Emanzipation der Juden in Preußen. … und Clausewitz? Teil XI

Die pa­trio­ti­sche Stim­mung im Jahr 1813 er­fass­te vie­le Ju­den in Preu­ßen, die nun zur Fah­ne eil­ten. Sie dach­ten, dass ih­re Sa­che zum Durch­bruch ge­langt war. Ge­mäß des § 16 des wei­ter oben ge­schil­der­ten »Eman­zi­pa­ti­ons­edikts« heg­te nie­mand mehr Zwei­fel an der Mi­li­tär­pflicht preu­ßi­scher Ju­den. Dar­in hieß es:

»(…) Der Mi­li­ta­ir-Kon­scrip­ti­on oder Kan­tons­pflich­tig und den da­mit in Ver­bin­dung ste­hen­den be­son­de­ren ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten sind die ein­län­di­schen Ju­den gleich­falls un­ter­wor­fen. Die Art und Wei­se der An­wen­dung die­ser Ver­pflich­tung auf sie wird durch die Ver­ord­nung we­gen der Mi­li­ta­ir – Kon­scrip­ti­on nä­her be­stimmt werden. (…)«
(Vergl. „Preu­ßi­sche Ge­setz­samm­lung 1812″, S. 17 f., Ernst Ru­dolf Hu­ber, Do­ku­men­te zur deut­schen Ver­fas­sungs­ge­schich­te Band 1, Ver­lag Kohl­ham­mer)

Zu den Frei­wil­li­gen ge­hör­te u. a. auch der Dich­ter Fried­rich Ba­ron de la Mot­te-Fo­qué (* 1777; †1843), der sich frei­wil­lig für das Jä­ger­de­tache­ment des Bran­den­bur­gi­schen Kür­as­sier­re­gi­ments mel­de­te. Grund­la­ge da­für bot die »Ver­ord­nung über die Auf­stel­lung frei­wil­li­ger Jä­ger­ver­bän­de« vom 03.02.1813. Dar­in war ge­re­gelt, dass sich die Frei­wil­li­gen selbst klei­den, be­waff­nen und be­rit­ten ma­chen konn­ten. Dar­über hin­aus stell­te F. W. III. den Frei­wil­li­gen ein be­ruf­li­ches Fort­kom­men in Aussicht.

Fried­rich Ba­ron de la Motte-Foqué
Quel­le: Wikipedia

Im Ju­li 1813 schreibt de la Mot­te-Fo­qué, ei­ner al­ta­d­li­gen fran­zö­si­schen Hu­ge­not­ten­fa­mi­lie aus Bran­den­burg an der Ha­vel ent­stam­mend, an sei­nen jü­di­schen Freund und Ver­le­ger Ju­li­us Edu­ard Hit­zig (ur­sprüng­lich Isaac Eli­as It­zig):

»(…) Du hast in den Zei­tun­gen, mein theu­rer Freund, den Auf­ruf un­se­res lie­ben Kö­nigs ge­le­sen, und ge­wiß auch ge­wußt, was ich thun wür­de: So ist es denn! In zehn bis zwölf Ta­gen längs­tens, so­bald ich nur uni­for­miert und be­rit­ten bin – an den Waf­fen weißt du, ist be­reits ein gu­ter Vor­rat da – ge­he ich nach Breslau. (…)«
(Vergl. »Mot­te-Fou­qué, Fried­rich Ba­ron de la: Ge­dich­te vor und wäh­rend dem Krie­ge«, Als Ma­nu­skript für Freun­de, 2. Auf­la­ge, Ber­lin 1814)

De la Mot­te-Fou­qué kämpf­te in den Be­frei­ungs­krie­gen, war Teil­neh­mer der Völ­ker­schlacht bei Leip­zig und ging 1815 als Ma­jor vom preu­ßi­schen Heer ab.

Wir ken­nen des Ba­rons Lied aus der Schul­zeit: »Frisch auf, zum fröh­li­chen Ja­gen, // Es ist nun an der Zeit;«
Kriegs­lied für die frei­wil­li­gen Jä­ger, 1813 (Quel­le: https://berühmte-zitate.de/zitate/2010625-friedrich-de-la-motte-fouque-frisch-auf-zum-frohlichen-jagen-es-ist-nun-an/)

Ei­ne Ka­bi­netts­or­der vom 9. Fe­bru­ar 1813 hob sämt­li­che Aus­nah­men von der Dienst­pflicht im Heer auf. Der jü­di­sche Mag­de­bur­ger Prof. Dr. Mar­tin Phil­ipp­son (∗1846; 1916), der als Frei­wil­li­ger im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870/71 kämpf­te, ver­fass­te den Auf­satz »Der An­teil der jü­di­schen Frei­wil­li­gen an dem Be­frei­ungs­krieg 1813 und 1814«. In der Schrift »Die jü­di­schen Frei­wil­li­gen im preu­ßi­schen Hee­re wäh­rend der Be­frei­ungs­krie­ge 1813/1814« schil­dert er Bei­spie­le, wie trotz Ka­bi­nets-Or­der des Kö­nigs die Auf­nah­me jü­di­scher Män­ner mit Pro­ble­men be­haf­tet war. 

