er­folg­los, Än­de­run­gen zu erwirken.

»(…) Er be­klag­te, daß die an­ge­nom­me­ne For­mel Zwei­fel an der mo­ra­li­schen Zu­ver­läs­sig­keit und Lau­ter­keit des Schwö­ren­den her­vor­ru­fen müs­se. Sie sei da­her nicht nur »un­kräf­tig und zweck­wid­rig«, son­dern auch »schäd­lich«. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr, Tü­bin­gen, 1968, S. 110)

Ei­ne Re­vi­si­on des »Ju­den­ei­des« ge­lang bis in den Vor­märz (Epo­che der deut­schen Ge­schich­te zwi­schen der Ju­li­re­vo­lu­ti­on von 1830 und der März­re­vo­lu­ti­on von 1848) nicht mehr. 

»(…) Jü­di­sche und pro­tes­tan­ti­sche Or­tho­do­xi hat­ten zu­sam­men­ge­wirkt, um die tra­di­tio­nel­len Auf­fas­sun­gen über den jü­di­schen Eid zu sanktionieren. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr, Tü­bin­gen, 1968, S. 110)

Bei al­lem, was wir heu­te wis­sen, wä­re es un­ter Mit­wir­kung der in »De­ckung« ge­gan­ge­nen Re­for­mer um Clau­se­witz wahr­schein­lich mög­lich ge­we­sen, das Pro­blem »Ju­den­eid« zu lö­sen. Das Ver­ständ­nis über die ent­schei­den­de Rol­le der Mo­ral des Sol­da­ten im Krie­ge, hier des jü­di­schen, war bei den Prot­ago­nis­ten der Re­for­men in Preu­ßen vor­han­den. So aber war hier durch de­ren »Schwei­gen« be­reits ein Grund­stein des Schei­terns der Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den in Preu­ßen und so­mit auch in Deutsch­land ge­legt. Hier be­gann wo­mög­lich der Irr­weg in der Ent­wick­lung Preußens.
Fried­rich Mein­ecke (∗ 1862; 1954) –  ein alt­mär­ki­scher His­to­ri­ker – schil­der­te die­sen Zu­sam­men­hang folgendermaßen:

»(…) Ei­ne volks­tüm­li­che Hee­res­ver­fas­sung, wie sie der Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en von 1814 – 1819 einst er­streb­te, wä­re wohl mög­lich ge­we­sen und hät­te sich auch auf dem Schlacht­feld be­wäh­ren kön­nen. Hier se­he ich al­so ei­nen wirk­li­chen Irr­weg un­se­rer Entwicklung.(…)«
(Vergl. Fried­rich Mein­ecke, » Zur Theo­rie und Phi­lo­so­phie der Ge­schich­te«, Hg. E. Kes­sel, K.F. Ko­eh­ler Ver­lag, 1965, S. 207)

Die Ver­ei­di­gung der jü­di­schen Sol­da­ten und Me­di­zi­ner war zwei­fels­oh­ne ein we­sent­li­cher Be­stand­teil der an­ge­streb­ten neu­en Ver­fas­sung des Hee­res nach 1815.

Hier noch ein­mal Clau­se­witz zur Rol­le mo­ra­li­scher Größen:

»(…) Noch ein­mal müs­sen wir auf die­sen Ge­gen­stand zu­rück­kom­men, den wir im drit­ten Ka­pi­tel des zwei­ten Bu­ches be­rührt ha­ben, weil die mo­ra­li­schen Grö­ßen zu den wich­tigs­ten Ge­gen­stän­den des Krie­ges ge­hö­ren. Es sind die Geis­ter, wel­che das gan­ze Ele­ment des Krie­ges durch­drin­gen, und die sich an den Wil­len, der die gan­ze Mas­se der Kräf­te in Be­we­gung setzt und lei­tet, frü­her und mit stär­ke­rer Af­fi­ni­tät an­schlie­ßen, gleich­sam mit ihm in eins zu­sam­men­rin­nen, weil er selbst ei­ne mo­ra­li­sche Grö­ße ist. Lei­der su­chen sie sich al­ler Bü­cher­weis­heit zu ent­zie­hen, weil sie sich we­der in Zah­len noch in Klas­sen brin­gen las­sen und ge­se­hen oder emp­fun­den sein wollen. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 3, S. 165)

Un­ge­ach­tet des­sen ha­ben jü­di­sche Sol­da­ten in den nach­fol­gen­den Krie­gen 1864/66, 1870/71 und 1914 bis 1918 ih­ren Eid er­füllt und über­wie­gend tap­fer ge­kämpft. Ei­ne ech­te Wert­schät­zung des Deut­schen Vol­kes war ih­nen je­doch bis in die jüngs­te Ver­gan­gen­heit nie zu­teil ge­wor­den. Im Ge­gen­teil, vie­le Trä­ger des Ei­ser­nen Kreu­zes aus WK I wur­den durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in der »Shoa« li­qui­diert. Wir er­in­ner­ten be­reits an den Trä­ger des EK I im 1. Welt­krieg, Ju­li­us Phil­ipp­son, der im Jahr 1943 in Ausch­witz er­mor­det wurde.

Fort­set­zung Teil XVIII

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Anlage 1: Die Kriegsartikel

Kriegs­ar­ti­kel für die Un­ter-Of­fi­zie­re und ge­mei­nen Soldaten.
Kö­nigs­berg, den 3tn Au­gust 1808. Ge­druckt bei Ge­org De­cker. Kö­nigl. Geh. Ober-Hofbuchdrucker

Un­mit­tel­ba­rer Be­stand­teil der preu­ßi­schen Hee­res­re­form von 1807 bis 1814 war die Neu­fas­sung der Kriegs­ar­ti­kel. Der Kö­nig von Preu­ßen hat­te ver­fügt, die bis da­hin gül­ti­gen Ar­ti­kel umzuarbeiten.

Die Kriegs­ar­ti­kel leg­ten in 57 Ar­ti­keln die Pflich­ten und Rech­te der ge­mei­nen Sol­da­ten und Un­ter­of­fi­zie­re fest. Von be­son­de­rer Be­deu­tung war der Ar­ti­kel 1, wor­in ver­kün­det wurde:

»(…) Da künf­tig je­der Un­terthan des Staa­tes oh­ne Un­ter­schied der Ge­burt, un­ter den noch nä­her zu be­stim­men­den Zeit- und sons­ti­gen Ver­hält­nis­sen, zum Kriegs­dienst ver­pflich­tet wer­den soll, und hier­nach die Ar­mee fast gänz­lich aus Ein­län­dern be­stehen wird; (…)«

Hier spie­geln sich die Scharnhorst´schen Ent­wür­fe der Ver­fas­sun­gen der Re­ser­ve­ar­mee (1807) und der Pro­vin­zi­al­trup­pen (1808) wi­der, in de­nen der § 1 lautete:

»§ 1 Al­le Be­woh­ner des Staa­tes sind ge­bo­re­ne Ver­tei­di­ger desselben«
(Nach 1812 wa­ren hier auch die jü­di­schen Bür­ger Preu­ßens ge­meint – Be­mer­kung Autor)

Im Ar­ti­kel 2 ver­si­chert der Kö­nig von Preu­ßen al­len Sol­da­ten, oh­ne Rück­sicht auf ih­re Ge­burt, sei­ne Fürsorge.
Der Ar­ti­kel 3 war ei­ne der si­gni­fi­kan­tes­ten Ver­än­de­run­gen im preu­ßi­schen Heer seit F. II.

»(…) Es soll kein Sol­dat künf­tig durch Stock­schlä­ge be­traft wer­den […] Eben so fällt die Stra­fe des Gas­sen­lau­fens gänz­lich weg. (…)«
( Vergl. »
Er­gän­zun­gen und Ab­än­de­run­gen der Preus­si­schen Ge­setz-Bü­cher«, Hg. Mann­kopff, Nauck, 1836, Bd. 4, S.606)

Trak­tiert wer­den in den nach­fol­gen­den Artikeln
I. Die Dienst­ver­bre­chen,
II. Die ge­mei­nen Verbrechen,
III. Die All­ge­mei­nen Strafbestimmungen.

Da­zu wer­den die Or­di­na­ti­ons­re­geln zu Fra­gen der Un­ter­ord­nung, die Maß­re­ge­lun­gen für das Ver­hal­ten im Krieg, die Dienst­ab­läu­fe und Wa­chen, das Ver­hal­ten auf dem Marsch, im Bi­wak und in der Li­nie, die Fah­nen­flucht, die Maß­re­ge­lun­gen bei ge­mei­nen Ver­bre­chen, das Ver­hal­ten beim Got­tes­dienst, das Ver­hal­ten bei Schlä­ge­rei­en (Not­wehr & Tot­schlag), die Schän­dung der Frau, die Blut­schan­de und So­do­mie, der Ehe­bruch, der Dieb­stahl, die Pass­fäl­schung, die Glücks­spie­le, die Brand­stif­tung und die zu er­war­ten­den Stra­fen er­läu­tert. Für schwe­re Ver­ge­hen wur­de die Her­ab­set­zung im Dienst­ver­hält­nis, Fes­tungs­haft und auch das »Schwert« angedroht. 

Die Ar­ti­kel schlie­ßen ab mit der For­de­rung des Kö­nigs nach »ge­hö­ri­ger Be­kannt­ma­chung« der­sel­ben so­wie dem Text der For­mel des Soldateneides.

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Anlage 2: Die Vereidigung des jüdischen medizinischen Personals des preußische Heeres

Aus­zug aus den Vor­schrif­ten über die Ver­ei­di­gung jü­di­schen Militärs.

(Vergl. Die Frü­he­ren und Ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämmt­li­chen Lan­dest­hei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes, Hg. Lud­wig von Rön­ne, Hein­rich Si­mon. Bres­lau 1843, S. 104 bis 104)

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XVIII

Die Be­stre­bun­gen der Re­for­mer – zu de­nen Clau­se­witz ge­hör­te –, den Preu­ßen ei­ne Ver­fas­sung zu ge­ben und die Mi­li­tär­re­form vor­an­zu­trei­ben, wa­ren ge­schei­tert. Die Fol­ge des­sen wa­ren po­li­ti­sche Tur­bu­len­zen, die sich weit bis nach dem Ab­le­ben Clausewitz´hinzogen. His­to­ri­ker be­zeich­nen die­se Er­schei­nun­gen als »Re­stau­ra­ti­on« und »Vor­märz«.
Hier an die­ser Stel­le keh­ren wir noch ein­mal zu Clausewitz´Schrift »Um­trie­be« (1819 – 1823) zu­rück. In kei­ner an­de­ren Ar­beit war Clau­se­witz mit so­zio­lo­gi­schen Fra­gen der preu­ßi­schen In­nen­po­li­tik so be­fasst, wie in dieser.

Ne­ben den Be­schrei­bung der »Ex­tra­va­gan­zen« und der Pro­ble­me der aka­de­mi­schen Ju­gend wid­me­te sich Clau­se­witz in sei­nen »Um­trie­ben« auch der Schil­de­rung von Un­zu­frie­den­hei­ten im preu­ßi­schen Land. Clau­se­witz hat­te Be­mü­hun­gen nach ei­ner po­li­ti­schen Ein­heit Deutsch­lands als il­lu­so­risch be­zeich­net. Er er­war­te­te nicht, dass sich die brei­te Volks­mas­se da­für be­geis­tern ließe.

»(…) Es fehl­te zwar in Preu­ßen nicht an Ge­gen­stän­den der Un­zu­frie­den­heit und die ei­nen re­el­le­ren Grund hat­ten als die Um­trie­be der Stu­den­ten, al­lein sie hat­ten teils gar kei­ne, teils ei­ne rück­wir­ken­de Be­zie­hun­gen zu diesen. (…)«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz: Po­li­ti­sche Schrif­ten und Brie­fe«, Hg. Dr. H. Roth­fels, Drei Mas­ken Ver­lag, Mün­chen 1922, XIV Um­trie­be (1819 – 1823), S.184)

Clau­se­witz be­weg­te sich in sei­nen »Um­trie­ben« fol­ge­rich­tig im Span­nungs­feld der drei gro­ßen Grund­pro­ble­me sei­ner Zeit, nach 1815:

1. Dem Ge­biets­zu­wachs Preu­ßens durch das Rhein­land, West­fa­len, der Pro­vinz Sachsen,Schwedisch-Vorpommern und Po­sen; (sie­he An­la­ge Verwaltungseinrichtungen)
2. Dem Re­form­stau der al­ten Gesellschaft;
3. Den Re­stau­ra­ti­ons­be­stre­bun­gen der kon­ser­va­ti­ven Hof­par­tei
um Kö­nig F. W. III.

Sein Au­gen­merk war da­bei be­son­ders auf die Ver­är­ge­rung des Adels ge­rich­tet, der sich in­fol­ge der Staats­re­for­men um sei­nen Sta­tus ge­bracht sah. Der Adel – durch Krieg und Kri­sen ge­beu­telt – war ein Pfei­ler der Restauration.

»(…) Die vie­len An­stren­gun­gen der Kriegs­zeit hat­ten den Grund­be­sit­zer sehr her­un­ter­ge­bracht; die neu­en Ein­rich­tun­gen der bäu­er­li­chen Ver­hält­nis­se mach­ten sei­ne Be­wirt­schaf­tung viel kost­ba­rer, und er fühlt sich al­so in ei­ner sehr ge­dräng­ten La­ge, wor­aus ganz na­tür­lich Un­zu­frie­den­heit ent­sprang. Daß die­se Un­zu­frie­den­heit aber den Plä­nen der Dem­ago­gen nicht zu­sag­te, viel­mehr ein Ge­gen­ge­wicht für sie war, ist klar. (…)«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz: Po­li­ti­sche Schrif­ten und Brie­fe«, Hg. Dr. H. Roth­fels, Drei Mas­ken Ver­lag, Mün­chen 1922, XIV Um­trie­be (1819 – 1823), S.184)

Be­mer­kens­wer­ter­wei­se be­nutzt Clau­se­witz hier sel­ber den Be­griff »Dem­ago­gen« mehr­fach. Die­se Be­griff­lich­keit hat­te sich nach den «Karls­ba­der Be­schlüs­sen« (1819) für die Über­wa­chung und Ver­fol­gung »re­vo­lu­tio­nä­rer Bür­ger«, Pro­fes­so­ren, Stu­den­ten, Uni­ver­si­tä­ten so­wie Bur­schen­schaf­ten ma­ni­fes­tiert. Hat­te sich Clau­se­witz zu die­sem Zeit­punkt mit Ziel, Form und In­halt der so­ge­nann­ten »Dem­ago­gen­ver­fol­gung« iden­ti­fi­ziert? Im­mer­hin dürf­te es ihm nicht ent­gan­gen sein, dass Fich­te, v. Stein, so­gar v. Har­den­berg in Ver­dacht ge­rie­ten, geis­tig in­vol­viert ge­we­sen zu sein. Dass Jahn ver­haf­tet, Arndt und wei­te­re Pro­fes­so­ren ih­rer Äm­ter ent­ho­ben und Straf­pro­zes­sen aus­ge­setzt wa­ren, dürf­te dem Di­rek­tor der All­ge­mei­nen Kriegs­schu­le (seit 1818) auch nicht ent­gan­gen sein.

