Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XVII

Die Schlach­ten wa­ren ge­schla­gen. Das »Un­ge­heu­er« Na­po­lé­on Bo­na­par­te saß auf der In­sel St. He­le­na – fünf­ein­halb Jah­re auf sei­nen Tod am 5. Mai 1821 war­tend – fest ver­bannt im »Long­wood House«, unter stän­di­ger stren­ger Be­wa­chung des In­sel­gou­ver­neurs Hud­son Lo­we (∗1769; 1844)

Na­po­lé­on auf St. Helena
Quel­le: spec​trum​.de

Wie aber war die La­ge für die preu­ßi­schen Ju­den in der Zeit nach den Be­frei­ungs­krie­gen? Be­reits frü­her ver­wie­sen wir auf den Ar­ti­kel in der Zeit­schrift »Su­la­mith«, er­schie­nen kurz nach­dem die Waf­fen schwie­gen. In die­sem wur­de auf das Recht der Ju­den ge­drängt. Nun Bür­ger ge­wor­den, wa­ren auch die Rech­te der Bür­ger nicht län­ger aus­zu­schlie­ßen. Be­zug­neh­mend auf die da­mals ge­heg­te Hoff­nung müs­sen wir nach 1815 zur Kennt­nis nehmen:

»(…) In Wirk­lich­keit er­leb­te die nun auch durch die Teil­nah­me an der Ver­tei­di­gung des Va­ter­lan­des mög­li­che In­te­gra­ti­on und bür­ger­li­che Gleich­stel­lung in der Zeit nach 1815, nach der end­gül­ti­gen Nie­der­la­ge Na­po­lé­ons, ei­nen Rückschlag. (…)«
(Vergl. »Ei­ser­nes Kreuz und Da­vid­stern«, Die Ge­schich­te Jü­di­scher Sol­da­ten in Deut­schen Ar­me­en, Hg. M. Ber­ger, tra­fo ver­lag, 2006, S. 68) 

Wir hat­ten be­reits ge­se­hen, dass der im Zu­ge des Wie­ner Kon­gres­ses ge­grün­de­te Deut­sche Bund
ge­stat­te­te, dass Staa­ten mit »fran­zö­si­scher Ver­fas­sung« (Rhein­bund­staa­ten, Han­se­städ­te, nord­deut­sche Staa­ten) die den Ju­den be­reits zu­ge­stan­de­nen Rech­te wie­der ent­zie­hen konn­ten. Der Preu­ßen­kö­nig, der Feld­zug­teil­neh­mern, die sich be­währt hat­ten, so­gar Staats­an­stel­lun­gen ver­sprach, brach sein Versprechen

»(…) Die bei­den Ver­ord­nun­gen vom 3. und 9. Fe­bru­ar 1813 ga­ben den Ju­den in grö­ße­rer Zahl die Mög­lich­keit, in das preu­ßi­sche Heer ein­zu­tre­ten. Sie stell­ten al­len Frei­wil­li­gen ei­ne vor­züg­li­che Be­rück­sich­ti­gung bei der spä­te­ren Zi­vil­an­stel­lung durch den Staat in Aus­sicht, so­weit sie hier­für qua­li­fi­ziert waren. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 53 )

Da in den Jah­ren 1813 bis 1815 et­li­che Land­wehr­sol­da­ten und Frei­wil­li­ge so­gar zu Of­fi­zie­ren avan­cier­ten, war die­ser Wort­bruch des Sou­ve­räns von be­son­de­rer Trag­wei­te. In ver­schie­de­nen Aus­schluss­ver­fah­ren vom Staats­dienst oder Ver­sor­gung von In­va­li­den und be­dürf­ti­gen Ju­den re­vi­dier­ten Har­den­berg und nach­fol­gen­de Mi­nis­te­ri­en in den Fol­ge­jah­ren bald ge­ge­be­ne Zu­sa­gen. So­gar Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en, Kampf­ge­fähr­te Clau­se­witz´, ent­schied sich 1818 zur Re­vi­si­on zu­ge­sag­ter Wert­schät­zun­gen. Selbst ein­mal zu­ge­si­cher­te Pen­sio­nen und Son­der­zu­la­gen ver­wehr­te Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en ab die­sem Zeitpunkt.

»(…) Die­se Zu­la­ge lehn­te nun aber Boy­en im Fe­bru­ar 1818 ent­schie­den ab. Sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on zeigt ei­ne völ­li­ge Ab­kehr von den im Vor­jahr ver­tre­te­nen Grund­sät­zen. […] Es ist un­be­kannt, was Boy­en in­ner­halb von drei Mo­na­ten be­wog, sei­ne frü­he­re Po­si­ti­on der­art zu des­avou­ie­ren. Of­fen­bar ließ er sich vom kö­nig­li­chen Wil­len über­zeu­gen, der von An­fang an auf den Aus­schluß der Ju­den ge­rich­tet war. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 58 )

Gleich­wohl kam es zu son­der­ba­ren Er­schei­nun­gen, die heu­te sehr schwer zu ver­ste­hen sind:

»(…) Im­mer­hin zog man es trotz an­ge­spann­tes­ter Fi­nan­zen vor, ei­nem jü­di­schen In­va­li­den Pen­si­on zu ge­wäh­ren, als ihn für sei­ne Ar­beit im Staats­dienst zu ent­loh­nen. Die Ab­nei­gung ge­gen jü­di­sche Be­am­te muß groß ge­we­sen sein, wenn sie so­gar über die Not­wen­dig­keit, Geld­ge­schen­ke ma­chen zu müs­sen, triumphierte. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 59 ) 

Kriegs­in­va­li­de um das Jahr 1813
Quel­le: IMAGO

Wir kön­nen uns vor­stel­len, was für ei­ne Ver­un­si­che­rung in den Mi­nis­te­ri­en herrsch­te, wenn die füh­ren­den Mi­nis­ter prak­tisch über Nacht bis­her gül­ti­ge Grund­sät­ze der preu­ßi­schen Ju­den­po­li­tik wi­der­rie­fen und re­gel­wid­rig auslegten.