»(…) Erst die Ka­bi­netts­or­der vom 9. Fe­bru­ar 1813 hob sämt­li­che Aus­nah­men von der Dienst­pflicht im Hee­re auf. Trotz­dem er­schien es selbst hoch­ste­hen­den Be­am­ten ganz selt­sam, daß auch die Ju­den mit die­ser Vor­schrift ge­meint sei­en. Noch am 1. April 1813 — al­so sie­ben Wo­chen nach der letzt­er­wähn­ten Ka­bi­netts­ord­re — trug der Staats­rat Le­coq bei der kur­mär­ki­schen Re­gie­rung an, „ob nicht die Jüng­li­che des jü­di­schen Glau­bens von sieb­zehn bis vier­und­zwan­zig Jah­ren mit zur Re­kru­tie­rung ge­zo­gen wer­den können?“ (…)«
(»Im Deut­schen Reich«, Zeit­schrift des Zen­tral­ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens, XII. Jahrg. Ber­lin, Prof. Dr. Mar­tin Phil­ipp­son, Juli/August 1906 Nr. 7/8, S. 408)

Phil­ipp­son er­wähnt die her­aus­ra­gen­de his­to­ri­sche Be­deu­tung die­ser Er­schei­nung des Jah­res 1813. Er ver­weist dar­auf, dass seit mehr als ein Jahr­tau­send Ju­den nicht mehr ge­dient hat­ten. Nicht oh­ne Stolz schreibt er:

»(…) Un­ter sol­chen Um­stän­den ist es höch­lichst an­er­ken­nens­wert, daß Hun­der­te von „Jüng­lin­gen des jü­di­schen Glau­bens“ Aus­he­bun­gen und Zwang nicht ab­war­te­ten, son­dern frei­wil­lig auf den ers­ten Ruf des Kö­nigs und Va­ter­lan­des zu den Waf­fen eilten. (…)«
(»Im Deut­schen Reich«, Zeit­schrift des Zen­tral­ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens, XII. Jahrg. Ber­lin, Prof. Dr. Mar­tin Phil­ipp­son, Juli/August 1906 Nr. 7/8, S. 409) 

Nach­fol­gend le­sen wir noch die Be­mer­kung, dass vor­ran­gig die Söh­ne der wohl­ha­ben­den jü­di­schen Fa­mi­li­en frei­wil­lig vor­an­gin­gen und mit Aus­dau­er und Treue wie die an­de­ren Staats­bür­ger »foch­ten und blu­te­ten«.

Aus­zug der Frei­wil­li­gen aus Bres­lau, Li­tho­gra­phie von Adolph von Men­zel, 1836, wel­che die Stim­mung des Jah­res 1813 einfängt.
Aus: N. Con­rads, Hg.: Schle­si­en. Deut­sche Ge­schich­te im Os­ten Eu­ro­pas, Ber­lin 1994, S. 476)

Phil­ipp­son schil­dert auch den gro­ßen An­teil und die Mü­hen der jü­di­schen Ge­mein­schaf­ten, sich für das nun­meh­ri­ge Va­ter­land ein­zu­brin­gen. An die­ser Stel­le wird Staats­kanz­ler Fürst Har­den­berg zi­tiert, der am 4. Ja­nu­ar 1815 schrieb:

»(…) Auch hat die Ge­schich­te un­se­res letz­ten Krie­ges wi­der Frank­reich be­reits er­wie­sen, daß die Ju­den des Staa­tes, der sie in sei­nen Schoß auf­ge­nom­men, durch treue An­häng­lich­keit wür­dig ge­wor­den. Die jun­gen Män­ner jü­di­schen Glau­bens sind die Waf­fen­ge­fähr­ten ih­rer christ­li­chen Mit­bür­ger ge­worden, und wir ha­ben auch un­ter ih­nen Bei­spie­le des wah­ren Hel­den­muts und der rühm­li­chen Ver­ach­tung der Kriegs­ge­fah­ren auf­zu­wei­sen, so­wie die üb­ri­gen jü­di­schen Ein­woh­ner, na­ment­lich auch die Frau­en, in Auf­op­fe­rung je­der Art den letz­te­ren sich an­ge­schlos­sen haben. (…)«
(»Im Deut­schen Reich«, Zeit­schrift des Zen­tral­ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens, XII. Jahrg. Ber­lin, Prof. Dr. Mar­tin Phil­ipp­son, Juli/August 1906 Nr.7/8, S. 411) 

Wei­ter zi­tiert Phil­ipp­son Ra­hel Varn­ha­gen von En­se. Die be­rühm­te Sa­lon­niè­re jü­di­scher Her­kunft schrieb am 20. April 1813:

»(…) Die Ju­den ge­ben al­les, was sie nur besitzen. (…)«
(»Im Deut­schen Reich«, Zeit­schrift des Zen­tral­ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens, XII. Jahrg. Ber­lin, Prof. Dr. Mar­tin Phil­ipp­son, Juli/August 1906 Nr.7/8, S. 411) 

Nach­fol­gend le­sen wir von er­heb­li­chen Geld­spen­den jü­di­scher Kauf­leu­te. Auch von be­mer­kens­wer­ten Frauen.

»(…) Frau Ban­kier Beer er­hielt für ih­re Ver­diens­te um die Pfle­ge der Ver­wun­de­ten den Loui­sen­or­den, wo­bei ihr der Kö­nig, um der Jü­din kein Kreuz zu ge­ben die­ses durch ei­ne Me­dail­le ersetzte. (…)«
(»Im Deut­schen Reich«, Zeit­schrift des Zen­tral­ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens, XII. Jahrg. Ber­lin, Prof. Dr. Mar­tin Phil­ipp­son, Juli/August 1906 Nr.7/8, S. 411) 

Wir be­ach­ten hier die Hal­tung des preu­ßi­schen Mon­ar­chen zu sei­nen neu­en Staats­bür­gern, die je­doch nur tem­po­rär war.