Im Vi­sier der Staatsgewalt
Quel­le: uni​-gies​sen​.de

In sei­ner Schrift »Um­trie­be 1818 – 1823« wird Clau­se­witz da­zu sehr deutlich:

»(…) Wir fin­den al­so im Jahr 1818 die deut­sche aka­de­mi­sche Ju­gend auf – und an­ge­regt zu ei­ner po­li­ti­schen Wie­der­ge­burt. Sie weiß es selbst nicht, was das sein und hei­ßen soll; auch die Pro­fes­so­ren, die es ih­nen ge­lehrt ha­ben, wis­sen es nicht, oder der ei­ne weiß es so, der an­de­re weiß es an­ders. Aber vor al­lem ist ge­lehrt und aus­ge­macht wor­den, daß die deut­schen Re­gie­run­gen (un­be­scha­det der Schlech­tig­keit der an­de­ren eu­ro­päi­schen) ver­dor­be­ne Rot­ten sind, kol­lek­ti­ve Bö­se­wich­te […] die nur das Üb­le wol­len, das Gu­te auf­hal­ten, die Zeit nicht ver­ste­hen, das Volk nicht lie­ben […] ein ste­hen­der fau­ler Sumpf, ein Pfuhl des Ver­der­bens ist […] es muß al­so wie­der an­ders wer­den in der Welt. (…)«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz Po­li­ti­sche Schrif­ten und Brie­fe«, Hg. Dr. H. Roth­fels, Drei Mas­ken Ver­lag, Mün­chen 1922, XIV Um­trie­be (1819 – 1823), S. 182 bis 183) 

Nein, Clau­se­witz war im Zwei­fel ob der Recht­mä­ßig­keit die­ser re­vo­lu­tio­nä­ren Um­trie­be, und folg­lich stand er in Op­po­si­ti­on ge­gen die un­ter Ver­dacht ste­hen­den Prot­ago­nis­ten und de­ren Ideen. Ge­treu sei­ner Grund­über­zeu­gung – wir ver­wie­sen be­reits dar­auf – jeg­li­che Ge­heim­bün­de­lei ab­zu­leh­nen. Er war im­mer noch der kö­nigs­treue Soldat.

Im Wei­te­ren stellt Clau­se­witz die pre­kä­re fi­nan­zi­el­le La­ge Preu­ßens dar, die sich durch die lan­ge Kriegspe­ri­ode er­ge­ben hat­te. Die­se ver­such­te der Staat durch Auf­he­bung von Be­am­ten­ge­häl­tern und Steu­er­erhö­hun­gen zu re­gu­lie­ren, was wie­der­um zur Un­zu­frie­den­heit wei­ter Be­völ­ke­rungs­tei­le führte.

»(…) So kam es, daß der Staat jetzt jähr­lich 50 Mi­lio­nen er­hob, da er sonst nur 36 Mil­lio­nen er­ho­ben hat­te. […] Es ent­stand al­so auch von die­ser Sei­te ein un­ge­wohn­ter Druck, der na­tür­lich zu Kla­gen führ­te. Aber kei­nem ver­nünf­ti­gen Men­schen konn­te es wohl ein­fal­len, von den il­lu­sio­ri­schen Plä­nen der Dem­ago­gen in die­sem re­el­len Übel ei­ne Ab­hil­fe zu erwarten. (…)«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz Po­li­ti­sche Schrif­ten und Brie­fe«, Hg. Dr. H. Roth­fels, Drei Mas­ken Ver­lag, Mün­chen 1922, XIV Um­trie­be (1819 – 1823), S. 185)

Von wei­te­rer Be­deu­tung war für Clau­se­witz »die Sto­ckung des Han­dels« als Quel­le der da­ma­li­gen Ver­dros­sen­heit, die wa­ren sei­ner Mei­nung nach auf die gro­ßen »Ter­ri­to­ri­al­ver­än­de­run­gen« zurückzuführen.

»(…) Bei gro­ßen Ter­ri­to­ri­al­ver­än­de­run­gen tritt der­glei­chen im­mer ein;[…] Dies war bei uns be­son­ders mit den rhein­län­di­schen Pro­vin­zen der Fall, die ih­ren Ab­satz nicht mehr nach Frank­reich und den Nie­der­lan­den ma­chen konn­ten und in dem ent­fern­ten preu­ßi­schen Mut­ter­staa­te nicht gleich Er­satz fanden. (…)«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz Po­li­ti­sche Schrif­ten und Brie­fe«, Hg. Dr. H. Roth­fels, Drei Mas­ken Ver­lag, Mün­chen 1922, XIV Um­trie­be (1819 – 1823), S. 185)

Auf der an­de­ren Sei­te hob Clau­se­witz je­doch auch die er­heb­li­chen Pro­ble­me des schle­si­schen Lein­wand­han­dels her­vor, der nun­mehr 10 Mil­lio­nen Ta­ler im Jahr ver­lor. Die schle­si­schen Pro­duk­ti­ons­stät­ten ge­rie­ten in Not und Ar­mut, so Clau­se­witz. Hier ist der Kriegs­phi­lo­soph je­doch of­fen­sicht­lich nicht in der La­ge, kon­kre­te Ur­sa­chen für die­se Er­schei­nung zu nen­nen. Viel­mehr un­ter­streicht er ein­mal mehr sei­ne Auf­fas­sung von der Un­fä­hig­keit der deut­schen Ju­gend hier Ab­hil­fe zu schaffen.

Hier hät­te Clau­se­witz be­reits auf die be­gin­nen­de In­dus­tria­li­sie­rung in Preu­ßen mit mög­li­chen Kon­se­quen­zen ver­wei­sen müs­sen. In den zu­meist länd­li­chen tra­di­tio­nell fa­mi­li­är ba­sie­ren­den Pro­duk­ti­ons­stät­ten war man zu­neh­mend nicht mehr in der La­ge, dem Druck bil­li­ger ma­schi­nell her­ge­stell­ter Pro­duk­te zu be­geg­nen. Das Re­sul­tat war die Ver­elen­dung der schle­si­schen We­ber, die letzt­end­lich zu Un­ru­hen, Auf­ruhr und zum We­ber­auf­stand von 1844 führ­te. Hein­rich Hei­ne als Ver­tre­ter der Li­te­ra­tur­epo­che des Vor­märz setz­te mit sei­nem Ge­dicht »Die schle­si­schen We­ber« die­sem Auf­stand ein Denk­mal. Wir ver­wie­sen be­reits auf die 1. Stro­phe, hier nun die letzte.

»Das Schiff­chen fliegt, der Web­stuhl kracht,
Wir we­ben em­sig Tag und Nacht –
Alt­deutsch­land, wir we­ben dein Leichentuch,
Wir we­ben hin­ein den drei­fa­chen Fluch,
Wir we­ben, wir we­ben!« Hein­rich Heine

Heim­we­ber lie­fern ih­re Wa­re ab
Quel­le: am​mer​mann​.de


Erst am 1. No­vem­ber 1822, al­so zwei Jah­re nach der Nie­der­le­gung der »Um­trie­be«, er­fah­ren wir durch ei­nen Brief Gnei­sen­aus vom Ge­dan­ken­aus­tausch mit Clau­se­witz, öko­no­mi­sche Pro­ble­me be­tref­fend. Je­doch auch bei Gnei­sen­au kei­ne Ana­ly­se, wenn er von der Mi­se­re des Lein­wand­han­dels schreibt. Sei­ne Sor­ge gilt dem Adel, wenn er schlussfolgert:

»(…) Der Adel wird zu­erst ins Ver­der­ben und sei­ne Gü­ter bis zum Un­wert her­ab­sin­ken, nur ein klei­ner Teil sei­ner Mit­glie­der wird sich im Be­sitz hal­ten können.(…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au« Ein Le­ben in Brie­fen, Hg. Dr. Karl Gri­wank, Ko­eh­ler & Ame­lang / Leip­zig, 1939, S. 370)

Wo­mög­lich war Clau­se­witz auch Chris­ti­an Pe­ter Wil­helm Beuth (*1781; 1853) be­geg­net, der 1818 zum Di­rek­tor der Ab­tei­lung für Han­del und Ge­wer­be Preu­ßens er­nannt wur­de. Beuth war im­mer­hin Tisch­ge­nos­se an der Christ­lich-deut­schen Tisch­ge­sell­schaft, an der auch Clau­se­witz saß. Je­ner Beuth, der 1811 durch ju­den­feind­li­che Re­den auf­ge­fal­len war, en­ga­gier­te sich ve­he­ment für die In­dus­tria­li­sie­rung Preu­ßens. Bei der Ent­wick­lung des Ver­kehrs­we­sens setz­te er sich für die Ein­füh­rung der Dampf­kraft ein. Be­reits 1816 war Fol­gen­des bekannt:

»(…) Die Ber­li­ni­schen Nach­rich­ten« vom Jah­re 1816 konn­ten be­rich­ten, daß am Sonn­abend, den 21. Ju­ni 1816, in Span­dau der Kiel des ers­ten Dampf­boo­tes ge­legt wä­re. Ei­ni­ge Dampf­schif­fe fuh­ren be­reits zwi­schen Mag­de­burg und Hamburg; (…)«
(Vergl. Beuth und die Deut­sche Dampf­schif­fahrt , aus »Die An­fän­ge der In­dus­trie in Deutsch­land«, R. Krennn, Volk und Wis­sen Ver­lag, 1949, S. 42)

Wenn un­ser Carl mit sei­ner Frau Ma­rie in sei­ner Di­rek­to­ren­zeit an der Spree in Ber­lin spa­zie­ren ging, wird er Dampf­schif­fe ge­se­hen ha­ben. Die In­dus­tria­li­sie­rung war al­so dem Ge­ne­ral nicht ver­bor­gen ge­blie­ben. Über die Kon­se­quen­zen muss er nach­ge­dacht haben.

Damp­fer ‚Prin­zes­sin Char­lot­te von Preu-
ßen‘ an der An­le­ge­stel­le am Spree­ufer in
Ber­lin, im Hin­ter­gr. Schloß Bellevue
Quelle:agk-images

Ob­wohl Clau­se­witz in waf­fen­tech­ni­schen Neue­run­gen die Ur­sa­chen für die Aus­bil­dung neu­er For­men der Kriegs­füh­rung sah, wis­sen wir, dass Clau­se­witz in sei­nem Haupt­werk »Vom Krie­ge« Fra­gen der Tech­nik, spe­zi­ell der Kriegs­tech­nik, kaum Raum ein­ge­räumt hatte.
(Vergl. »Staat und Heer« Aus­ge­wähl­te his­to­ri­sche Stu­di­en zum an­ci­en ré­gime, zur Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on und zu den Be­frei­ungs­krie­gen, W. Gembruch, Hg. J. Ku­nisch, Duncker & Hum­blot ∗ Ber­lin, 1990, S. 428 bis 429)

Er schrieb: »(…) die Ver­hält­nis­se der ma­te­ri­el­len Din­ge sind al­le sehr einfach (…)«
(Vergl. C.v. Clau­se­witz, Vom Krie­ge, Ver­lag MFNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, 1. Ka­pi­tel, S. 156 )

Nicht die phy­si­schen Mit­tel, son­dern die mo­ra­li­schen Grö­ßen wa­ren für Clau­se­witz ent­schei­dend. Sah er des­halb die sich na­hen­den ver­hee­ren­den Kon­se­quen­zen für die schle­si­schen We­ber nicht?

»(…) Um die­sen schein­ba­ren Wi­der­spruch auf­zu­lö­sen, muß man sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass Clau­se­witz wie all­ge­mein sei­ne Zeit­ge­nos­sen, im tech­ni­schen Fort­schritt […] nicht ei­nen kon­ti­nu­ier­li­chen, je­weils nur mehr oder we­ni­ger ak­ze­l­le­rier­ten, son­dern ei­nen durch lan­ge Pha­sen der Sta­gna­ti­on un­ter­bro­che­nen, nur stu­fen­wei­se sich rea­li­sie­ren­den Pro­zeß ge­se­hen hat – ei­ne für die Zeit vor der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on und dem Ma­schi­nen­zeit­al­ter durch­aus be­grün­de­te Auffassung. (…)«
(Vergl. »Staat und Heer« Aus­ge­wähl­te his­to­ri­sche Stu­di­en zum an­ci­en ré­gime, zur Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on und zu den Be­frei­ungs­krie­gen, W. Gembruch, Hg. J. Ku­nisch, Duncker & Hum­blot ∗ Ber­lin, 1990, S. 428 bis 429)

Die oben ge­nann­ten »Sto­ckun­gen« des Han­dels führ­ten be­son­ders in den rhein­län­di­schen Pro­vin­zen zu Un­zu­frie­den­hei­ten, so Clau­se­witz. Wie in den »Um­trie­ben« be­schrie­ben, sah Carl je­doch ein ge­wis­ses Ein­füh­lungs­ver­mö­gen der Rhein­län­der ge­gen­über den Um­trie­ben. Was er wohl mehr oder we­ni­ger dem Volks­cha­rak­ter zuschrieb.

»(…) Die Rhein­län­der der Ge­gend von Mainz, Ko­blenz, Trier und Aa­chen (die von Köln und dem Nie­der­rhein ha­ben ei­nen an­de­ren Cha­rak­ter) sind ein we­nig von der bel­gi­schen Art, reg­sam und un­stät. Von leb­haf­tem Blut, be­trieb­sam, ge­scheit, neh­men sie sie gern an dem öf­fent­li­chen Le­ben, dün­ken sich viel und sind sel­ten mit dem be­stehen­den Zu­stan­de der Din­ge zu­frie­den. Das Volk über­haupt und be­son­ders auf dem fla­chen Lan­de, hat doch viel Freund­lich­keit, in den Städ­ten sind sie et­was hämisch. (…)«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz Po­li­ti­sche Schrif­ten und Brie­fe«, Hg. Dr. H. Roth­fels, Drei Mas­ken Ver­lag, Mün­chen 1922, XIV Um­trie­be (1819 – 1823), S. 186)

Die Wahr­heit war, dass die Rhein­län­der die Preu­ßen nicht lieb­ten, und Clau­se­witz konn­te nicht ele­gan­ter die ge­gen­sei­ti­ge Ab­nei­gung for­mu­lie­ren. Be­gin­nend mit 1823 bis in die Ge­gen­wart wird da­her auch das preu­ßi­sche Mi­li­tär im rhei­ni­schen Kar­ne­val de­spek­tier­lich dargestellt.

Gleich­wohl spricht Clau­se­witz je­doch em­pa­thisch über die Aus­wir­kun­gen der Hun­gers­not der Jah­re 1816 bis 1817, die er auf ei­nen »Miss­wuchs« zu­rück­führ­te. Die­ser Zu­stand war vor­nehm­lich auf nass­kal­tes Wet­ter mit schwe­ren Re­gen- und Ha­gel­schau­ern, die zu Über­flu­tun­gen führ­ten, zu­rück­zu­füh­ren. Be­son­ders hart be­trof­fen wa­ren die rhein­län­di­schen Pro­vin­zen. Hier half der Staat mit 2 Mil­lio­nen Ta­lern, die aber kaum wirk­sam ein­ge­setzt wur­den. Clau­se­witz spricht hier von ei­nem »gro­ßen Schnit­zer« der preu­ßi­schen Re­gie­rung, der kaum das Ver­trau­en der Rhein­län­der för­der­te und die »Um­trie­be« wei­ter stärk­te. Preu­ßens Re­gie­rung ver­säum­te es, den Lauf der Gel­der zu kon­trol­lie­ren und leis­te­te so­mit der Kor­rup­ti­on Vorschub.

Wie seit je­her in Kri­sen­si­tua­tio­nen wuch­sen auch in der Hun­ger­pe­ri­ode 1816 bis 1817 die Ver­schwö­rungs­theo­rien her­vor, die jü­di­sche Bür­ger ge­gen­über der Be­völ­ke­rung in Miss­kre­dit brach­ten. Wir spre­chen hier über die so­ge­nann­ten Hepp-Hepp-Un­ru­hen des Jah­res 1819 mit ge­walt­tä­ti­gen Aus­schrei­tun­gen ge­gen Ju­den in wei­ten Tei­len des Deut­schen Bun­des. Jü­di­sche Bür­ger wur­den drang­sa­liert, Syn­ago­gen und jü­di­sche Woh­nun­gen an­ge­grif­fen und teil­wei­se zerstört.

Clau­se­witz ging in sei­nen »Um­trie­ben« dar­auf nicht ge­nau­er ein. Als Sol­dat hät­te ihn das je­doch in­ter­es­sie­ren müs­sen, denn die Un­ru­hen wur­den teil­wei­se durch Mi­li­tär be­frie­det. Al­ler­dings wa­ren die preu­ßi­schen Pro­vin­zen kaum da­von be­trof­fen. Hier gin­gen die Re­for­men nach 1815 – sto­ckend zwar – auf ei­ni­gen Ge­bie­ten weiter.