Die Fra­ge, die uns nun be­wegt, lau­tet: War un­se­rem Carl von Clau­se­witz die­ser of­fen­sicht­li­che Wort­bruch be­kannt, und wie re­zi­pier­te er dann die­se Ent­wick­lung? Im­mer­hin war er nun­mehr seit dem 09.05.1818 Di­rek­tor der All­ge­mei­nen Kriegs­schu­le in Ber­lin. Oh­ne Ein­fluss auf die vor­he­ri­gen Er­eig­nis­se zwar, aber na­he dran, weil sich der Re­stau­ra­ti­ons­pro­zess noch über ei­ni­ge Jah­re hin ne­ben ihm voll­zog. Dort in Ber­lin wird es Clau­se­witz nicht ent­gan­gen sein, wie sich die al­te kon­ser­va­ti­ve Hof­par­tei ge­gen sei­nen al­ten Kampf­ge­fähr­ten und an­de­re noch ver­blie­be­ne Re­for­mer sammelte.

Be­reits im Jahr 1817 in­for­mier­te Gnei­sen­au sei­nen jun­gen Freund Clau­se­witz am 6. April in ei­nem Brief aus Ber­lin über In­tri­gen ge­gen Har­den­berg, die sich auch ge­gen ihn selbst rich­te­ten. Gnei­sen­au, un­glück­lich über sei­ne Be­ru­fung in den Preu­ßi­schen Staats­rat, die sei­ne Fa­mi­li­en­ru­he stör­te, schrieb:

»(…) Ich war so glück­lich mit mei­nen Kin­dern! Jetzt ruft man mich und ich kann nicht ver­wei­gern zu kom­men. All das ver­ächt­li­che Ge­re­de von mei­ner der Re­gie­rung feind­se­li­gen miß­ver­gnüg­ten Stim­mung wür­de neu­en Schwung er­hal­ten ha­ben. Dem woll­te ich mich nicht fer­ner preis­ge­ben und so­mit ge­horch­te ich. (…)«

Wei­ter schil­dert Gnei­sen­au die Nie­der­träch­tig­kei­ten um Staats­kanz­ler Har­den­berg, der zu die­ser Zeit auch nicht gut auf Gnei­sen­au sel­ber zu spre­chen war, was er die­sem je­doch nicht übel nahm.

»(…) Im Pu­bli­kum spricht man, er ha­be ge­gen mei­ne Hier­her­be­ru­fung ge­ar­bei­tet, ei­ne an­de­re Par­tei hat, wie ich weiß, das­sel­be ge­tan. Möch­te es doch bei­den ge­lun­gen sein! Auch ge­gen den Kriegs­mi­nis­ter will man mich miß­trau­isch ma­chen. Man re­det da­von, daß die­ser sei­ne Stel­le ver­lie­ren wer­de, und Kne­se­beck ihn er­set­zen. Die zeit­he­ri­gen Ar­mee­grund­sät­ze sind ih­rem Un­ter­gang na­he, man kämpft von vie­len Sei­ten ge­gen sie. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au ein Le­ben in Brie­fen«, Hg. Dr. Karl Grie­wank, Köh­ler & Amelang/Leipzig, S. 351

Ob die drei Män­ner Boy­en, Gnei­sen­au und Clau­se­witz sich im Zu­sam­men­hang mit den Ver­wir­be­lun­gen am Ho­fe und in der Re­gie­rung über Fra­gen der Gleich­be­hand­lung der Ju­den mit der preu­ßi­schen Bür­ger­schaft aus­ge­tauscht ha­ben, ist nicht über­lie­fert, aber mög­lich. Da­bei nah­men al­le drei Män­ner in die­ser Zeit ei­nen un­ter­schied­li­chen Sta­tus ein. Gnei­sen­au, nach sei­nem über­ra­schen­den Rück­tritt vom Kom­man­do in Ko­blenz, zog sich vor­über­ge­hend pri­vat zu­rück. Be­ru­fen in den Staats­rat, war er im Grun­de oh­ne nen­nens­wer­te Wir­kung auf das Mi­li­tär­we­sen. Clau­se­witz, zum Di­rek­tor der Kriegs­schu­le in Ber­lin be­ru­fen, war prak­tisch – oh­ne Ein­fluss auf Leh­re und Aus­bil­dung jun­ger Of­fi­zie­re des Hee­res – auf ein »Ab­stell­ge­leis« geschoben. 

Wäh­rend Clau­se­witz in die­sen Jah­ren von 1818 bis 1830 an sei­ner Kriegs­theo­rie ar­bei­te­te, war er wahr­schein­lich auch kaum in Staats­an­ge­le­gen­hei­ten ge­fragt. Boy­en hin­ge­gen, der sich im­mer wie­der auch mit der so­ge­nann­te Pol­ni­schen Fra­ge be­schäf­tig­te, trug in der Zeit als Kriegs­mi­nis­ter die Haupt­last der Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der kon­ser­va­ti­ven Hof­par­tei. Rol­le und Wir­ken Boy­ens wur­de je­doch in der Ge­schichts­schrei­bung viel­fach un­ter Wert dargestellt.