In der wei­te­ren Auf­zäh­lung wer­den ei­ni­ge jü­di­sche Frau­en und Män­ner er­wähnt, die für ih­ren Ein­satz durch S. M. F. W. III. hoch de­ko­riert wor­den sind.

An die­ser Stel­le wol­len wir noch mit ei­nem Zi­tat aus dem Auf­satz Phil­ipp­sons be­son­de­re jü­di­sche Men­schen aus der Zeit der Be­frei­ungs­krie­ge darstellen:

»(…) Mit Recht be­merkt al­so der Christ Buch­holz: „Tat­sa­che ist es, daß jü­di­sche Ae­rz­te und Wund­ärz­te ihr Le­ben den Ge­fah­ren der Hos­pi­tä­ler aus­setz­ten und als hei­li­ge Op­fer fie­len. Tat­sa­che ist es, daß jü­di­sche Frau­en und Mäd­chen kei­ne An­stren­gun­gen, kei­ne Ge­fah­ren scheu­ten, um den Ver­wun­de­ten Trost und Hil­fe an­ge­dei­hen zu las­sen. Tat­sa­che ist es end­lich, daß al­le is­rae­li­ti­schen Bür­ger durch die zahl­reichs­ten frei­wil­li­gen Geld­op­fer Be­wei­se der An­häng­lich­keit an Kö­nig und Va­ter­land gaben.“〈…〉«
(»Im Deut­schen Reich«, Zeit­schrift des Zen­tral­ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens, XII. Jahrg. Ber­lin, Prof. Dr. Mar­tin Phil­ipp­son, Juli/August 1906, Nr.7/8, S. 412) 

Preu­ßi­sche Mi­li­tär­ärz­te folg­ten mit ih­ren Hel­fern den kämp­fen­den Li­ni­en mit »flie­gen­den Am­bu­lan­zen« und ver­sorg­ten Ver­wun­de­te trotz Ein­wir­kung des Feu­ers der Mus­ke­ten und der Ar­til­le­rie des Geg­ners. Ge­riet ein Ba­tail­lon un­ter An­griff geg­ne­ri­scher Ka­val­le­rie, ope­rier­ten die Ärz­te in­mit­ten des ge­bil­de­ten Qua­rees. Sie hat­ten durch den fran­zö­si­schen Mi­li­tär­arzt Do­mi­ni­que Jean Lar­rey ge­hört, dass es wich­tig war, zu­erst Blu­tun­gen zu stil­len und über­nah­men das Sys­tem der Tria­ge. Ärz­te und Hel­fer star­ben auch in den La­za­ret­ten an Fleck­fie­ber, Ty­phus, Läu­se­fie­ber und an­de­ren Krank­hei­ten, die un­ter den Ver­wun­de­ten gras­sier­ten. Auch die preu­ßi­schen Chir­ur­gi muss­ten aus der Nie­der­la­ge von 1806 ler­nen. Im »Or­tels­bur­ger Pu­bli­can­dum«* des Kö­nigs vom 1.12.1806 stand geschrieben:

»(…) Um aber ähn­li­che Pflicht-Ver­ges­sen­hei­ten für die Zu­kunft vor­zu­beu­gen ha­ben Sei­ne Kö­nigl. Ma­jes­tät fol­gen­de Be­schlüs­se ge­fasst: […] 5. Die Re­gi­ments- und Com­pangnie-Chir­ur­gen müs­sen sich am Ta­ge des Ge­fechts in der Nä­he ih­rer Corps auf­hal­ten, und mit al­lem Nö­thi­gen ver­se­hen seyn; thun sie ers­te­res nicht, wer­den sie fort­ge­jagt. (…)«
(Vergl. epo​che​-na​po​le​on​.net, *Pu­bli­can­dum we­gen Ab­stel­lung ver­schie­de­ner Miß­bräu­che bei der Armee.)

La­za­rett 1813
Quel­le: Mu­se­um bor​na​.de

Ein wei­te­res be­ein­dru­cken­des Bei­spiel bie­tet hier die Le­bens­ge­schich­te des jü­di­schen Stu­den­ten Me­no Burg (1788 bis 1853) . Burg mel­de­te sich be­reits am 14. Fe­bru­ar 1813, al­so fünf Ta­ge nach dem o. g. Auf­ruf zum Mi­li­tär­dienst. 1818 wur­de er Leh­rer für Ar­til­le­rie-Zeich­nen und Ma­the­ma­tik an der »Ber­li­ner Ar­til­le­rie-In­ge­nieur­schu­le«. 1853 starb er als hoch­de­ko­rier­ter Stabs­of­fi­zier, der sich un­ab­läs­sig zu sei­ner jü­di­schen Her­kunft be­kannt hat­te. An sei­ner Be­er­di­gung sol­len 60.000 Ber­li­ner An­teil ge­nom­men ha­ben. Er war Au­tor des zwei­tei­li­gen Bu­ches »Die geo­me­tri­sche Zei­chen­kunst«, wel­ches sich mit dem Ar­til­le­rie­we­sen der da­ma­li­gen Zeit befasste.
(Verl. »Ge­schich­te mei­nes Dienst­le­bens«, Hg. Her­mann Si­mon, Hen­t­rich & Hen­t­rich 1998, aus dem Geleitwort)