Ja­kob Katz (∗ 1904; 1998) be­merk­te zu den Hepp-Hepp-Krawallen:

»(…) Der Grund für die an­ti­jü­di­schen Un­ru­hen war seit lan­gem von der an­ti­jü­di­schen Pro­pa­gan­da be­rei­tet wor­den, die ei­ne Ent­schei­dung ge­gen das jü­di­sche Bür­ger­recht er­rei­chen woll­te. Die Kra­wal­le ge­scha­hen an Or­ten, wo die­se Fra­gen noch of­fen wa­ren, in Würz­burg, Ham­burg und Frank­furt. Sie gin­gen von Krei­sen aus, die sich durch den Ein­tritt von Ju­den in ih­ren Be­ruf ge­schä­digt sa­hen, d. h. von Kaufleuten,[…]Der ge­walt­tä­ti­ge An­griff auf Ju­den lag in der Luft. Und doch hat­te die po­li­ti­sche Füh­rung ih­re Au­gen da­vor ver­schlos­sen, bis es tat­säch­lich zu Un­ru­hen kam. (…)«
(Vergl. »Vom Vor­ur­teil bis zur Ver­nich­tung – Der An­ti­se­mi­tis­mus 1700 – 1933«, Hg. Ja­kob Katz, Uni­on Ver­lag, 1980, S. 105)

»Hepp-Hepp-Kra­wal­le in Frank­furt am Main«. Stand­ort Bild ebenda.
Quel­le: Wikipedia

Carl von Clau­se­witz wird fol­gen­des Zi­tat zugeschrieben:

»Die Zeit ist Eu­er, was sie sein wird, wird sie durch Euch sein«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz, Po­li­tik und Krieg: ei­ne ideen­ge­schicht­li­che Stu­die«, Hg. H. Roth­fels, Dümm­ler, Repr. 1920, S. 211)

Die­ser Ma­xi­me folg­te of­fen­sicht­lich der Ge­ne­ral und Phi­lo­soph in dem Le­bens­zeit­raum von 1815 bis 1830. Ei­ne Zeit, die zwar für das Land Preu­ßen nach au­ßen hin ei­ne re­la­ti­ve Ru­he be­deu­te­te, nach in­nen hin je­doch – wie wei­ter oben mit den Tur­bu­len­zen ge­schil­dert – äu­ßerst schwie­rig war.

Wir su­chen hier in die­ser Zeit nach Be­zü­gen des Ge­ne­rals zu un­se­rem The­ma, die uns der ge­nia­le Clau­se­witz je­doch kaum lie­fern kann. Weil er re­si­gnie­rend bis ins Jahr 1830 hin­ein mit sei­nem sta­ti­schen be­ruf­li­chen Fort­kom­men und sei­ner Wis­sen­schaft »Vom Krie­ge« be­schäf­tigt war. Hier war na­tür­li­cher­wei­se die Pro­ble­ma­tik der Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den in Preu­ßen nicht das dring­lichs­te The­ma im Wir­ken Clau­se­witz´. Mehr noch, ei­ne mög­li­che In­ter­ven­ti­on sei­ner­seits in die­ser Fra­ge hät­te in je­dem Fal­le die »Hof­par­tei« auf den Plan ge­ru­fen und wo­mög­lich für er­neu­te Be­an­stan­dun­gen des Kö­nigs ge­sorgt. Wenn sich Clau­se­witz denn da­zu hät­te äu­ßern wollen.

Mar­kan­te Sta­tio­nen sei­nes Le­bens nach 1815 bis 1830 wol­len wir hier noch ein­mal zu­sam­men­fas­send benennen:

  • Chef des Ge­ne­ral­sta­bes in Ko­blenz am Nie­der­rhein 3. Ok­to­ber 1815;
  • Di­rek­tor der All­ge­mei­nen Kriegs­schu­le in Ber­lin ab 9. Mai 1818;
  • die kurz­zei­ti­ge Be­ru­fung zum Kom­man­dan­ten von Aa­chen 1818;
  • Be­för­de­rung zum Ge­ne­ral­ma­jor am 19. Sep­tem­ber 1818;
  • die Ab­leh­nung sei­nes Wun­sches, preu­ßi­scher Ge­sand­ter in Lon­don zu wer­den 1819;
  • Be­ru­fung in den Ge­ne­ral­stab 6. Mai 1821;
  • die Aus­zeich­nung mit dem Dienst­kreuz 30. Ju­ni 1825;
  • Be­stä­ti­gung sei­nes Adels­ti­tels 30. Ja­nu­ar 1827.
    (Vergl. Pries­dorff, Bd. 5, S. 66, u.a.)

Dann end­lich, 1830, nach 15 Jah­ren tro­cke­nem ad­mi­nis­tra­ti­vem Dienst, wie­der ein Kom­man­do in der Trup­pe. In Bres­lau über­nahm Clau­se­witz die 2. Artillerieinspektion(ab 19.8.1830). Am 6.3.1831 wur­de Clau­se­witz zum Chef des Ge­ne­ral­sta­bes der an­läss­lich der pol­ni­schen Un­ru­hen ge­bil­de­ten preu­ßi­schen Ob­ser­va­ti­ons­ar­mee un­ter Gnei­sen­au in Po­sen ernannt.
(Vergl. Carl von Clau­se­witz Per­sön­lich­keit und Wir­kungs­ge­schich­te sei­nes Wer­kes bis 1918, Hg. U. Mar­we­del, H. Boldt Ver­lag, 1978, S. 45 bis 61)

Über die Hoff­nun­gen und Ent­täu­schun­gen, die Clau­se­witz in die­ser Zeit er­leb­te, ist in der Li­te­ra­tur aus­führ­lichst be­rich­tet wor­den. Gleich­wohl wol­len wir uns je­doch ei­ner An­ge­le­gen­heit noch ein­mal wid­men. Nach­dem Gnei­sen­aus Be­mü­hun­gen bei Har­den­berg ge­schei­tert wa­ren, Clau­se­witz für den »Staats­rath« zu emp­feh­len, er­öff­ne­te sich mit dem Di­rek­to­rat der Kriegs­schu­le ei­ne neue Per­spek­ti­ve. Die Wor­te Gnei­sen­aus wa­ren 1817 hoffnungsvoll.

»(…) Ih­re An­we­sen­heit in Ber­lin könn­te in so man­chem an­de­ren Be­tracht viel Gu­tes stif­ten, da durch Ih­re kla­re An­sicht der Din­ge und ih­re schar­fe Dia­lek­tik so man­che Haupt­grund­sät­ze un­se­res Kriegs­ge­bäu­des wie­der in Er­in­ne­rung ge­bracht und sieg­reich ver­foch­ten wer­den würden.(…)«
(Vergl. Brief Gnei­sen­aus an Clau­se­witz vom 29.9.1817, in Pertz/Delbrück, Gnei­sen­au, Bd. 5, S. 243)

Je­doch folg­te hier sehr schnell die Ent­täu­schung al­ler Hoff­nun­gen Clau­se­witz`, »Geist und Tat« ent­spre­chend ei­ner Be­teue­rung des Kriegs­mi­nis­ters ein­set­zen zu kön­nen. Des­il­lu­sio­nie­rend wa­ren für Clau­se­witz die Ab­leh­nung oder halb­her­zi­ge Be­rück­sich­ti­gun­gen von Denk­schrif­ten (in 1819), die sich mit Ver­bes­se­run­gen der Lehr­ge­gen­stän­de und der Qua­li­tät des Lehr­per­so­nals be­schäf­tig­ten. De­nen stimm­te der Kriegs­mi­nis­ter v. Boy­en wohl noch zu konn­te die­se je­doch nicht mehr rea­li­sie­ren hel­fen, da er selbst im Herbst 1819 aus dem Kriegs­mi­nis­te­ri­um aus­schied. Sehr zu sei­nem Ver­druss blieb Clausewitz:

»(…) der bes­se­re Por­tier an ei­ner An­stalt, de­ren geis­ti­ger Füh­rer er sein müß­te. Ein heim­li­cher Feldherr.(…)«
(Vergl. R. Baum­gardt, »Das Fun­da­ment. Schöp­fe­ri­sche Men­schen des XIX. Jahr­hun­derts«, Schnee­kluth in Darm­stadt 1941, S. 36)

Wir le­sen bei Mar­we­del so­gar den Be­griff »kalt­ge­stellt«
(Vergl. Carl von Clau­se­witz Per­sön­lich­keit und Wir­kungs­ge­schich­te sei­nes Wer­kes bis 1918, Hg. U. Mar­we­del, H. Boldt Ver­lag, 1978, S. 210)

Wir wis­sen, dass ihm die­ses Stel­lung im höchs­ten Gra­de zu­wi­der war, wie sein Ad­ju­tant Stei­ne­mann hinterließ. 
(Vergl. Carl von Clau­se­witz Per­sön­lich­keit und Wir­kungs­ge­schich­te sei­nes Wer­kes bis 1918, Hg. U. Mar­we­del, H. Boldt Ver­lag, 1978, S. 50)

Be­son­ders zer­mür­bend muss für den glü­hen­den Pa­trio­ten ge­we­sen sein, sich nicht der Leh­re wid­men zu dür­fen. Die Un­ter­rich­tung der Söh­ne F. W. III., un­ter de­nen der spä­te­re »Sie­ger von Se­dan« war, konn­ten kein Er­satz für den Den­ker und Sol­da­ten Clau­se­witz mit sei­nen Am­bi­tio­nen sein. Die­ser [Clau­se­witz] mein­te, den Prin­zen ge­lang­weilt zu ha­ben, da die­ser [Kron­prinz Wil­helm] kaum In­ter­es­se zeigte.
(Vergl. Carl von Clau­se­witz Per­sön­lich­keit und Wir­kungs­ge­schich­te sei­nes Wer­kes bis 1918, Hg. U. Mar­we­del, H. Boldt Ver­lag, 1978, S. 54)

»(
…)Der bes­te Theo­re­ti­ker der preu­ßi­schen Ar­mee, der am meis­ten his­to­ri­sche Kopf, der ge­nau­es­te Ken­ner al­ler mi­li­tä­ri­schen Er­eig­nis­se aus der Ver­gan­gen­heit wie aus der Ge­gen­wart wird mit Rech­nungs­lis­ten und In­ven­tar­pro­to­kol­len beschäftigt.(…)«
(Vergl. R. Baum­gardt, »Das Fun­da­ment. Schöp­fe­ri­sche Men­schen des XIX. Jahr­hun­derts«, Schnee­kluth in Darm­stadt 1941, S. 44)

So blieb Carl über lan­ge Jah­re ne­ben dem rei­nen ad­mi­nis­tra­ti­ven Dienst wohl nur noch der Rück­zug in sei­ne mi­li­tär­wis­sen­schaft­li­che Ar­beit. Wir wis­sen, die Ber­li­ner Zeit war den­noch die frucht­bars­te Schaf­fens­pe­ri­ode im Le­ben Clau­se­witz`. Sein Haupt­werk »Vom Krie­ge« konn­te Ge­stalt annehmen.

Mit Blick in die­se für Clau­se­witz »trost­lo­sen Zeit« – in dienst­li­cher Hin­sicht – kön­nen wir je­doch noch ein­mal an die Ge­samt­the­ma­tik an­schlie­ßen. Wahr­schein­lich 1819 ver­fass­te Clau­se­witz den Auf­satz: »Un­se­re Kriegs­ver­fas­sung«. Rund ei­ne De­ka­de spä­ter er­scheint Clausewitz´Schrift »Über die po­li­ti­schen Vor­thei­le und Nacht­hei­le der preu­ßi­schen Land­wehr«. Er wirft hier wich­ti­ge in­nen­po­li­ti­sche Pro­ble­me Preu­ßens nach 1815 noch ein­mal auf, die na­tür­lich auch die jü­di­sche Be­völ­ke­rung tan­giert ha­ben dürf­ten. Aus den Tex­ten er­ken­nen wir ei­ne ge­rad­li­ni­ge und kon­se­quen­te Hal­tung für die Bei­be­hal­tung der all­ge­mei­nen Wehr­pflicht (seit 1814) der Land­wehr und des Landsturmes.

»Über die po­li­ti­schen Vor­thei­le und Nacht­hei­le der preu­ßi­schen Land­wehr« (Quel­le: samm​lun​gen​.ulb​.uni​-mu​ens​ter​.de – Se­rie Teil­nach­lass Clausewitz)

Wir kön­nen viel­leicht da­von aus­ge­hen, dass Clau­se­witz bei der For­de­rung nach Bei­be­hal­tung der Wehr­pflicht in Preu­ßen die jü­di­schen Bür­ger auf Grund der er­leb­ten Kriegs­er­fah­rung nicht aus­schlie­ßen woll­te. Ob­gleich die Pro­ble­ma­tik der Be­waff­nung und Ver­ei­di­gung jü­di­scher Sol­da­ten – wie wei­ter oben ge­schil­dert – auch ihm be­kannt ge­we­sen sein müss­te, wenn er schreibt:

»(…) Die Land­wehr­ein­rich­tung, in­dem sie ei­ne be­deu­ten­de Mas­se des Vol­kes, näm­lich et­wa ei­nen Drit­tel al­ler waf­fen­fä­hi­gen Män­ner, in re­gel­mä­ßi­ge Re­gi­men­ter zu­sam­men­stellt, ih­nen Of­fi­zie­re aus ih­rer Mit­te gibt und die Waf­fen in of­fe­nen Zeug­häu­sern un­ter ih­nen nie­der­legt, gibt of­fen­bar dem Vol­ke die Waf­fen in die Hände. (…)«
(Vergl. K. Schwartz, »Le­ben des Ge­ne­rals Carl von Clau­se­witz und der Frau Ma­rie von Clau­se­witz, geb. Grä­fin von Brühl«, Bd. 2, Ber­lin 1878, S. 288 bis 293) 

Sehr deut­lich rech­net Clau­se­witz die mög­li­chen per­so­nel­len und ma­te­ri­el­len Vor­tei­le der Land­wehr vor:

»(…) Die Be­waff­nung des Vol­kes, d. h. die Land­wehr­ein­rich­tung, gibt ei­nen Wi­der­stand nach au­ßen, der durch kein ste­hen­des Heer er­reicht wer­den kann. (…)«
(Vergl. ebenda)

Mit dem fol­gen­den schla­gen­den Ar­gu­ment ent­waff­net Clau­se­witz all die­je­ni­gen – al­len vor­an sei­nen Kö­nig – die ge­gen die Land­wehr po­le­mi­sier­ten. Hier ma­ni­fes­tier­te er die stra­te­gi­sche Be­deu­tung der Land­wehr für Preußen. 

»(…) Die Land­wehr ver­mehrt die Ge­fahr ei­ner Re­vo­lu­ti­on; die Ent­waff­nung der Land­wehr ver­mehrt die Ge­fahr ei­ner Invasion. (…)«
(Vergl. eben­da)

Vor­an­ge­gan­gen wa­ren Er­eig­nis­se in die­sem Zu­sam­men­hang – wir ver­wie­sen dar­auf – in des­sen Er­geb­nis Kriegs­mi­nis­ter v. Boy­en und Chef des Sta­bes v. Grol­man un­ter Pro­test zurücktraten. 

»(…) Tat­säch­lich for­der­te der Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. im De­zem­ber 1819 ei­ne Re­or­ga­ni­sie­rung der Land­wehr, die Auf­lö­sung von vier­und­drei­ßig Ba­tail­lo­nen und in Frie­dens­zei­ten die Ein­glie­de­rung von sech­zehn Bri­ga­den als Li­ni­en­di­vi­sio­nen in das ste­hen­de Heer. Die Ent­schei­dung des Kö­nigs kenn­zeich­ne­te den Sieg der Re­ak­tio­nä­re über die Re­for­mer, die von ers­te­ren als Re­vo­lu­tio­nä­re be­han­delt wurden. (…)«
(Vergl. »Clau­se­witz Den Krieg den­ken«, Hg. Ray­mond Aron, Pro­py­lä­en, S. 68)

Sei­nen Auf­satz über die Vor – und Nach­tei­le der preu­ßi­schen Land­wehr schließt er mit ei­ner har­ten Kri­tik an die­je­ni­gen ab, die sich ge­gen die Re­for­men wendeten.

