Epilog

An den Säu­len des »Arc de Triom­phe de l’Étoile« in Pa­ris fin­den wir die Na­men zwei der be­rühm­tes­ten fran­zö­si­schen Of­fi­zie­re der na­po­léo­ni­schen Gran­de Ar­mée. Ver­ewigt sind dort Bri­ga­dier Gé­né­ral Ba­ron Marc-Jean-Fran­çoia-Jé­rô­me Wolf­fe (*1776; †1848) und Gé­né­ral Hen­ri Rott­embourg (*1769; †1857).
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern Die Ge­schich­te jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en«, Hg. M. Ber­ger, tra­fo, 2006, S. 236 bis 237)

Arc de Triom­phe de l’Étoile (Quel­le: Wikipedia)

Bei­de Ge­ne­ra­le wur­den in jü­di­schen Fa­mi­li­en ge­bo­ren und wa­ren so­mit die am höchs­ten de­ko­rier­ten jü­di­schen Sol­da­ten Frank­reichs in die­ser Epo­che. Be­trach­ten wir nun den Ge­ne­ral Wolff et­was nä­her. Zwi­schen ihm und un­se­rem Carl von Clau­se­witz gibt es ei­ne er­staun­li­che »Ver­bin­dung«.

In der Dop­pel­schlacht von Je­na & Au­er­stedt 1806 stan­den sich bei­de Of­fi­zie­re mög­li­cher­wei­se ge­gen­über. Auf dem Rück­zug über Mag­de­burg folg­te Wolff den Preu­ßen. In der Kam­pa­gne von 1812 – Wolff war schon Bri­ga­de­ge­ne­ral – stan­den sich bei­de Män­ner mög­li­cher­wei­se im September/Oktober bei Bo­ro­di­no wie­der­um ge­gen­über. In der Schlacht bei Lützen/Großgörschen hat­ten bei­de Of­fi­zie­re 1813 ein »Ren­dez­vous«, eben­so im Jahr 1814 in Bel­gi­en und Frank­reich. Letzt­ma­lig kreuz­ten sich ih­re We­ge – an ver­schie­de­nen Or­ten zwar – in den Ta­gen von Wa­ter­loo 1815.

Wolff, ge­bo­ren in Straß­burg in der Fa­mi­lie des jü­di­schen Ge­schäfts­man­nes Cerf Beer, kon­ver­tier­te spä­ter zum Chris­ten­tum, wur­de un­ter Lou­is XVIII zum Ba­ron ernannt.
(Vergl. der hist. Fak­ten, https://aigles-et-lys.fandom.com/fr/wi/Marc_François_Jérôme_Wolff)

Bri­ga­dier Gé­né­ral Ba­ron Marc-Jean-Fran­çoia-Jé­rô­me Wolf­fe (*1776; †1848)

Wor­in se­hen wir nun ei­ne Be­son­der­heit die­ser his­to­ri­schen Fak­ten? Kurz­um, es gibt auf deut­schem Bo­den – mei­nes Wis­sens – kei­nen Ort, der dem An­denken preu­ßisch-deut­scher und jü­di­scher Ge­ne­ra­le ge­wid­met ist!

Deut­li­cher kön­nen wir wahr­schein­lich die Sym­bo­lik der miss­lun­ge­nen Eman­zi­pa­ti­on der preu­ßi­schen Ju­den im frü­hen 19. Jhd. all­ge­mein und im preu­ßi­sche Heer nicht zeich­nen. Das ewi­ge »Ge­ran­gel« der Re­for­mer mit Kö­nig und »Hof­par­tei« und der Kern­op­po­si­ti­on des preu­ßi­schen Adels führ­te da­zu, dass selbst in größ­ter mi­li­tä­ri­scher An­span­nung der Krie­ge von 1813 bis 1815, bis auf we­ni­ge Aus­nah­men, kei­ne jü­di­schen Sol­da­ten zu Of­fi­zie­ren, ge­schwei­ge denn zum Ge­ne­ral avan­cie­ren konnten.