In sei­nen Er­in­ne­run­gen le­sen wir:
»(…) Am 16. Fe­bru­ar wur­den wir Frei­wil­li­gen mit der Post nach Bres­lau be­för­dert, an­de­re gin­gen nach Col­berg. Wir wa­ren über zwei­hun­dert Jüng­lin­ge, die an die­sem Ta­ge nach Bres­lau ab­reis­ten. Es war rüh­rend und er­he­bend, den Ab­schied die­ser be­geis­ter­ten jun­gen Män­ner vor der Post von ih­ren Vä­tern, Müt­tern, Ge­schwis­tern und Ver­wand­ten mit an­zu­se­hen. Es war groß­ar­tig und herz­er­grei­fend, mit wel­cher Zu­ver­sicht, mit wel­chem Mut und mit wel­chem En­thu­si­as­mus sich die Jüng­li­che den Ar­men ih­rer wei­nen­den An­ge­hö­ri­gen ent­ris­sen und die of­fe­nen Wa­gen be­stie­gen, wie sie als­dann beim Ab­fah­ren die­ses lan­gen Zu­ges, die Müt­zen hoch in die Luft schwin­gend, Preu­ßen, ih­rem teu­ren Va­ter­land, ein Le­be­hoch und den Zu­rück­ge­las­se­nen ein viel­be­deu­ten­des Le­be­wohl zu­rie­fen, und wie wir von die­sen seg­nend ent­las­sen wur­den. – Mei­ne Mut­ter war auch da­bei. – Ach, es war ei­ne gro­ße und mäch­ti­ge Zeit! (…)«
(Verl. »Ge­schich­te mei­nes Dienst­le­bens«“, Hg. Her­mann Si­mon, Hen­t­rich & Hen­t­rich 1998, S. 12)

Die­se Schil­de­rung er­in­nert uns an­schau­lich an das ein­gangs vor­ge­stell­te Bild, wel­ches den Aus­zug der ost­preu­ßi­schen Land­wehr dar­stellt. Auf­schluss­reich auch da­zu ei­ne An­mer­kung in o. g. Bio­gra­phie, die er­läu­tert, war­um un­ser Aa­ron erst zu den Land­wehr­män­nern tritt, nach­dem die­se die Kir­che ver­las­sen, wor­in sie durch ei­nen Pfar­rer ein­ge­seg­net wurden: 
»(…) Auf Be­fehl des Kö­nigs wur­den an ei­nem Tag in Bres­lau al­le jü­di­schen Frei­wil­li­gen, de­ren An­zahl wahr­lich nicht ge­ring war, in die Syn­ago­ge ge­führt, wo nach ei­nem ein­lei­ten­den Got­tes­dienst der dor­ti­ge Rab­bi­ner sie ein­seg­ne­te und fei­er­lich er­mahn­te, ih­re Pflich­ten als Sol­da­ten treu und mit Auf­op­fe­rung zu er­fül­len, sie auf­for­der­te, sich brav zu hal­ten, tap­fer für Kö­nig und Va­ter­land zu strei­ten und ih­ren hei­li­gen Glau­ben fest zu be­wah­ren. Er ent­band sie, nicht kraft sei­nes Am­tes, son­dern kraft der zi­tier­ten Sat­zung der hei­li­gen Schrift, wäh­rend der Dau­er ih­rer Dienst­zeit von al­len Ze­re­mo­ni­al­ge­set­zen, leg­te ih­nen aber ans Herz, täg­lich zwei­mal das Glau­bens­be­kennt­nis der Ju­den „Hö­re Is­ra­el“ usw. zu sagen. (…)«
(Verl. »Ge­schich­te mei­nes Dienst­le­bens«, Hg.. Her­mann Si­mon, Hen­t­rich & Hen­t­rich 1998, s. 16* )

Christ­lich kon­skri­bier­te Män­ner Preu­ßens leg­ten ei­ne Treue­ver­pflich­tung nach der von Stein 1808 ein­ge­führ­ten »For­mul des Sol­da­ten-Ei­des« ab. Nicht sel­ten ge­schah das bei der Land­wehr und den Frei­wil­li­gen in Kir­chen. Auch hier er­folg­te die Ein­bin­dung des Sol­da­ten an den Mon­ar­chen auf Grund sei­ner staats­bür­ger­li­chen Un­ter­ta­nen­pflicht.*** An der Ver­le­sung der »Kriegs­ar­ti­kel« nah­men christ­li­che und jü­di­sche Re­kru­ten ge­schlos­sen teil.

Me­no Burg 1788 bis 1853
Quel­le: Wikipedia 

Der Weg des Ma­jor Burg, Stabs­of­fi­zier jü­di­scher Her­kunft im preu­ßi­schen Heer, war stei­nig und mit Hin­der­nis­sen ge­pflas­tert. Ein Ma­jor von Al­vens­le­ben be­fahl dem Re­kru­ten Burg die Trup­pe zu ver­las­sen, nach­dem die­ser er­fah­ren hat­te, dass Burg Ju­de war. Aber dank der Für­spra­che von Prinz Au­gust von Preu­ßen, dem Carl von Clau­se­witz als Ad­ju­tant dien­te und in die fran­zö­si­sche Ge­fan­gen­schaft be­glei­te­te, wur­de Me­no Burg als Bom­bar­dier re­kru­tiert. Auch im wei­te­ren Dienst stieß der Kriegs­frei­wil­li­ge im­mer wie­der auf Ab­leh­nung und Res­sen­ti­ments. Im­mer wie­der traf er aber auch ver­ständ­nis­vol­le Vor­ge­setz­te, wie eben den Prin­zen Au­gust, dem Burg Hu­ma­ni­tät und re­li­giö­se Un­vor­ein­ge­nom­men­heit be­schei­nig­te. Nach Burgs Mei­nung för­der­te der Prinz sei­ne gan­ze Lauf­bahn als Offizier.
(Verl. »Ge­schich­te mei­nes Dienst­le­bens«, Hg. Her­mann Si­mon, Hen­t­rich & Hen­t­rich 1998, aus dem Geleitwort)