»(…) Es ist ein selt­sa­mes Bild, das sich bis­her über Boy­en bie­tet. In un­se­rer Zeit wird er ge­le­gent­lich hoch ge­prie­sen. Franz Schna­bel nann­te 1955 sei­ne Hee­res­re­form ei­ne “welt­ge­schicht­li­che Tat”. Kürz­lich wur­de ge­sagt, ne­ben Scharn­horst und Clau­se­witz sei Boy­en der “be­deu­tends­te preu­ßi­sche Hee­res­re­for­mer” ge­we­sen, er ha­be das preu­ßi­sche Heer “mit Kan­ti­schem Geist er­füllt”. Was wir von ihm in der Li­te­ra­tur er­fah­ren kön­nen, ist al­ler­dings lü­cken­haft und einseitig. (…)«
(Vergl. »Her­mann von Boy­en und die pol­ni­sche Fra­ge«, Denk­schrif­ten von 1794 bis 1846, Hg. H. Ro­the, Böhlau, 2010, S. 9)

Er­mü­det von den fort­wäh­ren­den Que­re­len am Ho­fe des Kö­nigs von Preu­ßen, reich­te Boy­en am 8. De­zem­ber 1819 sei­nen Ab­schied ein. Ei­ne der Ur­sa­chen da­für war wohl die Ab­sicht des Kö­nigs, die Or­ga­ni­sa­ti­on der bes­tens be­währ­ten Land­wehr zu än­dern. Die Hof­par­tei mit ei­ner star­ken Grup­pe um den Her­zog von Meck­len­burg (∗1785; 1837) wen­de­te sich ge­gen die li­be­ra­len Be­stre­bun­gen der Re­for­mer um Boy­en, die die Rol­le des Bür­ger­tums im Heer stär­ken woll­ten und un­ter­stell­te im­mer wie­der »Ja­ko­bi­ner­tum«.

«(…) Die Re­ak­ti­on be­nutz­te mi­li­tär­tech­ni­sche Ein­wän­de – der Aus­bil­dungs­stand der Land­wehr und ih­re or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­klam­me­rung mit der “Li­nie” war man­gel­haft – und ge­wann den Kö­nig, ge­gen den Kriegs­mi­nis­ter und General. (…)«
(Vergl. »Deut­sche Ge­schich­te 1800 – 1866«, Hg. Th. Nip­per­day, Ver­lag C. H. Beck, 1983, S. 278)

Die Än­de­run­gen, die der Kö­nig an­streb­te, sa­hen vor, dass die Land­wehr zu­künf­tig in die Li­nie ein­ge­glie­dert wer­den soll­te und so­mit ih­re Selbst­stän­dig­keit ver­lie­ren wür­de. Boy­ens Ver­such, ein »Land­wehr-Ge­setz« auf den Weg zu brin­gen, war da­mit ge­schei­tert. Die Land­wehr-Fra­ge war aber of­fen­sicht­lich für Boy­en ein Vor­wand, um ei­ne für ihn weit­aus wich­ti­ge­re Fra­ge nicht mit ver­ant­wor­ten zu müssen.

»(…) Die Land­wehr-Fra­ge war tat­säch­lich nur ein äu­ße­rer, ei­gent­lich ge­rin­ger An­lass für Boy­ens Rück­tritt, un­mit­tel­bar aus sei­ner dienst­li­chen Zu­stän­dig­keit. Viel wich­ti­ger wa­ren die bei­den po­li­ti­schen Haupt­grün­de, die aus den Karls­ba­der Be­schlüs­sen her­rühr­ten: die Fra­ge der Sou­ve­rä­ni­tät des Preu­ßi­schen Staa­tes, […] und so­dann die Verfassungsfrage. (…)«
(Vergl. »Her­mann von Boy­en und die pol­ni­sche Fra­ge« Denk­schrif­ten von 1794 bis 1846, Hg. H. Ro­the, Böhlau, 2010, S. 150)

Der Re­for­mer und Staats­mann Boy­en sah al­so nicht nur die mi­li­tä­ri­schen Pro­ble­me sei­ner Zeit, son­dern sorg­te sich um die Sou­ve­rä­ni­tät des Staa­tes ge­gen­über mög­li­cher Fein­de, aber auch um den Kreis zeit­li­cher Ver­bün­de­ter, so­wie die Ver­fas­sungs­fra­ge. (Vergl. Denk­schrift Boy­ens von 1817, betr. ei­ne Ver­fas­sung für Preu­ßen) Bei­des als Ga­rant für die in­ne­re Si­cher­heit Preu­ßens. Am 25. De­zem­ber er­hielt er sei­ne Ent­las­sung mit Ka­bi­netts­or­der. Der Kö­nig kürz­te Boy­ens Pen­si­on um die Hälf­te. Mit Boy­en ver­lie­ßen na­he­zu zeit­gleich Hum­boldt, Bey­me und Kampf­ge­fähr­te Grol­mann den preu­ßi­schen Dienst.

»(…) Das war ein Sieg Har­den­bergs, aber ein Pyr­rhus­sieg, denn jetzt hat­ten die Ver­fas­sungs- und Re­form­geg­ner in der Re­gie­rung end­gül­tig die Mehr­heit. Die Ent­las­sung Hum­boldts mar­kiert das En­de der Re­form­ära in Preu­ßen. (…)«
(Vergl. »Deut­sche Ge­schich­te 1800 – 1866«, Hg. Th. Nip­per­day, Ver­lag C. H. Beck, 1983, S. 278)

Der jü­di­sche Fahneneid

Noch in der Dienst­zeit Boy­ens als Kriegs­mi­nis­ter voll­zog sich ei­ne be­deu­ten­de No­vel­le des Fah­nen­ei­des für jü­di­sche Sol­da­ten. Das Grund­mus­ter des hier in un­se­rer Be­trach­tung im Zu­sam­men­hang mit der Cau­sa Me­no Burg zi­tier­ten Fah­nen­ei­des wird auch nach 1815 bei­be­hal­ten. Die Be­son­der­heit, dass in den Be­frei­ungs­krie­gen für jü­di­sche Sol­da­ten kaum rechts­ver­bind­li­che Ei­des­for­meln vor­ka­men, rief nun aber Wi­der­spruch hervor.