Un­mit­tel­bar nach 1815 im Jahr 1817 wur­de die müh­sam eta­blier­te Wehr­pflicht wie­der kas­siert und nur auf »Staats­bür­ger« be­schränkt. Die he­te­ro­ge­ne Rechts­la­ge in den nach 1815 zu Preu­ßen ge­lang­ten neu­en Pro­vin­zen ver­kom­pli­zier­te das Gan­ze zu­sätz­lich. Nahm man in der po­li­ti­schen und mi­li­tä­ri­schen Füh­rungs­ebe­ne des preu­ßi­schen Hee­res den Sol­da­ten als Wehr­pflich­ti­gen noch hin, so lehn­te man den jü­di­schen Vor­ge­setz­ten teil­wei­se strin­gent ab.

»(…) Der jü­di­sche Vor­ge­setz­te war im christ­li­chen Staat nach wie vor un­er­wünscht. So äu­ßer­te der Chef des Mi­li­tär­ka­bi­netts, dass Ju­den zu­künf­tig nur als ein­fa­che Sol­da­ten ein­tre­ten dürf­ten, »auf Be­för­de­rung in hö­he­re Mi­li­tär­char­gen aber kei­nen An­spruch ma­chen« könn­ten. Ei­ne Or­der des Mi­li­tär­ka­bi­netts aus dem Jahr 1822 un­ter­sag­te jeg­li­che Be­för­de­rung jü­di­scher Soldaten. (…)«
(Vergl. »Re­form Re­or­ga­ni­sa­ti­on Trans­for­ma­ti­on Zum Wan­del …«, Hg. Lutz, Rink, v. Sa­lisch, Ver­lag Ol­den­bourg, 2010, hier M. Ber­ger, S. 496)

Ei­ne im Jahr 1827 durch­ge­führ­te »ers­te Ju­den­zäh­lung« im Heer brach­te ei­ne Un­ter­re­prä­sen­ta­ti­on der jü­di­schen Sol­da­ten ent­spre­chend mög­li­cher Pro­zent­zah­len zu­ta­ge. Ei­ne Ver­fü­gung ver­lang­te die Gleich­be­hand­lung jü­di­scher und nicht­jü­di­scher Re­kru­ten. In den fol­gen­den Jah­ren bes­ser­te sich die La­ge for­mal. Jü­di­sche Sol­da­ten wur­den zu Un­ter­of­fi­zie­ren be­för­dert, und zwei jü­di­schen Frei­wil­li­gen ge­lang es so­gar, »Land­wehr-Of­fi­zier« zu werden.
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 122 – 126, 130 – 133)

Über den Aus­nah­me-Of­fi­zier Me­no Burg be­rich­te­ten wir aus­führ­lich. Nach 1848 galt die Wehr­pflicht auch in den neu hin­zu­ge­won­ne­nen Pro­vin­zen. Ein­be­ru­fung und Be­för­de­rung der jü­di­schen Sol­da­ten nor­ma­li­sier­te sich, und nicht we­ni­gen ge­lang es nach ih­rer Ent­las­sung, in den un­ter­ge­ord­ne­ten Staats­dienst zu treten.

»(…) So hat­ten nicht zu­letzt die her­vor­ra­gen­den dienst­li­chen Leis­tun­gen den dro­hen­den Aus­gren­zungs­pro­zeß aufgehalten. (…)«
(Vergl. »Re­form Re­or­ga­ni­sa­ti­on Trans­for­ma­ti­on Zum Wan­del …«, Hg. Lutz, Rink, v. Sa­lisch, Ver­lag Ol­den­bourg, 2010, hier M. Ber­ger, S. 497)

Im Ver­lau­fe der fol­gen­den Jah­re bis hin zur Reichs­grün­dung 1871 schlepp­ten sich An­er­ken­nung und Ab­leh­nung von Ju­den im Heer oh­ne nen­nens­wer­te Er­geb­nis­se dahin.
Bis hin­ein in den Ers­ten Welt­krieg wa­ren An­er­ken­nung und Ab­leh­nung der Ju­den als Sol­da­ten, Un­ter­of­fi­zie­re und Of­fi­zie­re tem­po­rär zwi­schen Frie­den und Krieg wech­sel­haft determiniert.