»(…) So mö­gen denn die Män­ner von 1806, wel­che das Heil in den ver­fal­le­nen For­men je­ner Zeit su­chen, all die Fra­gen, wel­che wir hier ge­tan ha­ben, ih­rem Ge­wis­sen red­lich vor­le­gen und dann die un­ge­heu­re Ver­ant­wort­lich­keit füh­len, daß sie mit fre­vel­haf­tem Leicht­sin­ne die viel­leicht nur in Tän­de­lei­en ge­üb­te Hand an die Zer­trüm­me­rung ei­nes Ge­bäu­des le­gen, auf dem un­ser groß­ar­ti­ges Schick­sal durch die Jah­re 1813, [18]14 und [18]15, wie ei­ne Sie­ges­göt­tin auf ih­rem Streit­wa­gen, ge­ruht hat. (…)«
(Vergl. K. Schwartz, »Le­ben des Ge­ne­rals Carl von Clau­se­witz und der Frau Ma­rie von Clau­se­witz, geb. Grä­fin von Brühl«, Bd. 2, Ber­lin 1878, S. 288 bis 293) 

In­wie­weit nun Clau­se­witz das Miss­trau­en und den Zwei­fel an der mo­ra­li­schen Zu­ver­läs­sig­keit jü­di­scher Land­wehr­män­ner durch ei­ni­ge staats­tra­gen­de da­ma­li­ge Prot­ago­nis­ten, die sich in der Prä­am­bel zum Eid der jü­di­schen Sol­da­ten wi­der­spie­geln, prin­zi­pi­ell teil­te, wer­den wir wohl nie erfahren.

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XIX

Die nach 1815 of­fen­sicht­lich er­folg­los ver­lau­fen­de Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den in Preu­ßen führ­te na­he­zu zwangs­läu­fig zu ei­ner Iden­ti­täts­kri­se, die so­wohl die christ­li­chen als auch die jü­di­schen Bür­ger Preu­ßens be­traf. Aus­lö­ser des­sen wa­ren vor­ran­gig die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me der über­wie­gen­den Mehr­heit des Vol­kes quer durch al­le Schich­ten. Wie im­mer in der Ge­schich­te wur­den Schul­di­ge ge­sucht. In den be­reits ge­schil­der­ten Hepp-Hepp-Kra­wal­len of­fen­bar­te sich die Su­che nach »dem Schul­di­gen«. Die­se »Su­che« wur­de u. a. von In­tel­lek­tu­el­len wie Ja­kob Fried­rich Fries (*1773; †1843) und Chris­ti­an Fried­rich Ruehs (*1781; †1820) be­feu­ert, die bei­de na­tio­na­lis­tisch, xe­no­phob und ju­den­feind­lich polemisierten.
(Vergl. »Die miss­glück­te Eman­zi­pa­ti­on – We­ge und Irr­we­ge deutsch-jü­di­scher Ge­schich­te«, Hg. J. H. Schoeps, Ge­org Olms Ver­lag, 2010, S. 156)

Be­son­ders per­fi­de sticht hier das Wir­ken ei­nes Vor­läu­fers des spä­te­ren An­ti­se­mi­tis­mus her­vor, der sein Un­we­sen im Ber­lin der Jah­re 1815 bis in die 1820er Jah­re trieb. Die Re­de ist hier von Hart­wig v. Hundt-Ra­dow­sky (*1780; †1835), ein mehr als zwei­fel­haf­ter, Ju­den has­sen­der Pu­bli­zist, der um 1819 den »Ju­den­spie­gel« ver­fass­te und ver­öf­fent­lich­te. In die­ser Schrift ver­un­glimpf­te er in 14 Ka­pi­teln jü­di­sche ge­sell­schaft­li­che Schich­ten. In Ka­pi­tel 12 die­ses Wer­kes, »Der Ju­de als Sol­dat«, de­le­gi­ti­miert der Au­tor die jü­di­schen Sol­da­ten, tap­fe­re Kämp­fer für ihr Land ge­we­sen zu sein. So­mit auch die­je­ni­gen, die in den Be­frei­ungs­krie­gen über­wie­gend stand­haft kämpf­ten. Die­ser v. Hundt-Ra­dow­sky formulierte:

»(…) Von je­her ha­ben sich die Ju­den nicht durch Muth, aber durch Feig­heit in ih­ren Krie­gen aus­ge­zeich­net. […] Feig­heit ist Grund­zug in dem Cha­rak­ter der He­brä­er und of­fen­bart sich be­son­ders im Krie­ge. […] Da­her soll­te man ih­nen in mi­li­tä­ri­schen Staa­ten am we­nigs­ten das Bür­ger­recht ein­räu­men. […] Sie stre­ben bloß nach glän­zen­dem Me­tall und da­her kann man sie wohl zu Spio­nen, aber nicht zu Va­ter­lands­verthei­di­gern gebrauchen. (…)«
(Vergl. »Ju­den­spie­gel« Ein Schand- und Sit­ten­ge­mäl­de al­ter und neu­er Zeit« Hg. H. v. H.-Radowsky, Würz­burg, 1819, S. 133 bis 137,)

Mög­li­cher­wei­se re­flek­tier­ten die Ver­fas­ser der Tex­te zur Ver­ei­di­gung der Ju­den im preu­ßi­schen Kriegs­mi­nis­te­ri­um des Jah­res 1819 auch die­se Schrift.

»Ju­den­spie­gel«
Quel­le: bsb​-mu​en​chen​.de

Trotz der ge­mein­sa­men Er­leb­nis­se in den Jah­ren der Be­frei­ungs­krie­ge, die über­wie­gend po­si­tiv wa­ren, ent­wi­ckel­ten sich un­ter den preu­ßi­schen Mi­li­tärs Res­sen­ti­ments, um wei­ter be­din­gungs­los jü­di­sche Re­kru­ten ein­zu­be­ru­fen. Hier­bei ging es nicht um den jü­di­schen Re­kru­ten an sich, son­dern eher um die Ab­sicht, »die Ar­mee als Er­zie­hungs­schu­le der Ju­den« zu in­stal­lie­ren. Ziel soll­te es sein, durch Bil­dung, Aus­bil­dung und Er­zie­hung die As­si­mi­lie­rung der Ju­den hin zum Chris­ten­tum zu forcieren.

Adolph Fried­rich Carl Streck­fuß (*1778; †1844), ab 1819 Ober­re­gie­rungs­rat im preu­ßi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um, dem der preu­ßi­sche Mi­li­tär­dienst als ei­nes der wirk­sams­ten Mit­tel galt, um »jü­di­sche Ei­gen­tüm­lich­kei­ten« zu be­sei­ti­gen. Carl Streckfuß . …

»(…) be­ton­te den Wert des Hee­res für die Ju­den als mo­ra­li­sche, hy­gie­ni­sche, päd­ago­gi­sche und po­li­ti­sche An­stalt. Es ha­be nicht nur ei­ne mi­li­tä­ri­sche Ziel­set­zung, son­dern die­ne eben­so zur Be­för­de­rung je­des an­de­ren Staats­zwe­ckes. (…)«.
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 115) 

Ähn­li­che In­ten­tio­nen wur­den auch von jü­di­scher Sei­te ver­folgt. Der west­fä­li­sche Rab­bi­ner von Werl, Le­vi La­zar Hell­witz (*1786; †1860), ver­öf­fent­lich­te 1819 ei­ne Schrift, in der er den jü­di­schen Mi­li­tär­dienst nicht nur für mög­lich, son­dern auch für nö­tig hielt .

»(…) Die Ga­ran­tie des Mi­li­tär­diens­tes sah er als eins der ers­ten Mit­tel, die Bil­dung der Ju­den zu er­hö­hen und ihr An­se­hen in der Ge­sell­schaft zu he­ben, die Be­frei­ung da­ge­gen als Stra­fe und Schan­de an. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 116)

So wie die­se Ge­dan­ken auch in preu­ßi­schen Re­gie­rungs­stel­len teil­wei­se ge­teilt wur­den, ent­spra­chen sie auch den Scharnhorst’schen Ent­wür­fen von 1807 und 1808, die for­der­ten: »§1 Al­le Be­woh­ner des Staa­tes sind ge­bo­re­ne Ver­tei­di­ger des­sel­ben«. Auch bei Boy­en, der sehr gro­ßen Wert auf Bil­dung und Er­zie­hung der Sol­da­ten leg­te, muss­ten sie ei­gent­lich An­klang ge­fun­den ha­ben. Gnei­sen­au und Clau­se­witz dürf­ten sich dem eben­falls nicht ver­wei­gert ha­ben, wenn wir die ver­gan­ge­ne Zeit von 1812 bis 1815 betrachten.

In der Pra­xis der da­ma­li­gen Zeit of­fen­bar­te sich je­doch ei­ne si­gni­fi­kan­te Un­si­cher­heit im Kriegs­mi­nis­te­ri­um, den Um­gang mit jü­di­schen Re­kru­ten be­tref­fend. Wir ver­wie­sen im Zu­sam­men­hang mit der Ver­ei­di­gung jü­di­scher Re­kru­ten be­reits dar­auf. Der trei­ben­de Keil hier war der preu­ßi­sche Kö­nig selbst, der schon im Zu­sam­men­hang mit der Na­mens­ge­bung für die Ju­den zwei­fel­los Druck aus­üb­te (sie­he da­zu Edikt von 1812). In Ber­lin ging man 1819 u. a. un­ver­se­hens ge­gen die Pra­xis ge­mein­sa­mer Schu­len vor.

»(…) Wei­ter ging die preu­ßi­sche Re­gie­rung im Jahr 1819 ge­gen ei­nen Brauch vor, den sie ein Jahr­zehnt zu­vor noch als Mit­tel zur As­si­mi­lie­rung der Ju­den selbst be­grüßt hat­te. Weil es in Ber­lin nicht ge­nug Grund­schu­len gab, konn­ten auch Kin­der von Chris­ten an der jü­di­schen Frei­schu­le in Ber­lin aus­ge­bil­det wer­den. Im Jahr 1819 wur­de dies ver­bo­ten. Die christ­li­chen Kin­der muss­ten die Schu­le so­fort verlassen. (…)«
(Vergl.» Ge­schich­te der Ju­den in Preu­ßen (1750 bis 1820)«, A. A. Bru­er, Cam­pus Ver­lag, 1991, S. 340)

Die sich of­fen­ba­ren­de »di­rek­te Um­kehr der Ar­gu­men­ta­ti­ons­wei­se« wur­de selbst von Boy­en ge­dul­det. Bei der The­ma­ti­sie­rung der Ei­des­for­meln für jü­di­sche Re­kru­ten stell­ten wir schon ein­mal die Fra­ge nach Boyen.

»(…) Selbst aus­ge­spro­che­ne Re­form­po­li­ti­ker wie Kriegs­mi­nis­ter Her­mann von Boy­en (1814 – 1819) fan­den an ei­ner sol­chen Wen­dung we­nig aus­zu­set­zen. Die Ju­den­eman­zi­pa­ti­on war auch für sie ei­ne schwer zu be­grei­fen­de Maß­nah­me ge­we­sen, de­ren Frag­wür­dig­keit be­stehen blieb. Auch Boy­en brach­te des­halb Kri­tik ge­gen die Eman­zi­pa­ti­on vor. Al­ler­dings tat er dies ver­söhn­li­cher und we­ni­ger hef­tig als die Re­prä­sen­tan­ten der Reaktion. (…)«
(Vergl.» Ge­schich­te der Ju­den in Preu­ßen (1750 bis 1820)«, A. A. Bru­er, Cam­pus Ver­lag, 1991, S. 341)

Ei­ne Viel­zahl von Bei­spie­len von er­neu­ten Dis­kri­mi­nie­run­gen do­ku­men­tie­ren den sich ab­zeich­nen­den, ab­wer­ten­den Um­gang mit den eins­ti­gen jü­di­schen Kampf­ge­fähr­ten. Ju­den wur­de der Ein­tritt in Eli­te­trup­pen wie der Gar­de und den Ka­det­ten­an­stal­ten ver­wehrt. Jü­di­schen Me­di­zin­stu­den­ten, die als Kom­pa­nie-Chir­ur­gen die­nen woll­ten, wur­de die­ser Dienst oft ver­wei­gert. Der Ge­ne­ral­arzt des 1. AK, Dr. Krantz, teil­te mit Schrei­ben vom 8. Ju­ni 1825 dem Be­wer­ber Kosch die Ab­leh­nung des Kö­nigs mit.

»(…) 1825 wies der Kö­nig selbst noch den Stu­den­ten aus Kö­nigs­berg und spä­te­ren Ab­ge­ord­ne­ten Ra­pha­el Ja­cob Kosch zu­rück mit der la­ko­ni­schen Be­grün­dung, daß die An­stel­lung ei­nes Ju­den als Kom­pa­nie-Chir­urg bis­her noch nicht statt­ge­fun­den habe. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 119)

Er­staun­lich hier die Aus­nah­me des Haupt­manns der Ar­til­le­rie Me­no Burg, über den wir be­rich­te­ten. Al­les in ei­ner Zeit, wo ein wan­kel­mü­ti­ger Kö­nig den jü­di­schen Ar­til­le­ris­ten Me­no Burg »zäh­ne­knir­schend« be­för­der­te und an­de­rer­seits ei­nen an­de­ren Is­rae­li­ten ab­lehn­te. Kö­nig und Re­gie­rung ge­lan­gen es nicht, die zwei­fel­haf­te Rechts­la­ge zu bereinigen.

»(…) Mit die­ser brü­chi­gen Kon­struk­ti­on aus völ­lig he­te­ro­ge­nen Rechts­ord­nun­gen und -an­schau­un­gen, aus de­nen sich nie­mals ei­ne ein­heit­li­che Po­si­ti­on, son­dern im­mer nur ein wei­te­res, vor­läu­fi­ges Aus­hilfs­mit­tel aus der all­ge­mei­nen Prin­zi­pi­en­lo­sig­keit ge­win­nen ließ, re­gel­te die preu­ßi­sche Re­gie­rung die Be­för­de­rungs­fra­ge eben­so will­kür­lich wie definitiv. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 123)

Der Pro­zess der Eman­zi­pa­ti­on kam mit den be­gin­nen­den 1820er Jah­ren des 19. Jhd. prak­tisch zum Still­stand. Mit dem Re­vo­lu­ti­ons­jahr 1848 fla­cker­te die­se dün­ne Flam­me noch ein­mal auf, ver­lösch­te je­doch abermals.

»(…) Erst im Jahr 1869, als der Ho­hen­zol­lern-Staat be­reits den Nord­deut­schen Bund als Vor­stu­fe zum Deut­schen Kai­ser­reich ge­grün­det hat­te, wur­de ein neu­er An­lauf möglich. (…)«
(Vergl.» Ge­schich­te der Ju­den in Preu­ßen (1750 bis 1820)«, A. A. Bru­er, Cam­pus Ver­lag, 1991, S. 341)

Auf die im­mer wie­der­keh­ren­de Fra­ge, wie Clau­se­witz die­se Er­schei­nun­gen re­zi­pier­te, ver­su­chen wir er­neut va­ge Ant­wor­ten zu fin­den. Un­se­re drei Re­for­mer von Boy­en, von Gnei­sen­au und Carl von Clau­se­witz leb­ten und dien­ten un­ter die­sen un­kla­ren Be­din­gun­gen. Au­ßer von Boy­en er­fah­ren wir nichts Sub­stan­ti­el­les, das The­ma »Eman­zi­pa­ti­on« be­tref­fend, von dem Dreigestirn.

Gnei­sen­au ist auch noch Jah­re nach 1815 mit sei­nen Geg­nern von der Hof­par­tei be­schäf­tigt. Er klagt über sei­ne Do­ta­ti­on »Som­mer­schen­burg« und ha­dert mit sei­nem Schick­sal. Aber zu kei­ner Zeit ver­liert er die »gro­ße Po­li­tik« aus den Au­gen. Das Pro­blem der Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den spielt zu­min­dest in sei­nem Brief­ver­kehr bis in das Jahr 1831 kei­ne Rolle.