»(…) Bei der Ein­stel­lung vor und wäh­rend der Be­frei­ungs­krie­ge leg­te man auf die For­ma­li­tä­ten des Ei­des nur ge­rin­gen Wert. Je­den­falls wuß­te man nach 1815 nicht mehr, ob die jü­di­schen Sol­da­ten über­haupt ver­ei­digt wor­den waren. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 105 )

Hin­zu ka­men die Pro­ble­me der Be­wäl­ti­gung viel­schich­ti­ger Schwie­rig­kei­ten, die sich aus dem Ge­biets­zu­wachs für Preu­ßen nach 1815 er­ga­ben. Im Er­geb­nis des Wie­ner Kon­gres­ses er­hielt das preu­ßi­sche Kö­nig­reich die Pro­vinz Schwe­disch-Pom­mern, den nörd­li­chen Teil des säch­si­schen Kö­nig­rei­ches, die Pro­vinz West­fa­len, die Rhein­pro­vinz und die ehe­ma­li­ge Pro­vinz Posen .

In al­len Neu­zu­gän­gen herrsch­ten un­ter­schied­li­che Ge­set­ze, die sich auch im Ver­hält­nis zu den Ju­den wi­der­spie­gel­ten. Das be­traf auch Ei­des­for­meln für Sol­da­ten all­ge­mein und für jü­di­sche im Be­son­de­ren. Zu be­ach­ten ist hier der Um­stand, dass in den neu­en Ge­bie­ten die Re­geln des Edikts von 1812 ent­ge­gen ur­sprüng­li­chen Ab­sich­ten nicht ein­ge­führt wor­den sind.
(Vergl. »Be­trach­tun­gen über die Ver­hält­nis­se der jü­di­schen Un­tertha­nen der preu­ßi­schen Mon­ar­chie«, Hg. G. Ries­ser, Al­to­na, 1834) 

In den Pro­vin­zen Bran­den­burg, Pom­mern, Schle­si­en so­wie Ost- und West­preu­ßen galt das al­te Edikt. Die preu­ßi­sche Re­gie­rung tat sich da­her vie­le Jah­re schwer in dem Be­mü­hen, die un­kla­re Rechts­la­ge zu lö­sen. Wie wir im Ver­lau­fe un­se­rer Dar­stel­lung be­reits fest­ge­stellt ha­ben, brach die in den Be­frei­ungs­krie­gen ge­wach­se­ne Ein­heit zwi­schen Mon­ar­chie und Volk nach 1815 sehr schnell wie­der aus­ein­an­der. In den Stru­del der Kon­flik­te ge­riet auch der Fah­nen­eid, der

»(…) da­mit zum Sym­bol der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den li­be­ra­len und re­stau­ra­ti­ven Kräf­ten um die Grund­ent­schei­dung über das Ver­hält­nis von po­li­ti­scher und ge­sell­schaft­li­cher Ver­fas­sung. (…)« wur­de.
(Vergl. »Der Fah­nen­eid« Die Ge­schich­te der Schwur­ver­pflich­tung im deut­schen Mi­li­tär, Sven Lan­ge, Edi­ti­on Tem­me, 2002, S. 48 und Schie­der, Der Fah­nen­eid als po­li­ti­sches Pro­blem, S. 23)

In den preu­ßi­schen Be­hör­den, na­ment­lich im Kriegs­mi­nis­te­ri­um, scheu­te man sich, ei­ne ent­spre­chen­de For­mel für ei­nen Fah­nen­eid vor­zu­le­gen, der die Be­son­der­hei­ten des Ju­den­tums be­rück­sich­tig­te. Der kar­di­na­le Streit­punkt wa­ren die re­li­giö­sen Fra­gen. Die christ­li­chen Sol­da­ten schwo­ren auf die Bi­bel mit dem Zu­satz am En­de des Ei­des »So wahr mir Gott hel­fe durch Jes­um Chris­tum.«

Wie aber soll­te das für den jü­di­schen Sol­da­ten klin­gen? Soll­te der jü­di­sche Sol­dat die Hand auf die he­bräi­sche Bi­bel le­gen? Fra­gen, die die preu­ßi­schen Be­hör­den be­weg­te, aber auch die jü­di­sche Geist­lich­keit. Re­geln wa­ren zwin­gend not­wen­dig, da in ver­schie­de­nen jü­di­schen Ge­mein­den selt­sa­me Ver­fah­rens­wei­sen üb­lich waren.

»(…) In Ost­preu­ßen rich­te­te aber wei­ter­hin ein jü­di­scher Be­am­ter ei­ne be­son­de­re Er­mah­nung an den Schwö­ren­den, in der er ihm an­droh­te, er wer­de im Fal­le des Eid­bru­ches »vom Teu­fel ge­holt« und ste­hen­den Fu­ßes vom »Don­ner­wet­ter er­schla­gen wer­den«. (…)« 
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 105 )

Das rief den Wi­der­stand des Vor­kämp­fers der jü­di­schen Eman­zi­pa­ti­on, Da­vid Fried­län­der (*1750, †1834), her­vor, der ei­ne ein­fa­che Ei­des­for­mel vorschlug.

»(…) In ei­nem um­fang­rei­chen Gut­ach­ten üb­te Da­vid Fried­län­der an die­ser Pra­xis schar­fe Kri­tik. Er ver­warf schlecht­hin al­le bis­her be­ob­ach­te­ten Ze­re­mo­nien und Kaute­len [Ab­leis­tung des Ei­des in der Syn­ago­ge, An­we­sen­heit von Ge­lehr­ten und Zeu­gen, das Hän­de­wa­schen und die Ei­des­for­mel]. (…)« (Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 105 bis 106)

Die Vor­schlä­ge Fried­län­ders fan­den je­doch in der preu­ßi­schen Bü­ro­kra­tie kei­nen wirk­li­chen Wi­der­hall. Schlim­mer noch:

»(…) Es wur­de im Ge­gen­teil neu ein­ge­führt, dem Schwö­ren­den ei­ne Ta­fel mit den he­bräi­schen Buch­sta­ben des Wor­tes “Ja­we” vorzuhalten. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 106)

Boy­en lehn­te die­se Art des Ei­des ab und schlug vor, le­dig­lich die Wor­te »durch Jes­um Chris­tum« zu strei­chen. Hier hat­te Boy­en er­staun­li­cher­wei­se ge­ra­de bei nam­haf­ten Ju­den Ver­bün­de­te. Im Jahr 1818 reich­te der Ber­li­ner Rab­bi­ner Mey­er Si­mon Weil (∗1744; 1826) ein Gut­ach­ten ein, das sich mit In­halt und Form des Ei­des jü­di­scher Sol­da­ten befasste.