In dem ost­preu­ßi­schen Blatt »Ha­ma­g­id« vom 16. No­vem­ber 1870 ist zu lesen:

»(…) Wes­halb soll­tet ihr den Krieg über­haupt füh­ren […] Ei­gent­lich soll­tet ihr von die­sem Krieg ab­las­sen, denn wie auch die Ge­schich­te frü­he­rer Ge­nera­tio­nen ge­zeigt hat, wird – egal was ihr tut – al­les ver­ges­sen sein. (…)«
(Vergl. »Sind wir denn nicht Brü­der?« Deut­sche Ju­den im na­tio­na­len Krieg 1870/71, Hg. G. Krü­ger, Schö­ningh, 2006, S.135)

Als sich der er­neu­te Ein­satz jü­di­scher Sol­da­ten ab 1914 ab­zeich­ne­te und Kai­ser Wil­helm II. mit sei­ner »Bal­kon­re­de« vom 1. Au­gust 1914 beschwor,

»(…) er ken­ne „kei­ne Par­tei­en und auch kei­ne Kon­fes­sio­nen mehr“, statt­des­sen sei­en „wir […] heu­te al­le deut­sche Brü­der und nur noch deut­sche Brüder“. (…)«,

reg­te sich wie­der­um ver­geb­li­che Kri­tik. In der Mo­nats­schrift »Je­schu­run« war 1914 zu lesen:

»(…) Man hört die Mei­nung, daß sich mit die­sem Krieg al­les, al­les wen­den wird. Wir tei­len sie nicht. […] Die­se An­nah­me fin­det ih­re Be­stä­ti­gung in der Ge­schich­te. Der An­teil, den die Ju­den an den Be­frei­ungs­krie­gen und dem Krieg 1870/71 nah­men, hat es nicht ver­mocht, die Vor­ur­tei­le, die man ge­gen sie heg­te, auf die Dau­er zu unterdrücken. (…)«
(Vergl. Jü­di­sche Sol­da­ten – Jü­di­scher Wi­der­stand in Deutsch­land und Frank­reich, Hg. Ber­ger, Rö­mer-Hil­leb­recht, Schö­ningh, 2012, S. 60)

Das Mei­nungs­bild in­ner­halb der jü­di­schen Ge­mein­schaft war da­mals wi­der­sprüch­lich und sehr he­te­ro­gen. So for­mu­lier­te das Blatt »Im Deut­schen Reich«, ei­ne vom »Cen­tral­ver­ein deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens« her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift, Folgendes:

»(…) Mö­ge der Burg­frie­de, der jetzt al­le Deut­sche, un­ge­ach­tet ih­res Stan­des und ih­rer Re­li­gi­on, um­schließt, auch die Ju­den un­ter sich um­schlin­gen, gleich­gül­tig, ob sie li­be­ral oder or­tho­dox, Cen­tral­ver­ein­ler oder Zio­nis­ten sind. (…)
(Vergl. »Kriegs­be­ginn in Nord­deutsch­land« Zur Her­aus­bil­dung ei­ner »Kriegs­kul­tur« 1914/15 in trans­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve, Hg. Rau, Reit­mei­er, Schuh­mann, Wall­stein, 2016, S. 137)