Uns be­geg­ne­ten hier in die­ser Zeit zwei An­ge­hö­ri­ge der preu­ßi­schen Kö­nigs­fa­mi­lie, die zu­min­dest in der Zeit von 1813 bis 1815 for­mal den jü­di­schen Staats­bür­ger an­er­kann­ten. Viel­leicht, weil sie in der Zeit höchs­ter Ge­fahr spür­ten, dass alt­her­ge­brach­te Mei­nun­gen über Ju­den kon­tra­pro­duk­tiv hät­ten sein kön­nen. Die Fra­ge, die sich uns stellt: War die­ser ge­sell­schafts­po­li­ti­sche »Sta­tus quo« der Jah­re 1813 bis 1815 konsistent?

Wir dür­fen er­staunt sein, denn S. M. war noch im Jahr 1811 un­ent­schlos­sen, und un­ter die­ser Ei­gen­schaft hat­ten vor al­lem die füh­ren­den Re­for­mer zu lei­den. Gnei­sen­au schrieb un­ter dem 26. April 1811 ziem­lich frus­triert an v. Stein, nach­dem der Fort­gang not­wen­di­ger Re­form­vor­ha­ben nicht vor­wärts ging. Auf Grund von un­be­lieb­ten Steu­er­vor­ha­ben schien der not­wen­di­ge Pa­trio­tis­mus ab­han­den gekommen.

»(…) Der Kö­nig steht noch im­mer ne­ben dem Trohn, wor­auf er nie ge­ses­sen hat, und ist im­mer Re­zen­sent des­sel­ben und de­rer, die auf des­sen Stu­fen ste­hen. An die­ser In­di­vi­dua­li­tät wird ewig je­der Ge­hül­fe schei­tern, der, Staats­mann im hö­he­ren Sinn, er­ha­be­ne An­ord­nun­gen zu ma­chen ge­denkt. Bei den jet­zi­gen neu­en Fi­nanz­ein­rich­tun­gen in­des­sen lässt er sei­ne Rä­te frei schal­ten, ob­gleich er dar­über be­reits miß­bil­li­gend sich ver­neh­men las­sen. Im Mi­li­tär­we­sen hin­ge­gen so­wie in den aus­wär­ti­gen Ver­hält­nis­sen be­haup­tet er noch im­mer sei­ne un­ge­heu­re ne­ga­ti­ve Stär­ke und wirkt ent­man­nend auf die­je­ni­gen, die gu­te Rat­schlä­ge er­tei­len. Üb­ri­gens ist er schlech­ter als je um­ge­ben, und wir ha­ben nicht ein­mal die Aus­sicht, ein Agnes Sorel zu erhalten. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au. Ein Le­ben in Brie­fen«, Hg. Dr. Karl Gri­wank, 1939, S. 163)

Es brauch­te erst die Nie­der­la­ge Na­po­le­ons in Russ­land, die »Kon­ven­ti­on von Tau­rog­gen«, den Ge­ne­ral Yorck und Clau­se­witz bis zum Auf­ruf »An mein Volk« vom 17. März 1813, um Preu­ßens Staats­bür­ger ein­schließ­lich der Ju­den zu den Waf­fen zu rufen.

Auf­ruf F. W. III. »An mein Volk«, 17. März 1813
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Hein­rich von Treit­sch­ke (1834 bis 1896), deut­scher His­to­ri­ker, po­li­ti­scher Pu­bli­zist und Mit­glied des Reichs­tags von 1871 bis 1884, stell­te da­zu fest: 

»(…) Seit dem 17. März tra­ten auch die brei­ten Mas­sen des Vol­kes in das Heer ein. Durch den Wett­ei­fer al­ler Stän­de wur­de die größ­te krie­ge­ri­sche Leis­tung mög­lich, wel­che die Ge­schich­te von ge­sit­te­ten Na­tio­nen kennt. Dies ver­arm­te klei­ne Volk ver­stärk­te die 46 000 Mann der al­ten Li­nien­ar­mee durch 95 000 Re­kru­ten und stell­te au­ßer­dem über 10 000 frei­wil­li­ge Jä­ger, so­wie 120 000 Mann Land­wehr, zu­sam­men 271 000 Mann, ei­nen Sol­da­ten auf sieb­zehn Ein­woh­ner, un­ver­gleich­lich mehr, als Frank­reich einst un­ter dem Dru­cke der Schre­ckens­herr­schaft auf­ge­bo­ten hatte. (…)«
(Vergl. Hein­rich von Treit­sch­ke »Deut­sche Ge­schich­te«, Bd.1, A.Krömer Ver­lag – Leip­zig, Hg. H. Heff­ter, S. 285)

Wir schau­en hier auf die wich­tigs­ten Er­eig­nis­se des Jah­res 1813:

– Im April rü­cken die Al­li­ier­ten Trup­pen vor Leipzig;
– Nach der Schlacht von Groß­gör­schen am 2. Mai zie­hen sich Rus­sen und Preu­ßen auf Dres­den zurück;
– Na­po­le­on siegt in der Schlacht bei Bautzen;
– Der Waf­fen­still­stand von Pläs­witz vom 4. Juni;
– Mit der »Rei­chen­ba­cher Kon­ven­ti­on« vom 27. Ju­ni wech­selt Ös­ter­reich in das La­ger der Alliierten;
– In der Völ­ker­schlacht bei Leip­zig vom 16. bis 19. Ok­to­ber wird Na­po­le­on geschlagen;
– 31. De­zem­ber 1813, Blü­cher über­quert bei Kaub den Rhein.