»(…) Auch er hielt im Grun­de ei­nen ein­fa­chen Eid oh­ne je­de For­ma­li­tät und oh­ne Tho­ra nach dem Ge­setz für aus­rei­chend, ge­stand aber die Bei­be­hal­tung der bis­he­ri­gen Übung (das An­fas­sen der Tho­ra bzw. Tphi­lim) zu. Als ei­ne Vor­sor­ge­maß­nah­me für den »ge­mei­nen Hau­fen« schlug er vor, der Schwur­for­mel ei­ne spe­zi­el­le Er­mah­nung durch den Rab­bi­ner vor­aus­ge­hen zu las­sen, de­ren Text er eben­falls einreichte. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 108 bis 109)

Jü­di­scher Gebetsriemen
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Der Rab­bi­ner Weil räum­te in sei­nem Gut­ach­ten ein, dass we­gen der Wah­rung der Mo­ral und des Ge­set­zes zu be­ach­ten sei, dass der »ge­mei­ne Hau­fen« von Pflicht, Ge­setz und Re­li­gi­on nicht im­mer die wah­ren Be­grif­fe hat. Weil schlug da­her un­ter dem 1. Au­gust 1818 ei­ne Er­mah­nungs­for­mel vor, die wir im Fah­nen­eid für jü­di­sche Sol­da­ten wie­der­fin­den. Der Kö­nig von Preu­ßen er­ließ dar­auf­hin am 30. Ok­to­ber 1819 – nach ei­nem Jahr der Be­gut­ach­tung – die dem­entspre­chen­de Ka­bi­netts­or­der an den Kriegs­mi­nis­ter Boyen.
In der K. O. le­sen wir fol­gen­de vor­an­ge­stell­te Prä­am­bel für den all­ge­mei­nen Fahneneid:

»(…) Ich N. N. schwö­re, oh­ne die min­des­te Hin­ter­list und Ne­ben­ge­dan­ken, auch nicht nach mei­nem et­wai­gen dar­in lie­gen­den Sinn und Aus­le­gung der Wor­te, son­dern nach dem Sinn des All­mäch­ti­gen und des­sen Ge­salb­ten, un­sers theu­ren Kö­nigs, bei dem Na­men des hei­li­gen all­mäch­ti­gen Got­tes, daß ich Sr. Ma­jes­tät dem Kö­ni­ge von Preu­ßen etc. etc. (…)«
(Vergl. »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 102)

Der nach­fol­gen­de Teil des Ei­des war im glei­chen Wort­laut zu schwö­ren wie durch al­le an­de­ren Sol­da­ten christ­li­chen Glau­bens. Le­dig­lich »Jes­um Chris­tum«, wie von Boy­en vor­ge­schla­gen, ent­fiel und schloss mit »So wahr mir Gott helfe«. 


Eid 1813
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Noch kurz vor sei­ner Ent­las­sung setz­te Kriegs­mi­nis­ter Boy­en die Ei­des­for­mel am 1. De­zem­ber 1819 in Kraft. Mit den vor­an­ge­stell­ten Sät­zen des Schwu­res wur­de das gan­ze Miss­trau­en und die Zwei­fel an der mo­ra­li­schen Zu­ver­läs­sig­keit jü­di­scher Sol­da­ten durch den preu­ßi­schen Staat und sei­ne Mi­li­tär­be­hör­de – hier auch durch den Re­for­mer von Boy­en – of­fen­sicht­lich. Wir er­ken­nen hier ei­ne ge­wis­se Kon­ne­xi­on zwi­schen jü­di­schen Geist­li­chen und preu­ßi­scher Re­gie­rung. Das ist schwer ver­ständ­lich, wenn wir vor­an­ge­gan­ge­ne Schil­de­run­gen des Be­tra­gens jü­di­scher Sol­da­ten in den Be­frei­ungs­krie­gen rekapitulieren.

Dar­über hin­aus ord­ne­te F. W. III. an, dass der »Staats­mi­nis­ter des Kul­tus« vor der ei­gent­li­chen Ver­ei­di­gung ei­ne Vor­be­rei­tung zur Ab­leis­tung des Ei­des in ei­ner got­tes­dienst­li­chen Ver­samm­lung zu ver­an­las­sen hät­te. Hier ein Aus­zug des Tex­tes der ge­nann­ten Vorbereitung:

»(…) Das For­mu­lar zur Vor­be­rei­tung zum Ei­de, wel­che in Ver­folg vor­ste­hen­den Cir­cu­lairs sämt­li­chen Trup­pent­hei­len mit­ge­t­heilt wor­den, lau­tet: “Wis­se daß die­ser Eid nach den Aus­sa­gen al­ler Rab­bi­nern eben so hei­lig und bün­dig ist, als wä­re er in der Syn­ago­ge und in Ge­gen­wart der Tho­ra voll­zo­gen wor­den, und nichts kann die Stra­fe des All­mäch­ti­gen ab­wen­den, wenn er ver­letzt wer­de.” […] und die Stra­fe des Him­mels ist un­aus­bleib­lich, wenn die­se Pflich­ten noch bei dem hei­li­gen Na­men Got­tes be­schwo­ren wer­den, und man nach­her mein­ei­dig werde. (…)«
(Vergl. »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 103)

Hier er­ken­nen wir we­sent­li­che Be­stand­tei­le der da­ma­li­gen preu­ßi­schen Re­li­gi­ons­po­li­tik, die maß­geb­lich auch vom Kö­nig F. W. III. be­ein­flusst war.