Am Ers­ten Welt­krieg wa­ren nach ei­ner Un­ter­su­chung von Dr. Ja­kob Segall aus dem Jahr 1921, ver­öf­fent­licht in »Die deut­schen Ju­den als Sol­da­ten im Krieg 19141918«, ca. 96.00 bis 100.000 jü­di­sche Kriegs­teil­neh­mer be­tei­ligt. Das war ein An­teil von ca. 17,30 % der reichs­deut­schen Ju­den, wenn man ei­ne Vor­kriegs­er­he­bung von 1910 zu­grun­de legt. Im Krieg wa­ren 12.000 jü­di­sche Sol­da­ten ge­fal­len, 35.000 wur­den aus­ge­zeich­net, 23.000 be­för­dert, da­von ca. 2.000 Offiziere.
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern Die Ge­schich­te jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en, Hg. M. Ber­ger, tra­fo, 2006, S. 176 bis 181)

Im Ge­gen­satz zum Deut­schen Reich dien­ten in der ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­schen Ar­mee 300.000 jü­di­sche Sol­da­ten im 1. Welt­krieg. 30.000 jü­di­sche Män­ner fie­len in den Kämp­fen. Un­ter den jü­di­schen Sol­da­ten Ös­ter­reichs gab es 25.000 Of­fi­zie­re. Un­ter den Ge­fal­le­nen wa­ren auch 20 Ge­ne­ra­le jü­di­scher Herkunft.
(Vergl. eben­da S. 181)

Wir ma­chen ei­nen Schnitt in das Jahr 1935. Das Wehr­ge­setz wur­de durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in ei­ner neu­en Fas­sung des § 15 vom 21. Mai 1935 verändert.
Der »§ 15. Ari­sche Ab­stam­mung« ver­lang­te: (1) Ari­sche Ab­stam­mung ist ei­ne Vor­aus­set­zung für den ak­ti­ven Wehr­dienst. Dar­in hieß es u. a. wei­ter, dass kein Misch­ling Vor­ge­setz­ter wer­den kann.

»(…) Der Aus­schluss jü­di­scher Sol­da­ten aus der Ar­mee, die Aus­deh­nung der Ras­sen­ge­set­ze auf die Soldaten[…]ging ein­her mit der fort­schrei­ten­den Aus­gren­zung, dann Ent­rech­tung, schließ­lich Ver­trei­bung und Er­mor­dung der deut­schen Ju­den durch die Hand der Deutschen. (…)«
(Vergl. eben­da S. 219)

Es ist nach­ge­wie­sen, dass vie­le ehe­ma­li­ge ver­dienst­vol­le
jü­di­sche Sol­da­ten mit ih­ren Fa­mi­li­en in die Ver­nich­tungs­la­ger de­por­tiert wurden.

»(…) Von den 238.000 Ju­den, die 1939 noch im Reichs­ge­biet leb­ten und von de­nen sich 218.000 zum jü­di­schen Glau­ben be­kann­ten, ver­lo­ren mehr als 160.000 ihr Le­ben als Op­fer der Ver­fol­gung un­ter der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­herr­schaft. (…)« ( Vergl eben­da S. 223)

»Stol­per­stei­ne« für das Ge­den­ken der Op­fer (Quel­le: Min­de­ner Tageblatt)

Zu­rück zu Carl von Clau­se­witz und sei­ner Zeit.

In un­se­rem Streif­zug durch die Ge­schich­te der Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den im preu­ßi­schen Heer ha­ben wir ge­se­hen, dass die Of­fi­zie­re, de­nen wir be­geg­ne­ten, ein sehr am­bi­va­len­tes Ver­hält­nis zu den Ju­den hat­ten. Da­bei müs­sen wir je­doch un­ter­schei­den, um wel­che Per­so­nen es geht. Ne­ben der Fi­gur des »von der Mar­witz«, dem Pro­to­typ des ad­li­gen preu­ßi­schen Of­fi­ziers, der nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen ge­gen jeg­li­che Re­for­men in Preu­ßen und da­mit ganz si­cher nicht ein Freund der Ju­den war, se­hen wir die Prot­ago­nis­ten der Mi­li­tär­re­for­men in Preu­ßen der Jah­re nach 1806.

Da war der Reichs­frei­herr von Schröt­ter, der den Ent­wurf »Über die bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­se der Ju­den in Preu­ßen« (1808) the­ma­ti­sier­te und die Vor­la­ge für den Be­griff Eman­zi­pa­ti­on (sie­he Schmed­ding) über­haupt lieferte.