Blü­chers Rheinübergang
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Mit den rus­si­schen Trup­pen kehr­te auch Clau­se­witz nach Preu­ßen zu­rück. Der Ver­trag von Ka­lisch vom 28. Fe­bru­ar 1813 er­mög­lich­te es. Scharn­horst und Gnei­sen­au woll­ten den Oberst­leut­nant Clau­se­witz als Ver­bin­dungs­of­fi­zier zwi­schen der rus­si­schen und der preu­ßi­schen Ar­mee im Stab der schle­si­schen Ar­mee un­ter Blü­cher se­hen. Vol­ler Freu­de schreibt Clau­se­witz am 25. März aus Kalisch: 
»(…) Ich bin heu­te glück­lich hier ein­ge­trof­fen und ha­be die an­ge­neh­me Hoff­nung, mor­gen schon wie­der ab­rei­sen zu kön­nen; da ich aber mei­ne Pa­pie­re noch nicht ha­be, kann leicht ein Auf­ent­halt ent­ste­hen. Herrn vom Stein ha­be ich ge­spro­chen; er ist hier und völ­lig her­ge­stellt, sieht aber ziem­lich an­ge­grif­fen aus. Ich ge­he von hier über Bres­lau zum Ge­ne­ral Blü­cher, den ich hof­fent­lich in Dres­den fin­den werde. (…)»
(Vergl. »Karl und Ma­rie von Clau­se­witz«, Ein Le­bens­bild­nis in Brie­fen und Ta­ge­blät­tern von Karl Lin­ne­bach, Ver­lag von M. Warneck, 1916, S. 319 bis 320)
Clau­se­witz hat­te in Russ­land das Rin­gen um Smo­lensk, die Schlacht bei Bo­ro­di­no und Na­po­le­ons Über­gang über die Be­re­si­na ge­se­hen und hat Kriegs­er­fah­rung im »Gro­ßen« ge­sam­melt. Er hat­te den Za­ren Alex­an­der und al­le pro­mi­nen­ten Ge­ne­ra­le der rus­si­schen Ar­mee ken­nen­ge­lernt und wur­de mit dem St.-Annen-Orden zwei­ter Klas­se ge­wür­digt. Gleich­wohl soll­te Carl mehr Ent­täu­schun­gen als Er­fül­lung sei­ner Be­stre­bun­gen fin­den. Der Kö­nig, die Prin­zen au­ßer Au­gust und Tei­le des Ho­fes ver­hiel­ten sich ihm ge­gen­über lan­ge noch di­stan­ziert. Trotz al­le­dem, un­ser Carl ist im Früh­jahr vol­ler Freu­de und kann auch den Groll des Kö­nigs mehr oder we­ni­ger ver­schmer­zen. Aus Pe­nig, zwei Ta­ges­mär­sche von Mark­klee­berg und dem Tor­haus Dölitz ent­fernt, um das in der Völ­ker­schlacht er­bit­tert ge­run­gen wer­den wird, schreibt Clau­se­witz an sei­ne Marie: 

»(…) Daß ich wohl bin und glück­li­che Ta­ge ver­le­be, ist jetzt die Haupt­sa­che von dem, was ich dir zu be­rich­ten ha­be. […] Mein Freund G. 〈Gnei­sen­au〉 re­prä­sen­tiert wie ein Gott in sei­ner Ge­ne­rals­uni­form. Die Trup­pen sind hei­ter und sin­gen: „Auf, auf, Ka­me­ra­den!“ und ähn­li­che Lie­der, an­de­re jo­deln in Per­fek­ti­on. […] Ge­ne­ral Scharn­horst wird heu­te abend er­war­tet; ich freue mich un­end­lich ihn wie­de­r­u­zu­se­hen. Er hat den Kö­nig ge­be­ten, mich wie­der in die Ar­mee zu neh­men. Se. Ma­jes­tät ha­ben ge­sagt: „Clau­se­witz – hm! – ja; ich will mich er­kun­di­gen, ob er bei den Rus­sen gut ge­dient hat.“ Was dar­aus wird, weiß ich nicht recht. (…)«
(Vergl. »Karl und Ma­rie von Clau­se­witz«, Ein Le­bens­bild­nis in Brie­fen und Ta­ge­blät­tern von Karl Lin­ne­bach, Ver­lag von M. Warneck, 1916, S. 324 bis 325)

Wir wis­sen, der Kö­nig von Preu­ßen wird erst im Ver­lau­fe des Jah­res 1814 Clau­se­witz als Obers­ten wie­der zu­rück­neh­men. Aus den Brie­fen an sei­ne Frau ent­neh­men wir, dass er schwer zu tra­gen hat­te, im Avan­ce­ment über­se­hen zu wer­den. Vie­le sei­ner Ka­me­ra­den aus frü­he­ren Zei­ten wa­ren mitt­ler­wei­le schon avan­ciert. Über­haupt spie­geln die per­sön­li­chen Brie­fe Clausewitz´an Ma­rie eher die per­sön­li­chen Pro­ble­me des ei­ge­nen Fort­kom­mens wi­der. Über den Sol­da­ten an sich, au­ßer Ver­laufs­schil­de­run­gen von Be­we­gun­gen, Ge­fech­ten und Schlach­ten er­fah­ren wir nicht viel. Für die Pro­ble­ma­tik der Ju­den, kein ein­zi­ges Wort.