«(…) Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. fühl­te sich von sei­ner Ju­gend an eng an das Chris­ten­tum ge­bun­den und sprach dies auch in der Öf­fent­lich­keit rück­halt­los aus. […] Er er­kann­te den ab­so­lu­ten Wahr­heits­an­spruch des Chris­ten­tums und sah in ihm den wich­tigs­ten Pfei­ler staat­li­cher Macht, bür­ger­li­cher Ord­nung und mo­ra­li­scher Zu­ver­läs­sig­keit. Ein sol­ches Be­kennt­nis ließ sich in sei­ner Stel­lung ge­wiß nur schwer mit wirk­li­cher Ge­wis­sens­frei­heit für die “an­dern” ver­ein­ba­ren. Es konn­te auch bei ech­tem Wil­len, To­le­ranz zu üben, nicht oh­ne er­heb­li­chen Ein­fluß auf die Hal­tung ge­gen­über den Ju­den bleiben. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr Tü­bin­gen, 1968, S. 89 bis 90)

Wie soll­ten da die noch ver­blie­be­nen Re­for­mer, al­len vor­an der »noch« Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en und die in ei­ner »War­te­schlei­fe« ver­har­ren­den Män­ner, Gnei­sen­au und Clau­se­witz in ir­gend­ei­ner Art Ein­fluss neh­men? Schwer vor­stell­bar. Ob­gleich für die­se al­ten Sol­da­ten vor al­lem Fra­gen der Mo­ral, des Ver­trau­ens und der Zu­ver­läs­sig­keit, die bei Ju­den in Zwei­fel ge­zo­gen wa­ren, größ­te Be­deu­tung hat­ten. Im Schrift­tum Clau­se­witz´fin­den wir die Fra­ge nach der Mo­ral und Zu­ver­läs­sig­keit ge­stellt und be­ant­wor­tet. Bei sei­ner Be­ur­tei­lung des mensch­li­chen Geis­tes im Krieg schluss­fol­gert er in »Vom Kriege«:

»(…) Die Kriegs­kunst hat es mit le­ben­di­gen und mo­ra­li­schen Kräf­ten zu tun, dar­aus folgt, daß sie nir­gends das Ab­so­lu­te und Ge­wis­se er­rei­chen kann; es bleibt al­so über­all dem Un­ge­fähr ein Spiel­raum, und zwar eben­so groß bei den Größ­ten wie bei den Kleins­ten. Wie die­ses Un­ge­fähr auf der ei­nen Sei­te steht, muß Mut und Selbst­ver­trau­en auf die an­de­re tre­ten und die Lü­cke aus­fül­len. So groß wie die­se sind, so groß darf der Spiel­raum für je­nes wer­den. Mut und Selbst­ver­trau­en sind al­so dem Krie­ger ganz we­sent­li­che Prinzipe. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957,1. Buch, Kap. 1, 22, S. 32)

Hier räumt Clau­se­witz mög­li­che Frik­tio­nen im Han­deln des Men­schen im Krie­ge ein. Die Rol­le des Fah­nen­ei­des an sich zu die­ser Zeit stell­te ei­ne Treue­ver­pflich­tung des «sol­dat ci­toy­en», des Bür­ger­sol­da­ten dar, die so­mit ei­ne staats­bür­ger­li­che Ver­pflich­tung ge­gen­über Staat und Mon­arch be­inhal­te­te. Hier war es al­so not­wen­dig, den Sol­da­ten auf sei­nen Dienst vor­zu­be­rei­ten, un­ab­hän­gig von sei­ner Kon­fes­si­on. Das schien aber ge­gen­über den Ju­den trotz al­ler vor­wie­gend po­si­ti­ven Er­fah­run­gen be­son­ders ex­pli­zit ge­ge­ben. So wie wir bis­her er­ken­nen kön­nen, deu­tet al­les dar­auf hin, dass die Re­for­mer ein­schließ­lich Clau­se­witz die Re­li­gi­ons­po­li­tik des Kö­nigs und da­mit auch die Ei­des­for­mel samt da­zu­ge­hö­ri­ger Vor­be­rei­tung rezipierten.

Dass hier im Eid und in der Vor­be­rei­tung mo­ra­li­scher Druck auf den jü­di­schen Sol­da­ten aus­ge­übt wur­de, über­rascht nicht. Denn trotz des bis 1815 an­er­kann­ten gu­ten Diens­tes, den sie nach­weis­lich leis­te­ten, wur­den im­mer wie­der we­sent­li­che Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­te der Ju­den in Zwei­fel ge­zo­gen. Chris­ti­an Wil­helm Dohm (∗1751; 1820)  schil­dert in sei­nem Werk »Ue­ber die bür­ger­li­che Ver­bes­se­rung der Ju­den« von 1781, un­ter­stell­te ne­ga­ti­ve Ei­gen­schaf­ten des jü­di­schen Cha­rak­ters, die stän­dig durch­aus po­si­ti­ven ge­gen­über stünden:

»(…) die über­trieb­ne Nei­gung der Na­ti­on zu je­der Art von Ge­winn, ih­re Lie­be zum Wu­cher, zu be­trü­ge­ri­schen Vortheilen (…)«
( Vergl. »Über die bür­ger­li­che Ver­bes­se­rung der Ju­den«, C. W. Dohm, 1781, Bd. 1 , S. 96, in »Der Ju­den­eid im 19. Jahr­hun­dert vor­nehm­lich in Preu­ßen«, Hg. Th. Vormbaum, BWV, 2006, S. 15 bis 16 )

Dohm fügt je­doch so­gleich hin­zu, die­se Ver­ge­hun­gen sei­en:

»(…) nicht ei­g­en­thüm­li­che Mo­di­fi­ca­tio­nen des jü­di­schen Na­tio­nal­cha­rak­ters, son­dern blos der drü­cken­den La­ge, in der sich die Ju­den izt be­fin­den, bey­zu­mes­sen, und zum Theil Fol­gen des Ge­wer­bes, auf das man sie al­lein ein­ge­schränkt (ha­be) (…)«(Dohm aus Verbesserungen)
(Vergl. »Der Ju­den­eid im 19. Jahr­hun­dert vor­nehm­lich in Preu­ßen«, Hg. Th. Vormbaum, BWV, 2006, S. 15 bis 16)

Dohm un­ter­streicht in sei­nem Werk be­son­de­re Vor­zü­ge, die Ju­den von al­ters her aus­zeich­ne­ten. So führ­te er die An­häng­lich­keit an den ur­alten Glau­ben ih­rer Vä­ter an, der dem Cha­rak­ter der Ju­den Fes­tig­keit und Mo­ra­li­tät ver­lei­hen wür­de. Sich dar­auf zu be­ru­fen, spie­gelt sich auch im oben er­wähn­ten For­mu­lar des Ei­des und des­sen Vor­be­rei­tung wi­der. Deut­lich be­zie­hen sich preu­ßi­sche Be­am­te und de­ren jü­di­sche Zu­ar­bei­ter, den Text be­tref­fend, hier auf die Un­ter­schie­de zwi­schen dem »Al­ten und Neu­en Testament«. 

Das Al­te Tes­ta­ment ent­spricht dem Te­n­ach, der jü­di­schen Bi­bel, in der Gott stra­fend er­scheint, wäh­rend das Neue Tes­ta­ment die Gna­de Got­tes ge­gen­über Sün­dern zeigt. So­mit nimmt die Straf­an­dro­hung in Er­war­tung der Ver­feh­lung in der Ei­des­for­mel der Ju­den ei­nen si­gni­fi­kan­ten Raum ein.

Für christ­li­che Sol­da­ten er­schien das nicht not­wen­dig, und man be­schränk­te sich le­dig­lich auf den Ver­weis, die Kriegs­ar­ti­kel (sie­he An­la­ge 1) zu be­fol­gen und sich so zu be­tra­gen, wie es ei­nem recht­schaf­fe­nen, un­ver­zag­ten, pflicht- und ehr­lie­ben­den Sol­da­ten ge­ziemt. Die Kriegs­ar­ti­kel hat­ten für den Sol­da­ten die Be­deu­tung ei­nes Militärstrafgesetzbuches.
(Vergl. »Der Fah­nen­eid«, Die Ge­schich­te der Schwur­ver­pflich­tung im deut­schen Mi­li­tär, Sven Lan­ge, Edi­ti­on Tem­me, 2002, S. 70)

Das al­te Testament
Quel­le: FAZ

Zu er­wäh­nen wä­re noch, dass in den preu­ßi­schen Kern­pro­vin­zen auch an­de­re Glau­bens­ge­mein­schaf­ten wie die Men­no­ni­ten und Ka­tho­li­ken ge­son­dert be­han­delt wor­den sind. Die Sol­da­ten aus der Pro­vinz Po­sen, die mehr­heit­lich pol­nisch spra­chen, schwo­ren in ih­rer Mut­ter­spra­che. In al­len Fäl­len wa­ren in Vor­be­rei­tung und Ab­leis­tung des Ei­des bei jü­di­schen Sol­da­ten mi­li­tä­ri­sche Vor­ge­setz­te und Rab­bi­ner an­we­send. So wies der Bri­ga­de­kom­man­deur Ge­ne­ral­ma­jor Lud­wig Gus­tav von Thie­le (∗1781; 1852) , der kein Be­für­wor­ter der Ju­den­eman­zi­pa­ti­on war, die Ber­li­ner Re­gi­men­ter am 5. Au­gust 1820 an:

»(…) zu je­der sol­chen Ver­ei­di­gung ei­nen Of­fi­zier oder Un­ter­of­fi­zier, wenn kein Of­fi­zier da­zu dis­po­ni­bel sein soll­te, als Zeu­gen zu kom­man­die­ren, so daß es kei­nes At­tes­tes des Rab­bi­ners über die rich­tig ab­ge­hal­te­ne Vor­be­rei­tung bedürfe. (…)«
(Vergl. »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 103)

Die Ver­ei­di­gung des jü­di­schen me­di­zi­ni­schen Per­so­nals des preu­ßi­sche Hee­res war noch um ei­ni­ges dif­fi­zi­ler (sie­he An­la­ge 2). Die­ses hier dar­zu­stel­len wür­de den Rah­men un­se­rer Ar­beit spren­gen. Aber das Miss­trau­en ge­gen­über jü­di­schen Ärz­ten muss be­son­ders groß ge­we­sen sein!? Da­her griff man nicht ein­fach auf den Text des Bu­ches As­saf (An­ti­ker med. Ver­hal­tens­ko­dex für jü­di­sche Ärz­te aus dem 5. Jhd. n. Chr.) zu­rück, der prak­tisch dem Eid des Hip­po­kra­kes gleich­zu­set­zen war, son­dern schuf ei­ge­ne re­strik­ti­ve For­mu­lie­run­gen. Wenn­gleich des Kö­nigs Wor­te im »Or­tels­bur­ger Pu­bli­can­dum« von 1806, die preu­ßi­schen Chir­ur­gi be­tref­fend – wir ver­wie­sen be­reits dar­auf – eben­falls an Deut­lich­keit nichts ver­mis­sen lassen.
(Vergl. da­zu »Die frü­he­ren und ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se der Ju­den in den sämt­li­chen Lan­des­tei­len des Preu­ßi­schen Staa­tes«, Hg. Rön­ne & Si­mon, Bres­lau, G. P. Ader­holz, 1843, S. 103 bis 104)« )

Nach 1819 gab es im­mer wie­der Ver­su­che von jü­di­scher Sei­te, das Pro­ce­de­re des Ei­des für Ju­den zu ver­än­dern. Na­ment­lich Fried­län­der ver­such­te mehr­fach er­folg­los, Än­de­run­gen zu erwirken.