Der »Va­ter« der Mi­li­tär­re­form, G. D. von Scharn­horst, der wohl prag­ma­tischs­te Ver­tre­ter im Krei­se der Re­for­mer, war mit Gut­ach­ten und Denk­schrif­ten dies­be­züg­lich in­ten­siv am Fort­schrei­ten der Din­ge be­tei­ligt. Al­ler­dings su­chen wir bei Scharn­horst ver­geb­lich nach ei­nem kon­kre­ten Bei­trag, die Eman­zi­pa­ti­on betreffend.

Ab­ge­se­hen von sei­ner mehr als be­rech­tig­ten Kri­tik am Los­kauf vom Mi­li­tär­dienst, wo er den Be­griff »Wu­che­rer« ver­mut­lich als Pa­ra­phra­se be­nutz­te, gab es kei­ne wei­te­ren si­gni­fi­kan­ten Ein­las­sun­gen Schar­horsts, das The­ma »Ju­de« be­tref­fend. Für ihn wa­ren die (auch jü­di­schen) Bür­ger und de­ren fi­nan­zi­el­le Mög­lich­kei­ten für den Be­frei­ungs­kampf von vor­ran­gi­ger Be­deu­tung. Es ging vor al­lem um die Zu­kunft Preu­ßens, nicht um klein­mü­ti­ge pri­va­te Interessen.

Das Sym­bol »sol­dat ci­toy­en«, des »Bür­ger­sol­da­ten«, ge­bo­ren in der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, war für wei­te Krei­se des kon­ser­va­ti­ven Of­fi­ziers­korps vom »Typ Mar­witz« im­mer wie­der An­lass für Kri­tik und Ge­gen­wehr. Ob­wohl die meis­ten die­ser Prot­ago­nis­ten auf Grund ih­rer si­che­ren fi­nan­zi­el­len La­ge we­der vor dem Bür­ger noch vor dem jü­di­schen Ge­schäfts­mann Angst ha­ben muss­ten. Ih­nen ging es um die Stan­des­po­si­ti­on um die sie bang­ten. Da­her war man auch nach 1815 sehr schnell da­bei, den Bür­ger – erst recht den jü­di­schen – als Vor­ge­setz­ten im Heer wie­der zu entfernen.

Kei­ner der wich­tigs­ten Of­fi­zie­re der Zeit vor und nach 1813 bis in den »Vor­märz« hin­ein hat­te wirk­lich in­ten­si­ven per­sön­li­chen Kon­takt zu Ju­den, wenn man von ver­ein­zel­ten »As­si­mi­lier­ten« ein­mal ab­sah. Uns be­kann­te For­mu­lie­run­gen von Boy­en und Clau­se­witz zum Bei­spiel, die »die Ju­den« the­ma­ti­sier­ten, re­sul­tie­ren aus per­sön­li­chen sub­jek­ti­ven Be­ob­ach­tun­gen. Die­se teil­wei­se be­denk­li­chen Äu­ße­run­gen soll­ten wir in den zeit­li­chen Kon­text ein­ord­nen. Es fällt hier schwer, sie als ju­den­feind­lich zu charakterisieren.
Von der ei­gent­li­chen »Ju­den­feind­schaft« über den »Früh­an­ti­se­mi­tis­mus« zum »mo­der­nen An­ti­se­mi­tis­mus« mit all sei­nen schreck­li­chen Er­schei­nungs­for­men und dem Hö­he­punkt der »Shoa« ist je­doch ei­ne kla­re Ent­wick­lungs­li­nie zu erkennen.

Fa­zit:

Un­ser Carl von Clau­se­witz war wie die meis­ten sei­ner Kol­le­gen in der Zeit der Ar­beit der Mi­li­tär­re­form­kom­mis­si­on und auch spä­ter nicht frei von xe­no­pho­ben Ge­dan­ken­gän­gen, die je­doch im zeit­li­chen Kon­text ge­se­hen wer­den müs­sen. Ein »Ju­den­feind« oder ein frü­her An­ti­se­mit war un­ser Carl ganz be­stimmt nicht!