Clau­se­witz, nun­mehr 1831 un­ter Gnei­sen­au Ge­ne­ral­stabs­chef der Ob­ser­va­ti­ons­ar­mee an der Ost­gren­ze Preu­ßens, bie­tet durch sei­nen re­gen Brief­ver­kehr mit Feld­mar­schall Gnei­sen­au und sei­ner Gat­tin Ma­rie kaum Ein­bli­cke, un­ser The­ma betreffend.

Bei un­se­rem Carl, der im stän­di­gen freund­schaft­li­chen Ge­dan­ken­aus­tausch mit sei­nem vä­ter­li­chen Freund Gnei­sen­au steht, fin­den wir al­so kei­ner­lei Hin­wei­se auf die Schwie­rig­kei­ten bei der Re­kru­tie­rung jü­di­scher Men­schen für das preu­ßi­sche Heer. Erst im Jahr 1831, als Clau­se­witz wie­der auf »pol­ni­schem« Bo­den weilt, kom­men noch ein­mal Aver­sio­nen ge­gen Land und Leu­te dort zum Vor­schein. Der Be­griff »Ju­de« fällt je­doch nicht, denn der Bo­den ist nun seit 1815 preu­ßisch. Die Pro­vinz Po­sen war der ein­zi­ge Lan­des­teil mit nicht-deut­scher Be­völ­ke­rungs­mehr­heit. Zwei Drit­tel der Men­schen dort spra­chen pol­nisch und wa­ren ka­tho­lisch, das Drit­tel der Deut­schen vor­wie­gend evan­ge­lisch. Der An­teil der Ju­den in der Pro­vinz war im Ver­gleich deut­lich hö­her als im Stamm­land Preußen.
(Vergl. de​wi​ki​.de/​L​e​x​i​k​o​n​/​P​r​o​v​i​n​z​_​P​o​sen)

Pro­vinz Po­sen 1815 bis 1920
Quel­le: Wikipedia

In ei­nem Brief an Ma­rie vom 6. April 1831 schreibt Carl aus Po­sen im Zu­sam­men­hang mit mi­li­tär­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen an den Gren­zen Preußens:

»(…) Mir wird tau­send­mal bes­ser sein, wenn wir uns erst mit ei­nem der bei­den Geg­ner, sei es Po­lack oder Fran­zos, bei den Oh­ren hätten. (…)«
(Vergl. »Karl und Ma­rie von Clau­se­witz«, Ein Le­bens­bild in Brie­fen und Ta­ge­buch­blät­tern, Hg. K. Lin­ne­bach, Warneck Ber­lin, 1916, S. 427)

Zu Clau­se­witz´ Zei­ten war der Be­griff »Po­lack« mit­nich­ten ab­wer­tend und durch­aus zeit­ge­mäß ge­bräuch­lich, so wie auch der »Fran­zos«. Den »Fran­zos« be­tref­fend müs­sen wir al­ler­dings an die­ser Stel­le auf ei­ne frü­he Schrift Clau­se­witz´ ver­wei­sen. Im Jah­re 1807, im­mer noch un­ter dem Ein­druck der Ka­ta­stro­phe von 1806 und nach­fol­gen­der Ge­fan­gen­schaft un­ter Na­po­lé­on, cha­rak­te­ri­siert er »den Fran­zo­sen«. Der Auf­satz »Die Deut­schen und die Fran­zo­sen« spie­gelt die tem­po­rär deut­lich sicht­ba­re Fran­ko­pho­bie wi­der, mit der Clau­se­witz ent­spre­chend des Zeit­geis­tes al­ler­dings nicht al­lein stand.
(Vergl. »Karl von Clau­se­witz Po­li­ti­sche Schrif­ten und Brie­fe«, Hg. Dr. Hans Roth­fels, Drei Mas­ken Ver­lag, 1921, S. 35 bis 51) 

An­ders sieht es je­doch aus, wenn der­sel­be Wo­chen spä­ter sei­ner Gat­tin am 23. Mai 1831 aus Po­sen über ein bür­ger­li­ches Schei­ben­schie­ßen berichtet :

»(…) Was ich bei dem Schei­ben­schie­ßen von der Po­se­ner Bür­ger­welt sah, war eben nicht an­zie­hend; Die Haupt­mas­se war ziem­lich aus der ge­rings­ten Klas­se; das Gan­ze hat­te we­nig Cha­rak­ter, und der Be­griff ei­ner statt­li­chen Bür­ger­schaft fehl­te ganz. Nur ei­ne Mas­se von Bäue­rin­nen aus den deut­schen Dör­fern ha­ben mich durch ih­ren deut­schen Ty­pus, deut­schen An­zug und echt süd­deut­schen Dia­lekt ergötzt. (…)«
(Vergl. »Karl und Ma­rie von Clau­se­witz«, Ein Le­bens­bild in Brie­fen und Ta­ge­buch­blät­tern, Hg. K. Lin­ne­bach, Warneck Ber­lin, 1916, S. 439)

Die­ser Schil­de­rung ent­neh­men wir, dass sich bei Clau­se­witz über die Jah­re hin­weg mög­li­cher­wei­se so et­was wie Stan­des­dün­kel ent­wi­ckelt hat­te. Wir er­ken­nen hier ei­ne zwar nicht aus­ge­spro­che­ne eth­ni­sche Tren­nung der »neu­preu­ßi­schen« Be­völ­ke­rung , aber durch Be­grif­fe wie »Bäue­rin­nen deut­schen Ty­pus« wohl erkennbar. 

Hat­te Clau­se­witz nicht er­kannt, dass die neue preu­ßi­sche Pro­vinz Po­sen vor­wie­gend agra­risch war, in der es noch kein ent­wi­ckel­tes Bür­ger­tum gab? Selbst rund ein Jahr­hun­dert spä­ter leb­te und ar­bei­te­te noch drei Vier­tel der Be­völ­ke­rung des­sel­ben Ge­bie­tes auf dem Land. Selbst Städ­ter be­trie­ben klei­ne­re Land­wirt­schaf­ten ne­ben­her. »(Vergl. http://​li​bra​ry​.fes​.de/​b​r​e​s​l​a​u​/​p​d​f​/​a​2​0​7​1​5​/​a​2​0​7​1​5​_​0​8​.​pdf)«

Wir müs­sen hier al­so fest­stel­len, dass der Clau­se­witz des Jah­res 1831 nicht frei von Ten­den­zen der Se­gre­ga­ti­on war. Ob die­se ge­wag­te Fest­stel­lung aber auch auf sei­ne jü­di­schen Mit­bür­ger er­wei­tert wer­den kann, wä­re rei­ne Spe­ku­la­ti­on. Gleich­wohl muss hier dar­auf auf­merk­sam ge­macht wer­den, dass die ge­nann­ten Ten­den­zen auf bei­den Sei­ten der da­ma­li­gen Be­völ­ke­rung im Ver­lau­fe der Zeit zu na­tio­na­lis­ti­schen Be­stre­bun­gen führ­ten, die sich bis hin in das Jahr 1945 letzt­end­lich ver­hee­rend auswirkten.

Wap­pen der Pro­vinz Posen
Quel­le: Wikipedia

Zu­nächst wol­len wir je­doch noch ein­mal in das Jahr 1830 zu­rück­schau­en um ei­ne über­ra­schen­de Ent­wick­lung zu be­trach­ten. In die­sem Jahr er­fuhr Clau­se­witz of­fen­sicht­lich ein schein­bar er­staun­li­ches Wohl­wol­len sei­nes Kö­nigs. Auf sei­ne Bit­te hin um Ver­wen­dung in der Trup­pe, die er am 27.12.1829 schrift­lich an den Mon­ar­chen rich­te­te, er­hielt er am 9.3.1830 fol­gen­de Antwort:

»(…) In Ver­folg Mei­ner Ant­wort vom 7. 1. des Jah­res auf Ihr Ge­such um Über­tra­gung ei­ner Trup­pen­füh­rung ma­che Ich Ih­nen hier­durch be­kannt, daß ich be­schlos­sen ha­be, Sie in der Fol­ge, bei sich da­zu er­ge­ben­der Er­le­di­gung, in der Ar­til­le­rie anzustellen.[…]Ich be­stim­me Sie für die­se Waf­fe vor­zugs­wei­se in der Er­wä­gung, daß die­sel­be Ih­nen bei Ih­rer viel­sei­ti­gen wis­sen­schaft­lich-mi­li­tä­ri­schen Aus­bil­dung und Ih­rer Nei­gung zur be­son­de­ren Tä­tig­keit mehr­fa­che Ver­an­las­sung gibt, für mei­nen Dienst nütz­lich wirk­sam zu sein. (…)«
(Vergl. Pries­dorf, »Sol­da­ti­sches Füh­rer­tum«, Hg. Kurt von Pries­dorf, Han­sea­ti­sche Ver­lags­an­stalt Ham­burg, T. 8, 1429., S. 70)

Al­ler­dings »hum­pel­te« die­se An­stel­lung. Gnei­sen­au teil­te Stein mit, dass der Be­weg­grund wohl war, dass dem Kö­nig »an­de­re Ta­len­te
« fehl­ten und es wo­mög­lich Be­schwer­den ge­gen Clau­se­witz gab, sei­ne Dienst­füh­rung an der Kriegs­aka­de­mie be­tref­fend. Dort fand er sich als Di­rek­tor der Schu­le mit Miss­stän­den, die er nicht zu ver­ant­wor­ten hat­te, nicht ab.
(Vergl. Carl von Clau­se­witz Per­sön­lich­keit und Wir­kungs­ge­schich­te sei­nes Wer­kes bis 1918, Hg. U. Mar­we­del, H. Boldt Ver­lag, 1978, S. 56)

Un­ab­hän­gig da­von mach­te sich Clau­se­witz En­de 1830 – zu Pla­nungs­be­ra­tun­gen ge­ru­fen, die mit der Ju­li-Re­vo­lu­ti­on in Frank­reich be­fasst wa­ren – wei­test­ge­hend unentbehrlich.
(Vergl. eben­da, S. 57). Sei­ne Be­ru­fung in ein neu­es Kom­man­do war die lo­gi­sche Fol­ge sei­ner her­vor­ra­gen­den Arbeit

Im Ver­lau­fe sei­nes Auf­ent­hal­tes bei der Ob­ser­va­ti­ons­ar­mee er­füll­te der als Chef des Ge­ne­ral­sta­bes (C. v. C.) zu­ver­läs­sig um­fang­rei­che Ar­bei­ten in der ope­ra­ti­ven Füh­rung der­sel­ben. Durch glück­li­che Um­stän­de wur­de Preu­ßen nicht in die Kämp­fe zwi­schen den Rus­sen und Po­len ver­wi­ckelt und spiel­te die Rol­le des Be­ob­ach­ters. Von er­heb­li­cher Wich­tig­keit war au­ßer­dem die Rea­li­sie­rung des »Cor­don sa­ni­taire«, um ein Über­grei­fen der Cho­le­ra nach Preu­ßen zu ver­hin­dern. Mit bei­den Auf­ga­ben war Clau­se­witz sehr zur Zu­frie­den­heit sei­nes Chefs – Feld­mar­schall Gnei­sen­au – be­fasst. Die­ser schil­der­te des­sen Ar­beit in ei­nem Brief an die Frau von Clausewitz.

»(…) Frei von Nah­rungs­sor­gen, be­we­ge ich mich hier zwi­schen we­nig läs­ti­gen Ge­schäf­ten, Lek­tü­re und Spa­zie­ren­ge­hen; Clau­se­witz mit sei­nem vor­treff­li­chen Ge­schäfts­geist bringt in je­ne die of­fi­zi­el­le Ordnung. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au Ein Le­ben in Brie­fen«, Hg. Dr. Karl Grie­wank, Ko­eh­ler & Ame­lang /Leipzig, 1939, S. 389)

Clau­se­witz er­trug of­fen­sicht­lich ge­dul­dig die Pas­si­vi­tät Gnei­sen­aus, die er vor al­lem an­ge­sichts der wach­sen­den Kriegs­ge­fahr in West und Ost nach­weis­lich nicht gut­hieß. Nach Hau­se an sei­ne Ma­rie schrieb er am 28. Mai. 1831:

»(…) Wie we­nig be­frie­di­gen mich al­le mei­ne Ver­hält­nis­se und Pflich­ten! […] im In­ne­ren des Her­zens ist ei­ne gro­ße Ver­stim­mung in mir. (…)«
(Vergl. »Karl und Ma­rie von Clau­se­witz«, Ein Le­bens­bild in Brie­fen und Ta­ge­buch­blät­tern, Hg. K. Lin­ne­bach, Warneck Ber­lin, 1916, S. 441)

Wie­der­um war Clau­se­witz ei­ne ech­te An­er­ken­nung auch in sei­nem letz­ten Kom­man­do von höchs­ter Stel­le ver­sagt. Sie wur­den erst nach dem Ab­le­ben Gnei­sen­aus sicht­bar. Weh­mü­tig und ah­nungs­voll da­her sei­ne Kla­ge vom 28. Ju­li 1831 – auch im Zu­sam­men­hang mit der Cho­le­ra zu se­hen –
ge­rich­tet an sei­ne Frau.

»(…) Wenn ich ster­be, teu­re Ma­rie, so ist es in mei­nem Be­ruf. Gräm Dich nicht zu sehr um ein Le­ben, wo­mit nicht viel mehr an­zu­fan­gen war. […] Ich kann nicht sa­gen, mit wel­cher Ge­ring­schät­zung des mensch­li­chen Ur­teils ich aus der Welt gehe. (…)«
(Vergl. eben­da S. 472)

Nicht un­er­wähnt soll je­doch sein, dass der viel­be­schäf­tig­te Ge­ne­ral ne­ben al­len Sor­gen und Ängs­ten Zeit und Mu­ße fand, sich mit in­nen­po­li­ti­schen Pro­ble­men zu be­schäf­ti­gen und sich als Per­son noch ein­mal zu verorten.

In ei­nem Brief an Ma­rie vom 24. März 1831 le­sen wir:

»(…) Sehr viel Ver­gnü­gen hast Du mir mit der Ab­schrift des Schlei­er­mach­schen Auf­sat­zes ge­macht. Er wird ihn beim Kö­ni­ge re­ha­bi­li­tie­ren und ist ei­ne ganz an­de­re Wi­der­le­gung der Ar­ti­kel im M. b. Ch. [Mess­ager des Cham­bres] als der Auf­satz von W. [Wil­li­sen?] und je­der an­de­re, den man ein­rü­cken ließ. Ich ha­be ihn hier rechts und links mit­ge­teilt, wo er mit größ­tem In­ter­es­se ge­le­sen wor­den ist. (…)«
(Vergl. eben­da S. 423 bis 424)

Clau­se­witz kann­te den Theo­lo­gen Fried­rich Da­ni­el Ernst Schlei­er­ma­cher (*1768; †1834) von der »Deut­schen Tisch­ge­sell­schaft« her. Im Rah­men der »Dem­ago­gen­ver­fol­gung« stand auch Schlei­er­ma­cher wie an­de­re Pro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tä­ten un­ter Druck. Ein Ber­li­ner Kor­re­spon­dent der fran­zö­si­schen Zei­tung »Mess­ager des Cham­bres« hat­te ihn im Zu­sam­men­hang mit den »Um­trie­ben« auf die »lin­ke Sei­te« ge­setzt. Da­ge­gen hat­te Schlei­er­ma­cher pro­tes­tiert, in­dem er sich ver­wahr­te, we­der ei­ner lin­ken noch ei­ner rech­ten Sei­te anzugehören.
(Vergl. »
Chris­ten­tum, Staat, Kul­tur: Ak­ten des Kon­gres­ses der In­ter­na­tio­na­len Schlei­er­ma­cher-Ge­sell­schaft Ber­lin, Hg. Arndt, Barth, Gräb, d. Gruy­ter /Berlin , 2006, S. 377 bis 378)

Si­cher be­frie­dig­te es Clau­se­witz, dass Schlei­er­ma­cher, den er ver­mut­lich schätz­te, da­mit aus dem Fo­kus des Kö­nigs ge­nom­men war. Ob­wohl die Tex­te Schlei­er­ma­chers in der da­ma­li­gen Ge­sell­schaft mit­un­ter kon­tro­vers re­zi­piert wur­den, kön­nen wir uns vor­stel­len, dass Clau­se­witz re­li­giö­se An­sich­ten des Theo­lo­gen, die nicht im­mer vom Kö­nig to­le­riert wur­den, mit­un­ter teil­te. Sei­ne »Glau­bens­leh­re«, er­schie­nen 1821 und 1822, war für die­se Zeit au­ßer­or­dent­lich mo­dern. Der Phi­lo­soph Clau­se­witz hät­te sich ei­ner The­se Schlei­er­ma­chers viel­leicht an­schlie­ßen kön­nen, die da lautete:

»(…) Der Mensch ist sich im­mer ei­ner par­ti­el­len Frei­heit und ei­ner par­ti­el­len Ab­hän­gig­keit in al­lem Den­ken und Han­deln be­wusst, aber ge­ra­de die teil­wei­se Ab­hän­gig­keit in al­lem Be­wusst­sein der Frei­heit führt letzt­lich auf ein Ge­fühl völ­li­ger Abhängigkeit. (…)«
(Vergl. »
Fried­rich Schlei­er­ma­cher« Aus En­zy­klo­pä­die der deut­schen Li­te­ra­tur, world​-li​te​ra​tu​re​.org/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​F​r​i​e​d​r​i​c​h​_​S​c​h​l​e​i​e​r​m​a​c​her)



Fried­rich Da­ni­el Ernst Schlei­er­ma­cher (*1768; †1834)
Quel­le: For­schung & Lehre

Be­son­ders Schlei­er­ma­chers An­sich­ten über das Stu­di­um wird Clau­se­witz ge­ra­de in sei­ner Zeit als Di­rek­tor der »All­ge­mei­nen Kriegs­schu­le« aus dem Her­zen ge­spro­chen haben.