Die Fra­ge, die wir uns stel­len, lau­tet: War­um ge­lang es Clau­se­witz 1813 nicht wie sei­nem Gön­ner, Freund und ewi­gen Vor­ge­setz­ten Gnei­sen­au, Em­pa­thie zu ent­wi­ckeln und über sei­ne Sol­da­ten be­geis­tert zu schrei­ben? Sei­ne »Kin­der«, die Land­wehr, muss er fech­ten ge­se­hen ha­ben!? Gnei­sen­au be­rich­te­te ihm dar­über aus Gold­berg un­ter dem 28. Au­gust 1813: 

»(…) Mein teu­rer Freund. Wir ha­ben vor­ges­tern ei­ne schö­ne Schlacht ge­won­nen; ent­schei­dend, wie die Fran­zo­sen noch nie ent­schei­dend ei­ne ver­lo­ren ha­ben. […] Die­se Schlacht ist der Tri­umph un­se­rer neu­ge­schaf­fe­nen In­fan­te­rie. […] Ein Land­wehr­ba­tail­lon v. Thie­le ward von feind­li­cher Rei­te­rei um­ringt und auf­ge­for­dert, sich zu er­ge­ben. Es feu­er­te; nur ein Ge­wehr ging los. Den­noch er­ga­ben die Land­wehr­män­ner sich nicht; Nein! Nein! schrien sie, und stie­ßen mit den Ba­jo­net­ten. […] Nur das Ge­schrei der Strei­ten­den er­füll­te die Luft; die blan­ke Waf­fe entschied. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au Ein Le­ben in Brie­fen«, Hg. Dr. Karl Gri­wank, Ko­eh­ler & Amelang/Leipzig, S. 246 bis 248)

Bis heu­te mä­an­dert durch die Li­te­ra­tur die Zei­le ei­nes Ge­dich­tes des Nie­der­lau­sit­zer Schrift­stel­lers Carl Heun (1771 bis 1854) »Der Kö­nig rief und al­le, al­le ka­men …«. Ei­ne Me­ta­pher, die sich seit 1813 im Be­wusst­sein der Preu­ßen über zwei Jahr­hun­der­te hielt. Wir müs­sen hier schon noch zwi­schen den frei­wil­li­gen und den kon­skri­bier­ten Re­kru­ten un­ter­schei­den. Es gab Land­krei­se, wo sich die durch das Los be­stimm­ten Män­ner dem Zug zur Fah­ne wi­der­setz­ten. Der pa­trio­tisch ge­sinn­te ost­preu­ßi­sche Land­tag zö­ger­te in Fra­gen der Auf­stel­lung der Land­wehr. Die Stadt­ver­ord­ne­ten Ber­lins rich­te­ten ei­ne Pe­ti­ti­on an den Kö­nig, in der sie ba­ten, die Stadt Ber­lin von der Mi­li­tär­pflicht aus­zu­neh­men. Oder hier: 

»(…) In Bres­lau kam es zu hef­ti­gen Tu­mul­ten, als die Bür­ger für die Land­wehr ver­ei­digt wer­den sollten. (…)«
(Vergl. Das Le­ben des Feld­mar­schalls Gra­fen Neid­hardt von Gnei­sen­au, Hans Del­brück, in Bd. 2, Ver­lag Stil­ke, Ber­lin, 1908, S. 353)

Tat­sa­che ist auch, dass sich die Land­wehr in der An­fangs­pha­se der Be­frei­ungs­krie­ge im Jah­re 1813 mit be­grenz­tem Steh­ver­mö­gen zeig­te, was vor al­lem auf man­geln­de Aus­bil­dung zu­rück­zu­füh­ren war. 

»(…) Sie (die Land­wehr, Anm. Au­tor) stell­te ein or­ga­ni­sier­tes Volks­auf­ge­bot dar, mit un­gleich­mä­ßi­ger, oft ganz man­geln­der mi­li­tä­ri­schen Aus­bil­dung. Der na­tür­li­che Feh­ler ei­ner sol­chen Trup­pe ist der Man­gel an Zu­ver­läs­sig­keit. Un­mit­tel­bar ne­ben den Ta­ten der höchs­ten Tap­fer­keit in Mo­men­ten ei­ner glück­li­chen An­re­gung oder un­ter ei­nem un­ge­wöhn­lich kräf­ti­gen Füh­rer ist es vor­ge­kom­men, daß die Land­wehr­ba­tail­lo­ne beim ers­ten Ka­no­nen­schuß die Waf­fen weg­wer­fend auseinanderstäubten. (…)«
(Vergl. Das Le­ben des Feld­mar­schalls Gra­fen Neid­hardt von Gnei­sen­au, Hans Del­brück, in Bd. 2, Ver­lag Stil­ke, Ber­lin, 1908, S. 352)

An die­ser Stel­le hier ab­schlie­ßend je­doch noch ein­mal Gnei­sen­au, zi­tiert aus ei­nem Brief an die Gat­tin vom 18. Ok­to­ber 1813 aus Wet­ter­witz bei Leip­zig, des Mor­gens 5 Uhr: 