Wäh­rend der Ar­beit an die­ser Ab­hand­lung wur­de fol­gen­de Fra­ge durch ei­nen Kol­le­gen gestellt:

»Was hät­te wohl Clau­se­witz zu den Ver­bre­chen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten gesagt?«

Ei­ne Fra­ge, auf die wir mög­li­cher­wei­se mit Ver­weis auf das christ­lich ge­präg­te, sol­da­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis Clau­se­witz´ ei­ne Ant­wort su­chen und fin­den können.

Clau­se­witz hat­te sich be­reits 1815 in ei­nem Brief an sei­ne Frau Ma­rie ganz klar ge­gen un­eh­ren­haf­te Hand­lun­gen ge­gen­über dem Geg­ner aus­ge­spro­chen. Wir ver­wie­sen dar­auf im Zu­sam­men­hang mit der Cau­sa der »Brü­cke von Je­na«. Der Ge­dan­ke war, dass Carl wo­mög­lich den Brief des Pau­lus an die Rö­mer , Ka­pi­tel 12 Ver­se 14, 17 – 19, kannte:

»(…) Röm 17. – Ver­gel­tet nie­man­dem Bö­ses mit Bö­sem. Seid auf Gu­tes be­dacht ge­gen­über je­der­man. Und  Röm 19 – Rächt euch nicht selbst. (…)«
(Vergl. Das Neue Tes­ta­ment, Bi­bel­aus­ga­be Mar­tin Lu­ther 1912 )

Und auch Paulus´Worte – über die Ju­den – an die Rö­mer, Ka­pi­tel 11, Vers 28 könn­te un­se­rem Carl be­kannt ge­we­sen sein:

»(…)Nach dem Evan­ge­li­um sind sie zwar Fein­de um eu­ret­wil­len; aber nach der Wahl sind sie Ge­lieb­te um der Vä­ter willen.(…)«
(Vergl. Das Neue Tes­ta­ment, Bi­bel­aus­ga­be Mar­tin Lu­ther 1912 )

Wir mei­nen, nach al­lem, was wir über Clau­se­witz wis­sen, ver­stand er un­ter dem »Geg­ner« an sich auch im­mer den Men­schen, so­mit auch si­cher­lich den jüdischen.

»(…) Ist der Krieg ein Akt der Ge­walt, so ge­hört er not­wen­dig auch dem Ge­müt an.[…] Fin­den wir al­so, daß ge­bil­de­te Völ­ker den Ge­fan­ge­nen nicht den Tod ge­ben, Stadt und Land nicht zer­stö­ren, so ist es, weil sich die In­tel­li­genz in ih­re Kriegs­füh­rung mehr mischt und ih­nen wirk­sa­me­re Mit­tel zur An­wen­dung der Ge­walt ge­lehrt hat als die­se ro­hen Äu­ße­run­gen des Instinkts. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, MfNV, 1957, Buch 1, Kap. 1, S. 19)

Nach­weis­lich spiel­te Clau­se­witz als Mi­li­tär­theo­re­ti­ker in den Plä­nen des NS-Re­gimes kei­ne Rol­le. Gleich­wohl wur­de der Na­me »Clau­se­witz« in min­des­tens vier Fäl­len miss­braucht. So wur­de die 45. Pan­zer­di­vi­si­on »Clau­se­witz« 1945 in den End­kampf um Ber­lin ein­ge­setzt und der Na­me auch als Code­wort für ei­ne Stu­fe der Ver­tei­di­gung Ber­lins verwendet.
(Vergl. wi​ki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​F​a​l​l​_​C​l​a​u​s​e​w​itz)