»(…) Je mehr sich der Geist der Wis­sen­schaft regt, des­to mehr wird sich auch der Geist der Frei­heit re­gen, und sie wer­den sich nur in Op­po­si­ti­on stel­len ge­gen die ih­nen zu­ge­mu­te­te Dienstbarkeit. (…)
(Vergl. »Die Idee der Uni­ver­si­tät – re­vi­si­ted«, Hg. Ri­cken, Kol­ler, Sprin­ger VS, 2014, S. 72 bis 73)

Wir ha­ben nun ver­sucht, Clausewitz´Entwicklung über die Zeit sei­ner ma­te­ri­el­len, so­zia­len und geis­ti­gen Selbst­fin­dung zu ver­fol­gen. Ei­ne ge­rad­li­ni­ge Ver­bin­dung zum ei­gent­li­chen The­ma konn­ten wir nicht her­stel­len. Der Ge­ne­ral war uns da­bei nicht be­hilf­lich. Das hat­te Gründe.

»(…) In­dem sein äu­ße­res Le­ben zu ei­ner ge­wis­sen Ru­he und Gleich­mä­ßig­keit ge­langt, sind auch die wich­tigs­ten in­ne­ren Ent­schei­dun­gen ge­fal­len; […] So schrei­tet Clau­se­witz in die neue Epo­che hin­über, oh­ne die be­wuß­ten Kon­flik­te oder die un­be­wuß­ten Zä­su­ren zu er­fah­ren, […] Die skep­ti­sche Hal­tung, die er in schwe­rem Kampf er­run­gen, be­wahr­ten ihn davor, (…)«
(Vergl. »Carl von Clau­se­witz Po­li­tik und Krieg«, Hg. Hans Roth­fels, Dümm­ler, 1920, S. 192)

Clau­se­witz war ein vor­züg­li­cher Sol­dat, ein ge­nia­ler Mi­li­tär-Phi­lo­soph, ein po­li­ti­scher Den­ker. Ein Po­li­ti­ker – im In­ter­es­se der jü­di­schen Min­der­heit – war er mit­nich­ten, wie wir mei­nen. Da­her sa­gen wir uns »Re­spi­ce post te, ho­mi­nem te es­se memento«.

Als der Feld­mar­schall Gnei­sen­au am 6. März 1831 an Clau­se­witz schrieb, …

»(…) Wir bei­de sind be­stimmt, nach Po­sen zu ge­hen und zwar auf das schleu­nigs­te. Ich ha­be dem G[eneral] Witz­le­ben als Zeit mei­ner Ab­rei­se den 8. d. [über­mor­gen] be­stimmt. Oetzel und Brandt sol­len mit uns ge­hen. – Der Ih­ri­ge G.
Die Ab­rei­se soll als Ge­heim­nis be­han­delt werden. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au« Ein Le­ben in Brie­fen, Hg. Dr. Karl Grie­wank, Köh­ler & Ame­lang / Leip­zig, 1939, S. 383)

… konn­te kei­ner von den bei­den Män­nern ah­nen, dass die­ses Kom­man­do ihr letz­tes sein würde.

Die Cho­le­ra, der un­sicht­ba­rer und heim­tü­cki­sche Feind, wur­de ih­nen zum Ver­häng­nis. Am 23. Au­gust 1831 starb Gnei­sen­au, und am 16. No­vem­ber er­lag auch Carl von Clau­se­witz dem »Gal­len­brech­durch­fall«, dem die Preu­ßen, Rus­sen und Po­len zu die­ser Zeit re­la­tiv macht­los aus­ge­setzt wa­ren. Erst 1854 wur­de das Bak­te­ri­um »Vi­brio cho­le­rae« ent­deckt, das die­se ver­hee­ren­de Krank­heit erregte.

Grab­stel­le Ma­rie und Carl von Clau­se­witz in Burg
Quel­le: Autor

Kö­nig F. W. III. schreibt am 22.11.1831 zu Clau­se­witz´ Tod an den Ge­ne­ral Graf Zie­ten, der dem Mon­ar­chen die Mel­dung über des­sen Ab­le­ben er­stat­tet hatte:

»(…) Ih­re Mel­dung von dem plötz­li­chen Ab­le­ben des Ge­ne­ral­ma­jors von Clau­se­witz, In­spek­teur der 2. Ar­til­le­rie­in­spek­ti­on, ist Mir eben­so un­er­war­tet als schmerz­lich ge­we­sen. Die Ar­mee er­lei­det da­durch ei­nen schwer zu er­set­zen­den Ver­lust, der mich sehr betrübt. (…)«
(Vergl. Pries­dorf, »Sol­da­ti­sches Füh­rer­tum«, Hg. Kurt von Pries­dorf, Han­sea­ti­sche Ver­lags­an­stalt Ham­burg, T. 8, 1429, S. 71)

Clau­se­witz wur­de auf dem al­ten Mi­li­tär­fried­hof in Bres­lau bei­gesetzt. Am 19. No­vem­ber 1971 – nach 140 Jah­ren – wur­den die sterb­li­chen Über­res­te Clausewitz´und sei­ner Gat­tin Ma­rie nach de­ren Über­füh­rung auf dem Bur­ger Ost­fried­hof mit ei­nem fei­er­li­chen Staats­akt wie­der der Er­de übergeben.

Die über­aus span­nen­de Ge­schich­te die­ses Er­eig­nis­ses schil­dert Dr. An­drée Tür­pe in »Der ver­nach­läs­sig­te Ge­ne­ral? Das Clau­se­witz-Bild in der DDR«, 2. von Bres­lau nach Burg – die Rück­füh­rung des Ge­ne­rals Carl von Clau­se­witz 1971, S. 117 bis 150.

_________________

Zu den Häup­tern des Gra­bes steht ein Stei­ner­nes Kreuz, das auf den Ar­men die In­schrift trägt:

Hier ruht in Gott Karl Phil­ipp Gott­fried von Clausewitz
kö­nig­li­cher Ge­ne­ral­ma­jor und In­spek­teur der Artillerie
Geb. 1. 06. 1780 –
Gest. 16. 11. 1831

 Der So­ckel des Kreu­zes trägt die Worte:

»Ama­ra mors amo­rem non separat«

Das Grab selbst be­deckt ei­ne Stein­plat­te mit der Inschrift:

Hier ruht an der Sei­te des vor­an­ge­gan­ge­nen ge­lieb­ten Gemahls
Ma­rie So­phie von Clau­se­witz geb. Grä­fin von Brühl
Geb. in War­schau 3.6.1779 – Gest. in Dres­den 28.1.1836

(Quel­le: Pries­dorf, S.71)

Veröffentlicht unter Diskussion | 2 Kommentare

Epilog

An den Säu­len des »Arc de Triom­phe de l’Étoile« in Pa­ris fin­den wir die Na­men zwei der be­rühm­tes­ten fran­zö­si­schen Of­fi­zie­re der na­po­léo­ni­schen Gran­de Ar­mée. Ver­ewigt sind dort Bri­ga­dier Gé­né­ral Ba­ron Marc-Jean-Fran­çoia-Jé­rô­me Wolf­fe (*1776; †1848) und Gé­né­ral Hen­ri Rott­embourg (*1769; †1857).
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern Die Ge­schich­te jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en«, Hg. M. Ber­ger, tra­fo, 2006, S. 236 bis 237)

Arc de Triom­phe de l’Étoile (Quel­le: Wikipedia)

Bei­de Ge­ne­ra­le wur­den in jü­di­schen Fa­mi­li­en ge­bo­ren und wa­ren so­mit die am höchs­ten de­ko­rier­ten jü­di­schen Sol­da­ten Frank­reichs in die­ser Epo­che. Be­trach­ten wir nun den Ge­ne­ral Wolff et­was nä­her. Zwi­schen ihm und un­se­rem Carl von Clau­se­witz gibt es ei­ne er­staun­li­che »Ver­bin­dung«.

In der Dop­pel­schlacht von Je­na & Au­er­stedt 1806 stan­den sich bei­de Of­fi­zie­re mög­li­cher­wei­se ge­gen­über. Auf dem Rück­zug über Mag­de­burg folg­te Wolff den Preu­ßen. In der Kam­pa­gne von 1812 – Wolff war schon Bri­ga­de­ge­ne­ral – stan­den sich bei­de Män­ner mög­li­cher­wei­se im September/Oktober bei Bo­ro­di­no wie­der­um ge­gen­über. In der Schlacht bei Lützen/Großgörschen hat­ten bei­de Of­fi­zie­re 1813 ein »Ren­dez­vous«, eben­so im Jahr 1814 in Bel­gi­en und Frank­reich. Letzt­ma­lig kreuz­ten sich ih­re We­ge – an ver­schie­de­nen Or­ten zwar – in den Ta­gen von Wa­ter­loo 1815.

Wolff, ge­bo­ren in Straß­burg in der Fa­mi­lie des jü­di­schen Ge­schäfts­man­nes Cerf Beer, kon­ver­tier­te spä­ter zum Chris­ten­tum, wur­de un­ter Lou­is XVIII zum Ba­ron ernannt.
(Vergl. der hist. Fak­ten, https://aigles-et-lys.fandom.com/fr/wi/Marc_François_Jérôme_Wolff)

Bri­ga­dier Gé­né­ral Ba­ron Marc-Jean-Fran­çoia-Jé­rô­me Wolf­fe (*1776; †1848)

Wor­in se­hen wir nun ei­ne Be­son­der­heit die­ser his­to­ri­schen Fak­ten? Kurz­um, es gibt auf deut­schem Bo­den – mei­nes Wis­sens – kei­nen Ort, der dem An­denken preu­ßisch-deut­scher und jü­di­scher Ge­ne­ra­le ge­wid­met ist!

Deut­li­cher kön­nen wir wahr­schein­lich die Sym­bo­lik der miss­lun­ge­nen Eman­zi­pa­ti­on der preu­ßi­schen Ju­den im frü­hen 19. Jhd. all­ge­mein und im preu­ßi­sche Heer nicht zeich­nen. Das ewi­ge »Ge­ran­gel« der Re­for­mer mit Kö­nig und »Hof­par­tei« und der Kern­op­po­si­ti­on des preu­ßi­schen Adels führ­te da­zu, dass selbst in größ­ter mi­li­tä­ri­scher An­span­nung der Krie­ge von 1813 bis 1815, bis auf we­ni­ge Aus­nah­men, kei­ne jü­di­schen Sol­da­ten zu Of­fi­zie­ren, ge­schwei­ge denn zum Ge­ne­ral avan­cie­ren konnten.

Un­mit­tel­bar nach 1815 im Jahr 1817 wur­de die müh­sam eta­blier­te Wehr­pflicht wie­der kas­siert und nur auf »Staats­bür­ger« be­schränkt. Die he­te­ro­ge­ne Rechts­la­ge in den nach 1815 zu Preu­ßen ge­lang­ten neu­en Pro­vin­zen ver­kom­pli­zier­te das Gan­ze zu­sätz­lich. Nahm man in der po­li­ti­schen und mi­li­tä­ri­schen Füh­rungs­ebe­ne des preu­ßi­schen Hee­res den Sol­da­ten als Wehr­pflich­ti­gen noch hin, so lehn­te man den jü­di­schen Vor­ge­setz­ten teil­wei­se strin­gent ab.

»(…) Der jü­di­sche Vor­ge­setz­te war im christ­li­chen Staat nach wie vor un­er­wünscht. So äu­ßer­te der Chef des Mi­li­tär­ka­bi­netts, dass Ju­den zu­künf­tig nur als ein­fa­che Sol­da­ten ein­tre­ten dürf­ten, »auf Be­för­de­rung in hö­he­re Mi­li­tär­char­gen aber kei­nen An­spruch ma­chen« könn­ten. Ei­ne Or­der des Mi­li­tär­ka­bi­netts aus dem Jahr 1822 un­ter­sag­te jeg­li­che Be­för­de­rung jü­di­scher Soldaten. (…)«
(Vergl. »Re­form Re­or­ga­ni­sa­ti­on Trans­for­ma­ti­on Zum Wan­del …«, Hg. Lutz, Rink, v. Sa­lisch, Ver­lag Ol­den­bourg, 2010, hier M. Ber­ger, S. 496)

Ei­ne im Jahr 1827 durch­ge­führ­te »ers­te Ju­den­zäh­lung« im Heer brach­te ei­ne Un­ter­re­prä­sen­ta­ti­on der jü­di­schen Sol­da­ten ent­spre­chend mög­li­cher Pro­zent­zah­len zu­ta­ge. Ei­ne Ver­fü­gung ver­lang­te die Gleich­be­hand­lung jü­di­scher und nicht­jü­di­scher Re­kru­ten. In den fol­gen­den Jah­ren bes­ser­te sich die La­ge for­mal. Jü­di­sche Sol­da­ten wur­den zu Un­ter­of­fi­zie­ren be­för­dert, und zwei jü­di­schen Frei­wil­li­gen ge­lang es so­gar, »Land­wehr-Of­fi­zier« zu werden.
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 122 – 126, 130 – 133)

Über den Aus­nah­me-Of­fi­zier Me­no Burg be­rich­te­ten wir aus­führ­lich. Nach 1848 galt die Wehr­pflicht auch in den neu hin­zu­ge­won­ne­nen Pro­vin­zen. Ein­be­ru­fung und Be­för­de­rung der jü­di­schen Sol­da­ten nor­ma­li­sier­te sich, und nicht we­ni­gen ge­lang es nach ih­rer Ent­las­sung, in den un­ter­ge­ord­ne­ten Staats­dienst zu treten.

»(…) So hat­ten nicht zu­letzt die her­vor­ra­gen­den dienst­li­chen Leis­tun­gen den dro­hen­den Aus­gren­zungs­pro­zeß aufgehalten. (…)«
(Vergl. »Re­form Re­or­ga­ni­sa­ti­on Trans­for­ma­ti­on Zum Wan­del …«, Hg. Lutz, Rink, v. Sa­lisch, Ver­lag Ol­den­bourg, 2010, hier M. Ber­ger, S. 497)

Im Ver­lau­fe der fol­gen­den Jah­re bis hin zur Reichs­grün­dung 1871 schlepp­ten sich An­er­ken­nung und Ab­leh­nung von Ju­den im Heer oh­ne nen­nens­wer­te Er­geb­nis­se dahin.
Bis hin­ein in den Ers­ten Welt­krieg wa­ren An­er­ken­nung und Ab­leh­nung der Ju­den als Sol­da­ten, Un­ter­of­fi­zie­re und Of­fi­zie­re tem­po­rär zwi­schen Frie­den und Krieg wech­sel­haft determiniert.