»(…) Schon vor­ges­tern hat die Blü­cher­sche Ar­mee aber­mals ei­nen herr­li­chen Sieg er­foch­ten. ….. Die Tap­fer­keit der Trup­pen un­ter­stütz­te auf das herr­lichs­te un­se­re An­ord­nun­gen. Wir hat­ten uns in Ba­tail­lons­mas­sen auf­ge­stellt. Das feind­li­che Ge­schütz wü­te­te dar­in sehr. Un­se­re Land­wehr­ba­tail­lo­ne ta­ten herr­lich. Wenn ei­ne feind­li­che Ku­gel 10 bis 15 Mann dar­nie­der­riß, rie­fen sie: Es le­be der Kö­nig! und schlos­sen sich wie­der in den Lü­cken über die Ge­tö­te­ten zusammen. (…)«
(Vergl. »Gnei­sen­au ein Le­ben in Brie­fen«, HG Karl Grie­wank, Ver­lag Köh­ler & Ame­lang, S. 260) 
Gnei­sen­au klagt nicht, son­dern hebt das Ver­hei­ßungs­vol­le her­vor, wie sich das für ei­nen er­folg­rei­chen Heer­füh­rer gehörte. 
Wie­vie­le Ju­den an den Ge­fech­ten und Schlach­ten des Jah­res 1813 an den je­wei­li­gen Or­ten teil­nah­men, wis­sen wir nicht. Über an­nä­hern­de Zah­len nach Fi­scher & Phil­ipp­son be­rich­te­ten wir wei­ter oben be­reits. Da Clau­se­witz an der Schlacht bei Groß­gör­schen am 2. Mai teil­ge­nom­men hat­te, ist er viel­leicht auch jü­di­schen Sol­da­ten be­geg­net, viel­leicht auch dem oben er­wähn­ten Mo­ritz It­zig, der spä­ter an sei­ner Ver­wun­dung starb. Wir wis­sen es nicht. Clau­se­witz schreibt un­ter dem 3. Mai, ei­nen Tag nach der Schlacht, an Marie:

»(…) Lie­be Ma­rie, ich bin ganz wohl, ob mir gleich ein klei­ner Fran­zo­se mit dem Ba­jo­nett hin­ter dem rech­ten Ohr ge­ses­sen hat. Man hat sich wü­tend ge­schla­gen, und ich bin so recht mit­ten un­ter dem Fein­de ge­we­sen. Da uns nicht ver­gönnt war, auf die Füh­rung des Ge­fech­tes ei­nen be­stimm­ten Ein­fluß zu üben, so blieb uns nichts üb­rig, als mit dem Sä­bel in der Faust zu wir­ken. Ge­ne­ral Blü­cher hat ei­ne Kon­tu­si­on, Ge­ne­ral Scharn­horst ei­nen Schuß ins Bein, doch nicht ge­fähr­lich; er ist aber zurück. (…)«
(Vergl. »Karl und Ma­rie von Clau­se­witz« Ein Le­bens­bild­nis in Brie­fen und Ta­ge­blät­tern von Karl Lin­ne­bach, Ver­lag von M. Warneck, 1916, S. 331 bis 331)

Wei­ter schil­dert Clau­se­witz die Ver­lus­te un­ter den Of­fi­zie­ren, un­ter an­de­rem den Tod des Prin­zen von Hes­sen-Hom­burg (*1787; † 2. Mai 1813 in Groß­gör­schen). Von den Ta­ten ein­fa­cher Sol­da­ten, wie bei Gnei­sen­au, lei­der kein Wort.

Denk­mal für den Prin­zen von Hes­sen-Hom­burg in Großgörschen
Quel­le: Wikipedia
Erst nach­dem Clau­se­witz nach dem Waf­fen­still­stand von Plä­witz Ge­ne­ral­quar­tier­meis­ter in der »Deut­schen Le­gi­on« un­ter Graf Wall­mo­den wur­de, le­sen wir in den Brie­fen an Ma­rie Schil­de­run­gen ein­zel­ner Ge­fech­te, die de­tail­lier­ter auch auf das Be­tra­gen der ein­fa­chen Sol­da­ten ein­gin­gen. So z. B. we­nig schmei­chel­haf­tes über die »Lüt­zower« und de­ren Steh­ver­mö­gen bei Wit­ten­burg un­ter dem 20. August.
(Vergl. »Karl und Ma­rie von Clau­se­witz«, Ein Le­bens­bild­nis in Brie­fen und Ta­ge­blät­tern von Karl Lin­ne­bach, Ver­lag von M. Warneck, 1916, S. 347)
*** Die »For­mul des Soldaten-Eides«: 
»(…) Ich N. N. schwö­re zu Gott dem All­wis­sen­den und All­mäch­ti­gen ei­nen leib­li­chen Eid, daß Sei­ner Ma­jes­tät dem Kö­ni­ge von Preu­ßen, Fried­rich Wil­helm III. mei­nem al­ler­gnä­digs­ten Lan­des­her­ren, ich in al­len und je­den Vor­fäl­len, zu Lan­de und zu Was­ser, zu Krie­ges- und Frie­dens­zei­ten, ge­treu und red­lich zu die­nen, ent­schlos­sen bin. Ich will die mir vor­ge­le­se­nen Krie­ges-Ar­ti­kel über­all be­fol­gen und mich in Aus­übung mei­ner sämt­li­chen Pflich­ten je­der­zeit so be­tra­gen, wie es ei­nem ehr­lie­ben­den und un­ver­zag­ten Sol­da­ten eig­net und gebühret. (…)«
(Vergl. »Der Fah­nen­eid«, Die Ge­schich­te der Schwur­ver­pflich­tung im deut­schen Mi­li­tär, Sven Lan­ge, Edi­ti­on Tem­me, 2002, S. 47 bis 48)
In un­se­rer wei­te­ren Be­trach­tung wer­den wir je­doch noch auf wei­te­re Aspek­te – den Eid be­tref­fend – zurückkommen.
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