In der „Clau­se­witz­stra­ße“ in Bres­lau exis­tier­te bis zum Früh­jahr 1945 ein »Ge­fan­ge­nen­la­ger«. Fälsch­li­cher­wei­se wur­de und wird die­ses La­ger als »Ar­beits- und Aus­län­der­la­ger Clau­se­witz« be­zeich­net. (Vergl. https://​er​in​ne​rungs​or​te​.org/​c​a​t​e​g​o​r​y​_​t​y​p​e​/​e​h​e​m​a​l​i​g​e​-​l​a​g​er/)

1942 wur­de der Be­griff »Ope­ra­ti­on Clau­se­witz« für die Her­an­füh­rung der Hee­res­grup­pe A mit ei­nem über­ra­schen­den Schwenk in Rich­tung Sta­lin­grad ver­wen­det. Da­mals wur­de durch Hit­lers Wei­sung Clau­se­witz´ Theo­rie von der Ver­nich­tung der geg­ne­ri­schen Haupt­kräf­te als Haupt­ziel des Krie­ges – sehr zur Ver­blüf­fung des da­ma­li­gen so­wje­ti­schen Ober­kom­man­dos – kon­ter­ka­riert und mit den be­kann­ten Fol­gen vom Fuß auf den Kopf gestellt.
(Vergl. Das Ge­heim­nis Sta­lin­grad Hin­ter­grün­de ei­ner Ent­schei­dungs­schlacht, Hg. W. Kerr, Econ, 1977, S. 85 bis 86)

 Da­zu von uns ein letz­tes Wort: »Clau­se­witz se re­tour­ne­rait dans la tombe«

Und zum Schluss, ja, auch die Preu­ßen hat­ten ein Tri­um­ph­tor. Das »Bran­den­bur­ger Tor«, ein früh­klas­si­zis­ti­sches Bau­werk von 1793, ge­stal­tet durch Lang­hans und Scha­dow. Bau­herr da­mals Fried­rich Wil­helm II.

Zu den son­der­ba­ren We­gen der preu­ßi­schen Ge­schich­te ge­hört, dass zwar kein jü­di­scher Ge­ne­ral wie in Pa­ris am »Arc de Triom­phe de l’Étoile« ver­ewigt wur­de, son­dern ein jü­di­scher Fuhr­un­ter­neh­mer mit Na­men Si­mon Krem­ser (* 1775; † 1. 1851). Ein Ju­de, der in den Krie­gen ge­gen Na­po­lé­on mit dem höchs­ten preu­ßi­schen Or­den, dem »Pour le Mé­ri­te« und dem »Ei­ser­nen Kreuz« durch Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. für Ver­diens­te für Volk und Va­ter­land aus­ge­zeich­net wur­de.

Krem­ser dien­te un­ter Blü­cher in der Schle­si­schen Ar­mee als »preu­ßi­scher Kriegs­co­mis­sa­ri­us« und war für die Kriegs­kas­se ver­ant­wort­lich. Als Blü­cher 1814 in Pa­ris ein­mar­schier­te, fand Krem­ser die ge­stoh­le­ne und noch ver­pack­te Qua­dri­ga des Bran­den­bur­ger To­res, die Na­po­lé­on 1806 re­qui­riert und nach Pa­ris ge­bracht hatte.
Krem­ser soll die Rück­füh­rung, die in die Ber­li­ner Ge­schich­te als »Re­tour­kut­sche« ein­ging, ge­lei­tet ha­ben. Da­für bil­lig­te ihm der Kö­nig auch das Mo­no­pol des Ber­li­ner Fuhr­ver­kehrs zu.
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern Die Ge­schich­te jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en, Hg. M. Ber­ger, tra­fo, 2006, S. 38 bis 39)