In dem ost­preu­ßi­schen Blatt »Ha­ma­g­id« vom 16. No­vem­ber 1870 ist zu lesen:

»(…) Wes­halb soll­tet ihr den Krieg über­haupt füh­ren […] Ei­gent­lich soll­tet ihr von die­sem Krieg ab­las­sen, denn wie auch die Ge­schich­te frü­he­rer Ge­nera­tio­nen ge­zeigt hat, wird – egal was ihr tut – al­les ver­ges­sen sein. (…)«
(Vergl. »Sind wir denn nicht Brü­der?« Deut­sche Ju­den im na­tio­na­len Krieg 1870/71, Hg. G. Krü­ger, Schö­ningh, 2006, S.135)

Als sich der er­neu­te Ein­satz jü­di­scher Sol­da­ten ab 1914 ab­zeich­ne­te und Kai­ser Wil­helm II. mit sei­ner »Bal­kon­re­de« vom 1. Au­gust 1914 beschwor,

»(…) er ken­ne „kei­ne Par­tei­en und auch kei­ne Kon­fes­sio­nen mehr“, statt­des­sen sei­en „wir […] heu­te al­le deut­sche Brü­der und nur noch deut­sche Brüder“. (…)«,

reg­te sich wie­der­um ver­geb­li­che Kri­tik. In der Mo­nats­schrift »Je­schu­run« war 1914 zu lesen:

»(…) Man hört die Mei­nung, daß sich mit die­sem Krieg al­les, al­les wen­den wird. Wir tei­len sie nicht. […] Die­se An­nah­me fin­det ih­re Be­stä­ti­gung in der Ge­schich­te. Der An­teil, den die Ju­den an den Be­frei­ungs­krie­gen und dem Krieg 1870/71 nah­men, hat es nicht ver­mocht, die Vor­ur­tei­le, die man ge­gen sie heg­te, auf die Dau­er zu unterdrücken. (…)«
(Vergl. Jü­di­sche Sol­da­ten – Jü­di­scher Wi­der­stand in Deutsch­land und Frank­reich, Hg. Ber­ger, Rö­mer-Hil­leb­recht, Schö­ningh, 2012, S. 60)

Das Mei­nungs­bild in­ner­halb der jü­di­schen Ge­mein­schaft war da­mals wi­der­sprüch­lich und sehr he­te­ro­gen. So for­mu­lier­te das Blatt »Im Deut­schen Reich«, ei­ne vom »Cen­tral­ver­ein deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens« her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift, Folgendes:

»(…) Mö­ge der Burg­frie­de, der jetzt al­le Deut­sche, un­ge­ach­tet ih­res Stan­des und ih­rer Re­li­gi­on, um­schließt, auch die Ju­den un­ter sich um­schlin­gen, gleich­gül­tig, ob sie li­be­ral oder or­tho­dox, Cen­tral­ver­ein­ler oder Zio­nis­ten sind. (…)
(Vergl. »Kriegs­be­ginn in Nord­deutsch­land« Zur Her­aus­bil­dung ei­ner »Kriegs­kul­tur« 1914/15 in trans­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve, Hg. Rau, Reit­mei­er, Schuh­mann, Wall­stein, 2016, S. 137)

Am Ers­ten Welt­krieg wa­ren nach ei­ner Un­ter­su­chung von Dr. Ja­kob Segall aus dem Jahr 1921, ver­öf­fent­licht in »Die deut­schen Ju­den als Sol­da­ten im Krieg 19141918«, ca. 96.00 bis 100.000 jü­di­sche Kriegs­teil­neh­mer be­tei­ligt. Das war ein An­teil von ca. 17,30 % der reichs­deut­schen Ju­den, wenn man ei­ne Vor­kriegs­er­he­bung von 1910 zu­grun­de legt. Im Krieg wa­ren 12.000 jü­di­sche Sol­da­ten ge­fal­len, 35.000 wur­den aus­ge­zeich­net, 23.000 be­för­dert, da­von ca. 2.000 Offiziere.
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern Die Ge­schich­te jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en, Hg. M. Ber­ger, tra­fo, 2006, S. 176 bis 181)

Im Ge­gen­satz zum Deut­schen Reich dien­ten in der ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­schen Ar­mee 300.000 jü­di­sche Sol­da­ten im 1. Welt­krieg. 30.000 jü­di­sche Män­ner fie­len in den Kämp­fen. Un­ter den jü­di­schen Sol­da­ten Ös­ter­reichs gab es 25.000 Of­fi­zie­re. Un­ter den Ge­fal­le­nen wa­ren auch 20 Ge­ne­ra­le jü­di­scher Herkunft.
(Vergl. eben­da S. 181)

Wir ma­chen ei­nen Schnitt in das Jahr 1935. Das Wehr­ge­setz wur­de durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in ei­ner neu­en Fas­sung des § 15 vom 21. Mai 1935 verändert.
Der »§ 15. Ari­sche Ab­stam­mung« ver­lang­te: (1) Ari­sche Ab­stam­mung ist ei­ne Vor­aus­set­zung für den ak­ti­ven Wehr­dienst. Dar­in hieß es u. a. wei­ter, dass kein Misch­ling Vor­ge­setz­ter wer­den kann.

»(…) Der Aus­schluss jü­di­scher Sol­da­ten aus der Ar­mee, die Aus­deh­nung der Ras­sen­ge­set­ze auf die Soldaten[…]ging ein­her mit der fort­schrei­ten­den Aus­gren­zung, dann Ent­rech­tung, schließ­lich Ver­trei­bung und Er­mor­dung der deut­schen Ju­den durch die Hand der Deutschen. (…)«
(Vergl. eben­da S. 219)

Es ist nach­ge­wie­sen, dass vie­le ehe­ma­li­ge ver­dienst­vol­le
jü­di­sche Sol­da­ten mit ih­ren Fa­mi­li­en in die Ver­nich­tungs­la­ger de­por­tiert wurden.

»(…) Von den 238.000 Ju­den, die 1939 noch im Reichs­ge­biet leb­ten und von de­nen sich 218.000 zum jü­di­schen Glau­ben be­kann­ten, ver­lo­ren mehr als 160.000 ihr Le­ben als Op­fer der Ver­fol­gung un­ter der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­herr­schaft. (…)« ( Vergl eben­da S. 223)

»Stol­per­stei­ne« für das Ge­den­ken der Op­fer (Quel­le: Min­de­ner Tageblatt)

Zu­rück zu Carl von Clau­se­witz und sei­ner Zeit.

In un­se­rem Streif­zug durch die Ge­schich­te der Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den im preu­ßi­schen Heer ha­ben wir ge­se­hen, dass die Of­fi­zie­re, de­nen wir be­geg­ne­ten, ein sehr am­bi­va­len­tes Ver­hält­nis zu den Ju­den hat­ten. Da­bei müs­sen wir je­doch un­ter­schei­den, um wel­che Per­so­nen es geht. Ne­ben der Fi­gur des »von der Mar­witz«, dem Pro­to­typ des ad­li­gen preu­ßi­schen Of­fi­ziers, der nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen ge­gen jeg­li­che Re­for­men in Preu­ßen und da­mit ganz si­cher nicht ein Freund der Ju­den war, se­hen wir die Prot­ago­nis­ten der Mi­li­tär­re­for­men in Preu­ßen der Jah­re nach 1806.

Da war der Reichs­frei­herr von Schröt­ter, der den Ent­wurf »Über die bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­se der Ju­den in Preu­ßen« (1808) the­ma­ti­sier­te und die Vor­la­ge für den Be­griff Eman­zi­pa­ti­on (sie­he Schmed­ding) über­haupt lieferte.

Der »Va­ter« der Mi­li­tär­re­form, G. D. von Scharn­horst, der wohl prag­ma­tischs­te Ver­tre­ter im Krei­se der Re­for­mer, war mit Gut­ach­ten und Denk­schrif­ten dies­be­züg­lich in­ten­siv am Fort­schrei­ten der Din­ge be­tei­ligt. Al­ler­dings su­chen wir bei Scharn­horst ver­geb­lich nach ei­nem kon­kre­ten Bei­trag, die Eman­zi­pa­ti­on betreffend.

Ab­ge­se­hen von sei­ner mehr als be­rech­tig­ten Kri­tik am Los­kauf vom Mi­li­tär­dienst, wo er den Be­griff »Wu­che­rer« ver­mut­lich als Pa­ra­phra­se be­nutz­te, gab es kei­ne wei­te­ren si­gni­fi­kan­ten Ein­las­sun­gen Schar­horsts, das The­ma »Ju­de« be­tref­fend. Für ihn wa­ren die (auch jü­di­schen) Bür­ger und de­ren fi­nan­zi­el­le Mög­lich­kei­ten für den Be­frei­ungs­kampf von vor­ran­gi­ger Be­deu­tung. Es ging vor al­lem um die Zu­kunft Preu­ßens, nicht um klein­mü­ti­ge pri­va­te Interessen.

Das Sym­bol »sol­dat ci­toy­en«, des »Bür­ger­sol­da­ten«, ge­bo­ren in der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, war für wei­te Krei­se des kon­ser­va­ti­ven Of­fi­ziers­korps vom »Typ Mar­witz« im­mer wie­der An­lass für Kri­tik und Ge­gen­wehr. Ob­wohl die meis­ten die­ser Prot­ago­nis­ten auf Grund ih­rer si­che­ren fi­nan­zi­el­len La­ge we­der vor dem Bür­ger noch vor dem jü­di­schen Ge­schäfts­mann Angst ha­ben muss­ten. Ih­nen ging es um die Stan­des­po­si­ti­on um die sie bang­ten. Da­her war man auch nach 1815 sehr schnell da­bei, den Bür­ger – erst recht den jü­di­schen – als Vor­ge­setz­ten im Heer wie­der zu entfernen.

Kei­ner der wich­tigs­ten Of­fi­zie­re der Zeit vor und nach 1813 bis in den »Vor­märz« hin­ein hat­te wirk­lich in­ten­si­ven per­sön­li­chen Kon­takt zu Ju­den, wenn man von ver­ein­zel­ten »As­si­mi­lier­ten« ein­mal ab­sah. Uns be­kann­te For­mu­lie­run­gen von Boy­en und Clau­se­witz zum Bei­spiel, die »die Ju­den« the­ma­ti­sier­ten, re­sul­tie­ren aus per­sön­li­chen sub­jek­ti­ven Be­ob­ach­tun­gen. Die­se teil­wei­se be­denk­li­chen Äu­ße­run­gen soll­ten wir in den zeit­li­chen Kon­text ein­ord­nen. Es fällt hier schwer, sie als ju­den­feind­lich zu charakterisieren.
Von der ei­gent­li­chen »Ju­den­feind­schaft« über den »Früh­an­ti­se­mi­tis­mus« zum »mo­der­nen An­ti­se­mi­tis­mus« mit all sei­nen schreck­li­chen Er­schei­nungs­for­men und dem Hö­he­punkt der »Shoa« ist je­doch ei­ne kla­re Ent­wick­lungs­li­nie zu erkennen.

Fa­zit:

Un­ser Carl von Clau­se­witz war wie die meis­ten sei­ner Kol­le­gen in der Zeit der Ar­beit der Mi­li­tär­re­form­kom­mis­si­on und auch spä­ter nicht frei von xe­no­pho­ben Ge­dan­ken­gän­gen, die je­doch im zeit­li­chen Kon­text ge­se­hen wer­den müs­sen. Ein »Ju­den­feind« oder ein frü­her An­ti­se­mit war un­ser Carl ganz be­stimmt nicht!

Wäh­rend der Ar­beit an die­ser Ab­hand­lung wur­de fol­gen­de Fra­ge durch ei­nen Kol­le­gen gestellt:

»Was hät­te wohl Clau­se­witz zu den Ver­bre­chen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten gesagt?«

Ei­ne Fra­ge, auf die wir mög­li­cher­wei­se mit Ver­weis auf das christ­lich ge­präg­te, sol­da­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis Clau­se­witz´ ei­ne Ant­wort su­chen und fin­den können.

Clau­se­witz hat­te sich be­reits 1815 in ei­nem Brief an sei­ne Frau Ma­rie ganz klar ge­gen un­eh­ren­haf­te Hand­lun­gen ge­gen­über dem Geg­ner aus­ge­spro­chen. Wir ver­wie­sen dar­auf im Zu­sam­men­hang mit der Cau­sa der »Brü­cke von Je­na«. Der Ge­dan­ke war, dass Carl wo­mög­lich den Brief des Pau­lus an die Rö­mer , Ka­pi­tel 12 Ver­se 14, 17 – 19, kannte:

»(…) Röm 17. – Ver­gel­tet nie­man­dem Bö­ses mit Bö­sem. Seid auf Gu­tes be­dacht ge­gen­über je­der­man. Und  Röm 19 – Rächt euch nicht selbst. (…)«
(Vergl. Das Neue Tes­ta­ment, Bi­bel­aus­ga­be Mar­tin Lu­ther 1912 )

Und auch Paulus´Worte – über die Ju­den – an die Rö­mer, Ka­pi­tel 11, Vers 28 könn­te un­se­rem Carl be­kannt ge­we­sen sein:

»(…)Nach dem Evan­ge­li­um sind sie zwar Fein­de um eu­ret­wil­len; aber nach der Wahl sind sie Ge­lieb­te um der Vä­ter willen.(…)«
(Vergl. Das Neue Tes­ta­ment, Bi­bel­aus­ga­be Mar­tin Lu­ther 1912 )

Wir mei­nen, nach al­lem, was wir über Clau­se­witz wis­sen, ver­stand er un­ter dem »Geg­ner« an sich auch im­mer den Men­schen, so­mit auch si­cher­lich den jüdischen.

»(…) Ist der Krieg ein Akt der Ge­walt, so ge­hört er not­wen­dig auch dem Ge­müt an.[…] Fin­den wir al­so, daß ge­bil­de­te Völ­ker den Ge­fan­ge­nen nicht den Tod ge­ben, Stadt und Land nicht zer­stö­ren, so ist es, weil sich die In­tel­li­genz in ih­re Kriegs­füh­rung mehr mischt und ih­nen wirk­sa­me­re Mit­tel zur An­wen­dung der Ge­walt ge­lehrt hat als die­se ro­hen Äu­ße­run­gen des Instinkts. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, MfNV, 1957, Buch 1, Kap. 1, S. 19)

Nach­weis­lich spiel­te Clau­se­witz als Mi­li­tär­theo­re­ti­ker in den Plä­nen des NS-Re­gimes kei­ne Rol­le. Gleich­wohl wur­de der Na­me »Clau­se­witz« in min­des­tens vier Fäl­len miss­braucht. So wur­de die 45. Pan­zer­di­vi­si­on »Clau­se­witz« 1945 in den End­kampf um Ber­lin ein­ge­setzt und der Na­me auch als Code­wort für ei­ne Stu­fe der Ver­tei­di­gung Ber­lins verwendet.
(Vergl. wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​F​a​l​l​_​C​l​a​u​s​e​w​itz)

In der „Clau­se­witz­stra­ße“ in Bres­lau exis­tier­te bis zum Früh­jahr 1945 ein »Ge­fan­ge­nen­la­ger«. Fälsch­li­cher­wei­se wur­de und wird die­ses La­ger als »Ar­beits- und Aus­län­der­la­ger Clau­se­witz« be­zeich­net. (Vergl. https://​er​in​ne​rungs​or​te​.org/​c​a​t​e​g​o​r​y​_​t​y​p​e​/​e​h​e​m​a​l​i​g​e​-​l​a​g​er/)

1942 wur­de der Be­griff »Ope­ra­ti­on Clau­se­witz« für die Her­an­füh­rung der Hee­res­grup­pe A mit ei­nem über­ra­schen­den Schwenk in Rich­tung Sta­lin­grad ver­wen­det. Da­mals wur­de durch Hit­lers Wei­sung Clau­se­witz´ Theo­rie von der Ver­nich­tung der geg­ne­ri­schen Haupt­kräf­te als Haupt­ziel des Krie­ges – sehr zur Ver­blüf­fung des da­ma­li­gen so­wje­ti­schen Ober­kom­man­dos – kon­ter­ka­riert und mit den be­kann­ten Fol­gen vom Fuß auf den Kopf gestellt.
(Vergl. Das Ge­heim­nis Sta­lin­grad Hin­ter­grün­de ei­ner Ent­schei­dungs­schlacht, Hg. W. Kerr, Econ, 1977, S. 85 bis 86)

 Da­zu von uns ein letz­tes Wort: »Clau­se­witz se re­tour­ne­rait dans la tombe«

Und zum Schluss, ja, auch die Preu­ßen hat­ten ein Tri­um­ph­tor. Das »Bran­den­bur­ger Tor«, ein früh­klas­si­zis­ti­sches Bau­werk von 1793, ge­stal­tet durch Lang­hans und Scha­dow. Bau­herr da­mals Fried­rich Wil­helm II.