»(…) Er be­klag­te, daß die an­ge­nom­me­ne For­mel Zwei­fel an der mo­ra­li­schen Zu­ver­läs­sig­keit und Lau­ter­keit des Schwö­ren­den her­vor­ru­fen müs­se. Sie sei da­her nicht nur »un­kräf­tig und zweck­wid­rig«, son­dern auch »schäd­lich«. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr, Tü­bin­gen, 1968, S. 110)

Ei­ne Re­vi­si­on des »Ju­den­ei­des« ge­lang bis in den Vor­märz (Epo­che der deut­schen Ge­schich­te zwi­schen der Ju­li­re­vo­lu­ti­on von 1830 und der März­re­vo­lu­ti­on von 1848) nicht mehr. 

»(…) Jü­di­sche und pro­tes­tan­ti­sche Or­tho­do­xi hat­ten zu­sam­men­ge­wirkt, um die tra­di­tio­nel­len Auf­fas­sun­gen über den jü­di­schen Eid zu sanktionieren. (…)«
(Vergl. »Ju­den­tum, Staat und Heer in Preu­ßen im frü­hen 19. Jahr­hun­dert«, Hg. H. Fi­scher, J. C. B. Mohr, Tü­bin­gen, 1968, S. 110)

Bei al­lem, was wir heu­te wis­sen, wä­re es un­ter Mit­wir­kung der in »De­ckung« ge­gan­ge­nen Re­for­mer um Clau­se­witz wahr­schein­lich mög­lich ge­we­sen, das Pro­blem »Ju­den­eid« zu lö­sen. Das Ver­ständ­nis über die ent­schei­den­de Rol­le der Mo­ral des Sol­da­ten im Krie­ge, hier des jü­di­schen, war bei den Prot­ago­nis­ten der Re­for­men in Preu­ßen vor­han­den. So aber war hier durch de­ren »Schwei­gen« be­reits ein Grund­stein des Schei­terns der Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den in Preu­ßen und so­mit auch in Deutsch­land ge­legt. Hier be­gann wo­mög­lich der Irr­weg in der Ent­wick­lung Preußens.
Fried­rich Mein­ecke (∗ 1862; 1954) –  ein alt­mär­ki­scher His­to­ri­ker – schil­der­te die­sen Zu­sam­men­hang folgendermaßen:

»(…) Ei­ne volks­tüm­li­che Hee­res­ver­fas­sung, wie sie der Kriegs­mi­nis­ter von Boy­en von 1814 – 1819 einst er­streb­te, wä­re wohl mög­lich ge­we­sen und hät­te sich auch auf dem Schlacht­feld be­wäh­ren kön­nen. Hier se­he ich al­so ei­nen wirk­li­chen Irr­weg un­se­rer Entwicklung.(…)«
(Vergl. Fried­rich Mein­ecke, » Zur Theo­rie und Phi­lo­so­phie der Ge­schich­te«, Hg. E. Kes­sel, K.F. Ko­eh­ler Ver­lag, 1965, S. 207)

Die Ver­ei­di­gung der jü­di­schen Sol­da­ten und Me­di­zi­ner war zwei­fels­oh­ne ein we­sent­li­cher Be­stand­teil der an­ge­streb­ten neu­en Ver­fas­sung des Hee­res nach 1815.

Hier noch ein­mal Clau­se­witz zur Rol­le mo­ra­li­scher Größen:

»(…) Noch ein­mal müs­sen wir auf die­sen Ge­gen­stand zu­rück­kom­men, den wir im drit­ten Ka­pi­tel des zwei­ten Bu­ches be­rührt ha­ben, weil die mo­ra­li­schen Grö­ßen zu den wich­tigs­ten Ge­gen­stän­den des Krie­ges ge­hö­ren. Es sind die Geis­ter, wel­che das gan­ze Ele­ment des Krie­ges durch­drin­gen, und die sich an den Wil­len, der die gan­ze Mas­se der Kräf­te in Be­we­gung setzt und lei­tet, frü­her und mit stär­ke­rer Af­fi­ni­tät an­schlie­ßen, gleich­sam mit ihm in eins zu­sam­men­rin­nen, weil er selbst ei­ne mo­ra­li­sche Grö­ße ist. Lei­der su­chen sie sich al­ler Bü­cher­weis­heit zu ent­zie­hen, weil sie sich we­der in Zah­len noch in Klas­sen brin­gen las­sen und ge­se­hen oder emp­fun­den sein wollen. (…)«
(Vergl. »Vom Krie­ge«, Carl von Clau­se­witz, Ver­lag des MfNV, Ber­lin 1957, 3. Buch, Kap. 3, S. 165)

Un­ge­ach­tet des­sen ha­ben jü­di­sche Sol­da­ten in den nach­fol­gen­den Krie­gen 1864/66, 1870/71 und 1914 bis 1918 ih­ren Eid er­füllt und über­wie­gend tap­fer ge­kämpft. Ei­ne ech­te Wert­schät­zung des Deut­schen Vol­kes war ih­nen je­doch bis in die jüngs­te Ver­gan­gen­heit nie zu­teil­ge­wor­den. Im Ge­gen­teil, vie­le Trä­ger des Ei­ser­nen Kreu­zes aus WK I wur­den durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in der »Shoa« li­qui­diert. Wir er­in­ner­ten be­reits an den Trä­ger des EK I im 1. Welt­krieg, Ju­li­us Phil­ipp­son, der im Jahr 1943 in Ausch­witz er­mor­det wurde.

Fort­set­zung Teil XVIII

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