Am ei­nem Sonn­tag 1814 zog der aus Pa­ris zu­rück­ge­kehr­te Fried­rich Wil­helm III. an der Spit­ze sei­ner in den vor­aus­ge­gan­ge­nen Be­frei­ungs­krie­gen sieg­rei­chen Trup­pen durch das Bran­den­bur­ger Tor in sei­ne Haupt­stadt ein, ein Er­eig­nis, an das der Na­me »Pa­ri­ser Platz« für das »Quar­ré« bis heu­te er­in­nert. Die Wa­gen­len­ke­rin als Sie­ges­göt­tin, mit Schin­kels »Ei­ser­nem Kreuz« im Stab, weit­hin sichtbar.
(Vergl. die​-aus​wa​er​ti​ge​-pres​se​.de/​2​0​1​4​/​0​9​/​d​a​s​-​b​r​a​n​d​e​n​b​u​r​g​e​r​-​t​o​r​-​e​r​s​t​m​a​l​s​-​m​i​t​-​d​e​m​-​e​i​s​e​r​n​e​n​-​k​r​e​uz/)

Mög­li­cher­wei­se wa­ren auch jü­di­sche Män­ner der »Kur­mär­ki­schen Land­wehr« da­bei, für die sich schon am 1. April 1813 der Staats­rat L`Estocq bei der kur­mär­ki­schen Re­gie­rung ver­wen­de­te. Wir be­rich­te­ten darüber.
( Vergl. »Ju­den, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. Horst Fi­scher, 1968 J. C. B. Mohr, Tü­bin­gen, S. 33 bis 34) 

Das Kreuz, wel­ches auch Clau­se­witz an sei­ner Brust trug.

Dass Ju­den und Carl von Clau­se­witz heu­te zu uns ge­hö­ren, zeigt sehr deut­lich un­ser Bild vom »Bran­den­bur­ger Tor« in un­se­ren Ta­gen. Hier wur­de aus ge­ge­be­nem fei­er­li­chem An­lass, dem »Lich­ter­fest« der Ju­den, das Tor mit der Cha­nuk­ka im Vor­feld dekoriert.

Das »Ei­ser­ne Kreuz« im Stab der Sie­ges­göt­tin, des­sen ab­ge­wan­del­te Sym­bo­lik für die »Deut­sche Bun­des­wehr« kenn­zeich­nend ist, gilt auch für heu­ti­ge deut­sche jü­di­sche Sol­da­ten. Un­se­re jü­di­schen Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten der Bun­des­wehr sind heu­te im »Bund jü­di­scher Sol­da­ten« organisiert.
(Vergl. Jü­di­sche Sol­da­ten – Jü­di­scher Wi­der­stand in Deutsch­land und Frank­reich, Hg. Ber­ger, Rö­mer-Hil­leb­recht, Schö­ningh, 2012, S. 448 ff.)

Sie er­fül­len mit ih­ren Ka­me­ra­den an­de­rer Glau­bens­rich­tun­gen den Ver­fas­sungs­auf­trag, und sie wer­den wie­der durch Mi­li­tär­rab­bi­ner seel­sor­ge­risch be­treut, wie zu­letzt bis 1918 .
( Vergl. zen​tral​rat​der​ju​den​.de/​d​e​r​-​z​e​n​t​r​a​l​r​a​t​/​i​n​s​t​i​t​u​t​i​o​n​e​n​/​m​i​l​i​t​a​e​r​r​a​b​b​i​n​at/)

»Der Frie­de ist das Wahr­zei­chen der Ewig­keit und eben­so die Lo­sung des mensch­li­chen Le­bens in sei­nem in­di­vi­du­el­len Ver­hal­ten, wie in der Ewig­keit sei­nes ge­schicht­li­chen Be­ru­fes. In die­ser ge­schicht­li­chen Ewig­keit voll­führt sich die Frie­dens­mis­si­on der mes­sia­ni­schen Menschheit.«
(Her­man Co­hen (*1842, †1918) , ein jü­disch-deut­scher Phi­lo­soph, Kan­ti­sche Ver­nunft und jü­di­sches Selbst­be­wusst­sein, Jü­di­sche Selbst­wahr­neh­mung, Horch, Nie­mey­er, 1997, S. 223)

Cha­nuk­ka am Bran­den­bur­ger Tor (Quel­le: Zen­tral­rat der Juden)

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