Zu den son­der­ba­ren We­gen der preu­ßi­schen Ge­schich­te ge­hört, dass zwar kein jü­di­scher Ge­ne­ral wie in Pa­ris am »Arc de Triom­phe de l’Étoile« ver­ewigt wur­de, son­dern ein jü­di­scher Fuhr­un­ter­neh­mer mit Na­men Si­mon Krem­ser (* 1775; † 1. 1851). Ein Ju­de, der in den Krie­gen ge­gen Na­po­lé­on mit dem höchs­ten preu­ßi­schen Or­den, dem »Pour le Mé­ri­te« und dem »Ei­ser­nen Kreuz« durch Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. für Ver­diens­te für Volk und Va­ter­land aus­ge­zeich­net wur­de.

Krem­ser dien­te un­ter Blü­cher in der Schle­si­schen Ar­mee als »preu­ßi­scher Kriegs­co­mis­sa­ri­us« und war für die Kriegs­kas­se ver­ant­wort­lich. Als Blü­cher 1814 in Pa­ris ein­mar­schier­te, fand Krem­ser die ge­stoh­le­ne und noch ver­pack­te Qua­dri­ga des Bran­den­bur­ger To­res, die Na­po­lé­on 1806 re­qui­riert und nach Pa­ris ge­bracht hatte.
Krem­ser soll die Rück­füh­rung, die in die Ber­li­ner Ge­schich­te als »Re­tour­kut­sche« ein­ging, ge­lei­tet ha­ben. Da­für bil­lig­te ihm der Kö­nig auch das Mo­no­pol des Ber­li­ner Fuhr­ver­kehrs zu.
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern Die Ge­schich­te jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en, Hg. M. Ber­ger, tra­fo, 2006, S. 38 bis 39)

Am ei­nem Sonn­tag 1814 zog der aus Pa­ris zu­rück­ge­kehr­te Fried­rich Wil­helm III. an der Spit­ze sei­ner in den vor­aus­ge­gan­ge­nen Be­frei­ungs­krie­gen sieg­rei­chen Trup­pen durch das Bran­den­bur­ger Tor in sei­ne Haupt­stadt ein, ein Er­eig­nis, an das der Na­me »Pa­ri­ser Platz« für das »Quar­ré« bis heu­te er­in­nert. Die Wa­gen­len­ke­rin als Sie­ges­göt­tin, mit Schin­kels »Ei­ser­nem Kreuz« im Stab, weit­hin sichtbar.
(Vergl. die​-aus​wa​er​ti​ge​-pres​se​.de/​2​0​1​4​/​0​9​/​d​a​s​-​b​r​a​n​d​e​n​b​u​r​g​e​r​-​t​o​r​-​e​r​s​t​m​a​l​s​-​m​i​t​-​d​e​m​-​e​i​s​e​r​n​e​n​-​k​r​e​uz/)

Mög­li­cher­wei­se wa­ren auch jü­di­sche Män­ner der »Kur­mär­ki­schen Land­wehr« da­bei, für die sich schon am 1. April 1813 der Staats­rat L`Estocq bei der kur­mär­ki­schen Re­gie­rung ver­wen­de­te. Wir be­rich­te­ten darüber.
( Vergl. »Ju­den, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. Horst Fi­scher, 1968 J. C. B. Mohr, Tü­bin­gen, S. 33 bis 34) 

Das Kreuz, wel­ches auch Clau­se­witz an sei­ner Brust trug.

Dass Ju­den und Carl von Clau­se­witz heu­te zu uns ge­hö­ren, zeigt sehr deut­lich un­ser Bild vom »Bran­den­bur­ger Tor« in un­se­ren Ta­gen. Hier wur­de aus ge­ge­be­nem fei­er­li­chem An­lass, dem »Lich­ter­fest« der Ju­den, das Tor mit der Cha­nuk­ka im Vor­feld dekoriert.

Das »Ei­ser­ne Kreuz« im Stab der Sie­ges­göt­tin, des­sen ab­ge­wan­del­te Sym­bo­lik für die »Deut­sche Bun­des­wehr« kenn­zeich­nend ist, gilt auch für heu­ti­ge deut­sche jü­di­sche Sol­da­ten. Un­se­re jü­di­schen Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten der Bun­des­wehr sind heu­te im »Bund jü­di­scher Sol­da­ten« organisiert.
(Vergl. Jü­di­sche Sol­da­ten – Jü­di­scher Wi­der­stand in Deutsch­land und Frank­reich, Hg. Ber­ger, Rö­mer-Hil­leb­recht, Schö­ningh, 2012, S. 448 ff.)

Sie er­fül­len mit ih­ren Ka­me­ra­den an­de­rer Glau­bens­rich­tun­gen den Ver­fas­sungs­auf­trag, und sie wer­den wie­der durch Mi­li­tär­rab­bi­ner seel­sor­ge­risch be­treut, wie zu­letzt bis 1918 .
( Vergl. zen​tral​rat​der​ju​den​.de/​d​e​r​-​z​e​n​t​r​a​l​r​a​t​/​i​n​s​t​i​t​u​t​i​o​n​e​n​/​m​i​l​i​t​a​e​r​r​a​b​b​i​n​at/)

»Der Frie­de ist das Wahr­zei­chen der Ewig­keit und eben­so die Lo­sung des mensch­li­chen Le­bens in sei­nem in­di­vi­du­el­len Ver­hal­ten, wie in der Ewig­keit sei­nes ge­schicht­li­chen Be­ru­fes. In die­ser ge­schicht­li­chen Ewig­keit voll­führt sich die Frie­dens­mis­si­on der mes­sia­ni­schen Menschheit.«
(Her­man Co­hen (*1842, †1918) , ein jü­disch-deut­scher Phi­lo­soph, Kan­ti­sche Ver­nunft und jü­di­sches Selbst­be­wusst­sein, Jü­di­sche Selbst­wahr­neh­mung, Horch, Nie­mey­er, 1997, S. 223)

Cha­nuk­ka am Bran­den­bur­ger Tor (Quel­le: Zen­tral­rat der Juden)

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil I

Die „Un­sicht­ba­ren“ – hy­bri­de Krie­ge im 21. Jahr­hun­dert … und Clausewitz?

Dipl.-Mil. Oberst­leut­nant a. D. NVA Klaus-Die­ter Krug

In den ers­ten bei­den De­ka­den des 21. Jahr­hun­derts wer­den wir Zeu­gen ei­ner deut­li­chen In­ten­si­vie­rung ei­nes Phä­no­mens diffu­ser, dunk­ler und schein­bar un­be­kann­ter Me­tho­den der Kriegsführung.

Das Schlag­wort da­zu lau­tet „Hy­bri­der Krieg“. „Hy­brid“, abgelei­tet aus dem la­tei­ni­schen Wort „hy­bri­da“, ge­stat­tet hier den Rück­schluss auf „Bas­tard“ bzw. „Misch­ling“. Das heißt, ange­wendet auf Krieg und Kriegs­füh­rung er­ken­nen wir die mög­li­che Ver­mi­schung ver­schie­de­ner Ar­ten, Mit­tel und Me­tho­den der uns bis­her be­kann­ten Kriegs­for­men. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil II

Fort­set­zung

Der Be­griff „Ope­ra­ti­on“ oder „Ope­ra­ti­ons­plan“ taucht im Schrift­tum Clau­se­witz´ be­reits im Jah­re 1804 in sei­ner Schrift „Stra­te­gie“2 auf. Sehr früh er­kennt Clau­se­witz die be­deu­ten­de Rol­le ei­nes „Ope­ra­ti­ons­pla­nes“ und da­mit ope­ra­ti­ven Han­delns. Un­ter 11. Ope­ra­ti­ons­plan, Punkt 3., führt Clau­se­witz dort aus, in­dem er sich mit Phul­ls Ge­dan­ken zur Operationspla­nung aus­ein­an­der setzte:

„Ich kann nur die Ope­ra­ti­on für wahr­haf­tig ge­nia­lisch er­ken­nen, die nach dem Her­zen der feind­li­chen Mon­ar­chie ge­rich­tet ist, an­statt al­so an den Gren­zen zu na­gen, muss man da, wo die­se glück­lich ge­öff­net sind, so weit als mög­lich vor­drin­gen und des­wegen al­le Kräf­te da­hin fort­wäh­rend kon­zen­trie­ren.“ 2 Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil III

Fort­set­zung

Be­mer­kens­wer­terwei­se lief diese Ope­ra­ti­on oh­ne Schuss­wech­sel und Ver­lus­te bei­der Sei­ten ab. Je­doch der Tod ei­nes ukrai­nischen Fähn­richs am 18. März 2014 wur­de durch ei­nen „un­bekannten“ Scharf­schüt­zen verursacht.

Wir er­ken­nen hier die Leh­ren Sun­zis aus „Die Kunst des Krie­ges“, ge­schrie­ben vor 2.500 Jah­ren, wo­nach die Kunst des Sie­ges dar­in be­steht, den Wi­der­stand des Fein­des zu bre­chen, oh­ne den be­waff­ne­ten Kampf zu führen.

Die Rus­sen hat­ten 2014 ein kla­res geo­stra­te­gi­sches Ziel, ver­fügten über ei­nen sta­bi­len Ope­ra­ti­ons­plan und wa­ren in der La­ge, durch ei­ne Viel­zahl tak­ti­scher Hand­lun­gen den ge­fass­ten Plan zu ver­wirk­li­chen. Da­mit setz­ten sie die Theo­rie Clause­witz‘, wo­nach mi­li­tä­ri­sche Auf­ga­ben im In­ter­es­se der Po­li­tik ge­gen ei­nen Geg­ner auch un­ter kom­pli­zier­ten Be­din­gun­gen durch­zu­set­zen sind, ge­rad­li­nig um. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil IV

Fort­set­zung

Clau­se­witz ex­em­pli­fi­ziert in sei­ner Schrift „Die wich­ti­gen Grund­sät­ze des Kriegführens“:

…un­ter III. Stra­te­gie, IV. Über die Be­fol­gung der ge­ge­be­nen Grund­sät­ze im Krie­ge“11

ei­ne Rei­he von Wirkungsfaktoren.

„Die Ur­sa­chen die­ser Frik­tio­nen er­schöp­fend auf­zu­zäh­len, ist viel­leicht nicht mög­lich, aber die haupt­säch­lichs­ten sind folgen­de. . …“12

Der Au­tor ge­stat­tet sich hier an die­ser Stel­le, die von Clause­witz ge­nann­ten acht we­sent­li­chen Ur­sa­chen mit ei­ge­nen Wor­ten ver­kürzt dar­zu­stel­len. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil V

Fort­set­zung

Zwei­fels­oh­ne wir­ken sich die rea­len Ver­lus­te auf die Mo­ral der bei­den Sei­ten aus, was dem Le­ser ver­ständ­lich sein wird. Letzt­end­lich kom­men wir in der Be­trach­tung des The­mas zum Kern der Clau­se­witz­chen Kriegs­theo­rie, die na­tür­lich auch bei der Ana­ly­se des We­sens des „hy­bri­den Krie­ges“ hilf­reich sein wird:

„Der Krieg ist al­so nicht nur ein wah­res Cha­mä­le­on, weil er in je­dem kon­kre­ten Fal­le sei­ne Na­tur et­was än­dert, son­dern er ist auch sei­nen Ge­samt­erschei­nun­gen nach in Be­zie­hung auf die in ihm herr­schen­den Ten­den­zen ei­ne wun­der­li­che Dreifaltig­keit, zu­sam­men­ge­setzt aus der ur­sprüng­li­chen Ge­walt­sam­keit sei­nes Ele­men­tes, dem Haß und der Feind­schaft, die wie ein blin­der Na­tur­trieb an­zu­se­hen sind, aus dem Spiel der Wahr­scheinlichkeiten und des Zu­falls, die ihn zu ei­ner frei­en See­lentätigkeit ma­chen, und aus der un­ter­ge­ord­ne­ten Na­tur ei­nes po­li­ti­schen Werk­zeu­ges, wo­durch er dem blo­ßen Ver­stan­de an­heim fällt.“15 Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil VI

Fort­set­zung

Wie ver­hee­rend sich im asymme­tri­schen Krieg ei­ne un­kla­re Nach­rich­ten­la­ge aus­wir­ken kann, sa­hen wir vor 10 Jah­ren, am 04. Sep­tem­ber 2009, na­he dem afghani­schen Kun­dus. Der Trup­pen­kom­man­deur des da­ma­li­gen BW-Kon­tin­gen­tes ließ ei­nen Luft­schlag auf zwei Tank­fahr­zeu­ge füh­ren, die zu­vor durch die Ta­li­ban re­qui­riert wor­den wa­ren. Dort im Füh­rungs­zen­trum war man der An­nah­me, dass die im Flusssand ste­cken­den Fahr­zeu­ge ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­dro­hung dar­stel­len würden. 

Es gab Dut­zen­de To­te, vor­ran­gig Zi­vi­lis­ten, dar­un­ter Kinder.

Aus Sicht des Au­tors ließ der ver­ant­wort­li­che Truppenkomman­deur ei­nen schwe­ren hand­werk­li­chen Feh­ler zu. Un­schar­fe Er­gebnisse der Luft­auf­klä­rung und zwei­fel­haf­te In­for­ma­tio­nen ei­nes Afghanen hät­ten nach al­len Re­geln der (ope­ra­ti­ven und tak­ti­schen) Kunst durch Nah­auf­klä­rung am Bo­den ve­ri­fi­ziert wer­den müs­sen. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil VII

Fort­set­zung

Wie ver­hee­rend sich im asymme­tri­schen Krieg ei­ne un­kla­re Nach­rich­ten­la­ge aus­wir­ken kann, sa­hen wir vor 10 Jah­ren, am 04. Sep­tem­ber 2009, na­he dem afghani­schen Kun­dus. Der Trup­pen­kom­man­deur des da­ma­li­gen BW-Kon­tin­gen­tes ließ ei­nen Luft­schlag auf zwei Tank­fahr­zeu­ge füh­ren, die zu­vor durch die Ta­li­ban re­qui­riert wor­den wa­ren. Dort im Füh­rungs­zen­trum war man der An­nah­me, dass die im Flusssand ste­cken­den Fahr­zeu­ge ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­dro­hung dar­stel­len würden. 

Es gab Dut­zen­de To­te, vor­ran­gig Zi­vi­lis­ten, dar­un­ter Kin­der. Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar

Die „Unsichtbaren“ – hybride Kriege im 21. Jahrhundert … und Clausewitz? Teil VIII

Fort­set­zung

Fa­zit

Bei der Be­trach­tung des Phä­no­mens „hy­bri­der Krieg“ kom­men wir na­tür­lich auf Clau­se­witz zu­rück und neh­men im­mer wie­der zur Kenntnis:

„So se­hen wir al­so, daß der Krieg nicht bloß ein po­li­ti­scher Akt, son­dern ein wah­res po­li­ti­sches In­stru­ment ist, ei­ne Fort­setzung des po­li­ti­schen Ver­kehrs, ei­ne Durch­füh­rung dessel­ben mit an­de­ren Mit­teln.“ 21 Wei­ter­le­sen

Veröffentlicht unter Diskussion | Schreib einen Kommentar